Ralf Dujmovits auf dem Fahrrad-Ergometer. Fünf Wochen ist der Bühler Bergsteiger mit seiner Partnerin Nancy Hansen in der Hypoxiekammer des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln. | Foto: DLR/Felix Oprean

Ralf Dujmovits aus Bühl

Ein ganz spezieller „Aufstieg“

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„Schön, die Bühler Vorwahl zu sehen“: Von einem ganz besonderen „Aufstieg“ meldet sich Ralf Dujmovits. Nein, diesmal nicht von einem der Bergriesen im Himalaja oder Karakorum, sondern aus Köln, 53 Meter über Normalhöhennull. Genauer gesagt aus dem medizinischen Forschungslabors „envihab“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). In der dortigen Hypoxiekammer haben der erfahrene Höhenbergsteiger – Dujmovits ist der einzige Deutsche, der bisher alle 14 Achttausender bestiegen hat – und seine kanadische Partnerin Nancy Hansen ihr „Basislager“ aufgeschlagen.

Nancy Hansen an der Kletterwand. Das DLR-Team kann den Raum nur mit Atemmaske betreten | Foto: Dujmovits

Fünf Wochen im Forschungslabor

Fünf Wochen sind die beiden Alpinisten die Probanden eines ebenso spannenden wie ungewöhnlichen wissenschaftlichen Experiments. Wie berichtet, geht es bei dieser Studie des DLR in Kooperation mit der Universität Texas um die Frage, ob sich die Herzfunktion des Menschen in einer sauerstoffreduzierten Umgebung langfristig verbessert. US-Forscher haben bei Experimenten mit Mäusen, bei denen man vorher einen Herzinfarkt verursacht hatte, festgestellt, dass sich der Herzmuskel nach zwei Wochen in sauerstoffreduzierter Umgebung regeneriert. Jetzt soll festgestellt werden, ob die Herzleistung auch bei gesunden, durchtrainierten Menschen unter Hypoxie steigt.
Ganz ohne Berge geht es aber auch im fensterlosen Forschungslabor nicht. „Wir konnten dem DLR ein paar unserer Lieblingsbilder zusenden, und die hängen hier jetzt in unserem Habitat“, berichtet Dujmovits. So prangt neben dem Laufband der South Howser Tower (3 364 Meter) und erinnert die Bergsteiger an ihre Tour im vorigen Sommer in den Bugaboos in Kanada, einem der laut Dujmovits besten Granit-Klettergebiete der Welt.

Auf Herz und Nieren werden die Probanden untersucht. | Foto: Hansen

Nur acht Prozent Sauerstoffanteil

Nach und nach wurde in den vergangenen zwei Wochen in dem Labor der Sauerstoffanteil der Luft durch Zugabe von Stickstoff auf acht Prozent gesenkt (normalerweise 21 Prozent), was einer Höhe von 7 000 Metern entspricht. Und dabei ging es zu wie bei einer richtigen Expedition: „Nach zwei Tagen auf 7 112 Metern sind wir zur Regeneration wieder abgestiegen auf 4 000 Meter wie im Everest-Gebiet und befinden und jetzt wieder im Aufstieg zum Everest-Basislager“, berichtet Dujmovits. Ab dem 4. Juni soll es tagsüber wieder über die 7 000er-Marke gehen, und ab dem 6. des Monats ist geplant, auch die Nächte in dieser simulierten Höhe zu verbringen. Am 18. Juni wird der Sauerstoffanteil dann wieder hochgefahren. Die Bergsteiger können dann tags darauf die Kammer wieder verlassen und mit dem Zug die Heimreise nach Bühl antreten.

Wir hatten noch nicht eine Minute Langeweile

„Uns geht es gut“, so Dujmovits per Telefon. Etwas abgeändert wurde die Planung: In den Nächten wurde der Sauerstoffanteil in der Kammer wieder etwas erhöht, sodass die Kopfschmerzen, unter denen besonders Nancy Hansen litt, nachließen. „Wir hatten noch nicht eine Minute Langeweile“, so der Bühler Bergsteiger. Straff strukturiert ist der Tagesablauf: 7.15 Uhr Aufstehen, Frühstück, dann ab 9 Uhr umfangreiche ärztliche Untersuchen samt Kognitionstests – von denen sich die Forscher Erkenntnisse für eine künftige Therapieentwicklung für Patienten nach einem Herzinfarkt erhoffen.
Körperlich fit halten sich Dujmovits und Hansen beim Training auf dem Laufband und Fahrrad-Ergometer. An der rotierenden Kletterwand, die auf Wunsch der beiden ebenfalls im Labor aufgestellt wurde, waren sie indes „bereits nach drei Minuten total erledigt“.

Blick in die Hypoxiekammer des Forschungszentrums in Köln | Foto: Hansen

Zwei Wochen auf gefühlt 7000 Höhenmetern

Gespannt sind beide, wie bei einem dauerhaften Aufenthalt über 7 000 Metern der Körper reagiert. Ein Kilogramm hat Dujmovits bisher abgenommen, er geht davon aus, dass sich der Muskelabbau noch um einige Kilo steigern wird. Und was vermissen sie am meisten? Den Kontakt mit Freunden und natürlich, draußen unterwegs zu sein. „Aber wir sind darauf eingestellt, dass wir fünf Wochen weg vom Fenster sind“, sagt Dujmovits. Wie bei einer Expedition verzichte man auf einiges, gewinne aber auch viel Neues hinzu. „Es ist einfach klasse, bei einer solchen Studie mitwirken zu können.“
Bestens betreut werden die beiden Probanden übrigens nicht nur medizinisch, sondern auch kulinarisch. „Jeden Tag gibt’s frische Erdbeeren.“