Begegnungen mit dem Dalai Lama: Das Leben und Wirken den tibetisch-buddhistischen Würdenträgers hat der Fotograf Manuel Bauer über Jahre festgehalten. | Foto: Manuel Bauer

Unterwegs mit dem Dalai Lama

Ein Weltmeister der Empathie

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Der renommierte Schweizer Fotograf Manuel Bauer ist dem Dalai Lama seit vielen Jahren persönlich verbunden und hat ihn auf über 50 Reisen in der ganzen Welt begleitet.  In einem Vortrag der Reihe „AugenBlicke“ (Sonntag, 10. März, 17 Uhr, Bürgerhaus Neuer Markt) berichtet er über seine Erlebnisse mit dem tibetisch-buddhistischen Würdenträger und über ihre gemeinsamen Reisen durch den Himalaya. Unser Redaktionsmitglied Klaus-Peter Maier sprach mit Manuel Bauer über seine Begegnungen mit Tenzin Gyatso, dem 14. Dalai Lama, und über sein Engagement für Tibet.

Ihr Vortrag in Bühl ist genau am 60. Jahrestag des Beginns des tibetischen Aufstandes gegen die chinesischen Besatzer. Was verbinden Sie mit dem 10. März 1959?

Bauer: Das ist natürlich eine ganz traurige Erinnerung. 60 Jahre und es ist nichts geschehen. Tibet scheint wieder in Vergessenheit zu geraten,  und die Regierung Chinas macht da oben, was sie will. Niemand guckt hin, man hat sich irgendwie arrangiert. Geld regiert die Welt, und niemand traut sich, etwas zu sagen. Das ist wirklich schlimm. Das zeigt auch den Zustand unseres Planeten, unserer Gesellschaft. Angesichts der Veränderungen auf der ganzen Welt müssen wir eigentlich zusammenstehen und sagen, hey, wir haben ein Riesenprojekt: Lasst uns die Welt retten. Stattdessen gibt es immer mehr Despoten und immer mehr Nationalismus. Jeder schaut nur noch auf sich, bereichert sich und begibt sich auf die kleinsten Gemeinschaften anstatt zu erkennen, dass man das nur zusammen hinkriegt. Tibet steht vielleicht nicht nur symbolisch dafür. Es gab Zeiten, da war man hoffnungsvoll und hatte das Gefühl, vielleicht bewegt sich doch noch was. Aber ich spüre zurzeit genau das Gegenteil.

Innige Freunde: der Dalai Lama und der Schweizer Fotograf Manuel Bauer. | Foto: Bauer

Sie setzen sich seit Jahrzehnten besonders mit Tibet auseinander. Wie kam es dazu?

Bauer: Das geht fast auf diesen Jahrestag zurück. Die Schweiz hat bereits Anfang der 60er-Jahre tausend Flüchtlinge aufgenommen, ein großer humanitärer Akt. Es war schon irgendwie mutig, dass ein kleines europäisches Land sagt: Denen geht’s ganz dreckig in den indischen Flüchtlingslagern, wir nehmen tausend Menschen auf. So gab es diese Verbindung von der Schweiz zu Tibet. Das ist wahrscheinlich die Quelle, durch die auch ich mit diesem Thema in Berührung kam. Ein Journalist, der sich seit den 60er-Jahren damit beschäftigte, nahm mich 1990 mit in die tibetische Diaspora nach Indien, und wir machten eine Recherche über die Frage, ob die tibetische Kultur nun ausstirbt im Exil oder ob die erste Flüchtlingsgeneration ihr Wissen an eine jüngere Generation weitergibt.

Sie haben selbst die Flucht hautnah miterlebt, als Sie 1995 zwei Tibeter, ein sechsjähriges Mädchen und deren Vater, von Tibet über den Himalaya nach Nordindien begleiteten. Wie präsent sind Ihnen heute noch diese Erlebnisse?

Bauer:  Das kriegt man natürlich nicht mehr weg. Wenn man so nahe an einem Schicksal ist und in einem gewissen Sinn dieses Schicksal auch teilt – man kann das sicher nicht ganz vergleichen, aber wir waren doch auf Leben und Tod miteinander verbunden ­-, schweißt das zusammen. Ich war dabei, als eine Familie zerrissen wurde, ich war dabei beim Abschied von der Mutter und wie dieses Kind über die höchste Bergkette der Welt marschierte, immer im vollen Bewusstsein, dass wir erschossen werden können, dass Gletscherspalten lauern, dass die große Höhe und Schneestürmen mögliche Todesursachen sein können. Das miterlebt zu haben, bewegt mich bis heuten,  und ich bin immer noch mit dieser Geschichte konfrontiert. Das rührt mich immer noch zutiefst und lässt einen nicht mehr los.

Sie haben den 14. Dalai Lama mehrere Jahre auf seinen Reisen begleitet, bei öffentlichen Anlässen, aber auch privat. Wie kam der Kontakt zu dem tibetisch-buddhistischen Würdenträger zustande?

Bauer: Das war bereits 1990, als ich die erste Reise in die indische Diaspora der Tibeter unternommen habe.  Ich war ein junger Fotograf, relativ frisch nach der Ausbildung. Wir versuchten, die Flüchtlingsgemeinde der Tibeter in Indien möglichst umfassend zu dokumentieren, von den Ärmsten bis zum Dalai Lama. Es war mir damals gar nicht bewusst, welches Privileg es war, dass dieser mich auch zu sich in seine Privaträume ließ und ich da Stunden mit ihm verbringen durfte. Das war schon ein Highlight in meinem Berufswerdegang. Ich bin dann voll in den Fotojournalismus eingestiegen und habe gemerkt: Tibet, das ist mein Thema – ein Volk, das – ähnlich wie heute – sehr wenig Aufmerksamkeit hat, ein grauenhaftes Schicksal, eine grauenhafte politische Tragödie mit all den Menschenrechtsverletzungen und dem kulturellen Genozid, aber auch mit einer Riesenkultur, einer gigantischen Geschichte und Philosophie. Ich wollte mich einfach politisch engagieren und die Tibeter waren mir äußerst sympathisch, da hat sich bei mir eine große Empathie entwickelt. Die Schicksale der Menschen, sie ließen mich einfach nicht los.

Wie redet man eigentlich den Dalai Lama an?

Bauer:  Bei offiziellen Begegnungen spreche ich ihn nicht direkt an, sondern in der dritten Person: Eure Heiligkeit. Aber wenn ich mit ihm relativ privat bin, dann verhalten wir uns beide so normal, wie das irgendwie geht. Dann sind wir per Du. Aber in der Öffentlichkeit bin ich natürlich auch in das Protokoll eingebunden und versuche es möglichst sauber einzuhalten. Doch er unterbricht das auch immer wieder, das ist eine Schönheit an ihm, dass er einen Deut auf diese Sachen gibt. Er sieht sich als ganz normaler Mönch aus Tibet. Er glaubt, es ist gut, diese Position zu haben, in der er vielleicht etwas bewegen kann, aber er sieht sich ganz als Mensch und auf derselben Ebene wie jeder andere. Er ist sogar total froh, wenn man direkt mit ihm ist, denn er sucht ja diese Distanz gar nicht, sondern die Nähe. Da provoziert er einen auch immer wieder mit lustigen Bemerkungen. Wenn man da mitmacht, dann entsteht eine unglaubliche Nähe. Er hat einen ganz menschlichen, fast kindlichen Humor.

Hat Sie diese Offenheit am meisten beeindruckt?

Bauer: Ja, schon. Meine erste Motivation war immer eine politische, diese Ungerechtigkeit, dass dieses Land von dem riesigen China völkerrechtswidrig besetzt ist. Aber dem Dalai Lama dann als Persönlichkeit zu begegnen, das ist schon tief faszinierend, auch losgelöst von dem politischen Hintergrund. Er ist eine der herausragenden Personen unserer Zeit,  und ihm zu begegnen ist tief berührend, weil er sein Leben lang jede freie Minute darauf verwendet, sich auf die wesentlichen Dinge, also das Mitgefühl, zu konzentrieren und seine Emotionen zu reflektieren. Das macht aus ihm einen ganz besonderen Menschen, der immer und in jeder Sekunde weiß, was das Richtige ist: Jeder Gedanke, jede Handlung und alles was er sagt, ist zentriert auf Mitgefühl, das macht ihn so authentisch. Darin ist er Weltmeister, er hat eine große Disziplin.

Gab es bei den Begegnungen auch Momente, in denen Sie die Kamera beiseite gelegt haben?

Bauer: Das gibt es natürlich immer wieder, wenn ich merke, da störe ich zu viel. Das ist ja mein dauernder Kampf als Fotograf und der Fluch meines Berufs, dass ich oft in ganz intimen, ganz stillen Momenten bin und eigentlich nicht stören will. Auf der anderen Seite bin ich ja nur in diesen Situationen, um zu versuchen, ein gutes Bild zu machen.  Hier die Balance zu finden, erfordert Geduld und Zeit. Es gilt, möglichst professionell mit möglichst wenig Störungen möglichst effizient und schnell das richtige Bild zu machen und sich dann wieder zurückzuziehen. Die Kamera und der Fotograf, wir stören ja immer. Aber das Tolle am Dalai Lama ist, dass er sich äußerst konzentrieren kann auf die wesentlichen Dinge. Also, wenn er will, dann schaltet er mich einfach aus. Ich bin eigentlich das traurigste Wesen im ganzen Universum, weil er betet ja konstant für alle fühlenden Wesen, aber mich ignoriert er.  Nein, nein, so ist es natürlich nicht! In dieser enormen Konzentration bei einen ganz komplexen Ritual kann es auch sein, dass er plötzlich den Kontakt zu mir oder sonst jemandem sucht, Witze macht oder auf etwas Lustiges hinweist. Dann schüttele ich mich schon mal vor Lachen und lege die Kamera kurz weg.

In ihren Vortrag berichten sie über die Reisen mit dem Dalai Lama durch den Himalaya. Wann entstanden die Aufnahmen und was waren Ihre eindrücklichsten Erlebnisse?

Bauer: Die ersten Bilder sind 1990 entstanden, die meisten von 2001 bis 2014, als ich vielfach mit dem Dalai Lama gereist bin, insbesondere im indischen Himalaya. Am eindrücklichen sind die Erlebnisse in den abgelegenen Gegenden, in denen seit Jahrtausenden tibetische Buddhisten siedeln.   Politisch gehören sie zwar zu Indien, aber der tibetische Buddhismus hat sich ja weit über das historische Tibet hinaus verbreitet. Da ist so eine schön, authentische Stimmung in diesen ländlichen Gebieten, wo die Leute vielleicht zwei, drei Wochen Fußmarsch auf sich nehmen, um den Dalai Lama zu sehen, und von entlegensten Tälern in ein anderes entlegenes Tal kommen, um beizuwohnen wenn er in den Buddhismus einweist.

Haben Sie heute noch regelmäßig Kontakt mit ihm?

Bauer: Ja. Ich habe vier Jahre nichts anderes gemacht, als ihn zu porträtieren. Das waren auch große finanzielle Ressourcen, die ich da eingesetzt habe. Irgendwann musste ich aber sagen, jetzt hast du Hunderttausende von Bildern, braucht die Welt noch mehr? Es wird natürlich auch immer schwieriger für mich, meine Bilder noch zu verbessern, wenn man schon so lange dran ist. Aber ich sehe ihn immer noch vielleicht zweimal im Jahr. Es kommt jetzt aber wahrscheinlich eine Phase, wo ich wieder viel intensiver mit ihm sein werde.

Hat die Begegnung mit dem Dalai Lama Ihre Arbeit, Ihr Leben und Ihre Haltung zur Welt beeinflusst?

Bauer: Ich hoffe doch sehr. Andererseits gingen meine Interessen schon in diese Richtung. Ich habe mich engagiert für unseren Planeten, sei es im Umweltschutz oder sei es in der Gesellschaft. Es war irgendwie natürlich, in diese Themen reinzugehen. Aber er ist ein unwahrscheinlicher Lehrer. Ich kann nur hoffen, dass ich von ihm ein bisschen was abgucken konnte.

Der Schweizer Fotograf Manuel Bauer begleitete den Dalai Lama auf über 50 Reisen. Foto: Bauer

„Man sucht sich seine Aufgaben nicht aus, es sind die Aufgaben, die einen finden.“ So haben Sie es mal formuliert. Welche neuen Aufgaben sind auf Sie zugekommen?

Bauer: Ich habe gerade ein großes Projekt abgeschlossen,  in das ich die letzten zehn Jahre investiert habe. Da ging es um den Klimawandel, auch wieder im Himalaya. Das Dorf Sam Dzong in Nepal hatte aufgrund der Klimaerwärmung kein Wasser mehr und musste umgesiedelt werden. Wir haben ein neues Dorf gebaut und versuchen, den Bauern auf 4000 Metern eine Zukunft zu organisieren. Das läuft jetzt, und so kann ich mich langsam zurückziehen, um offen zu werden für etwas Neues.

Und was wird das sein?

Bauer: Es wird wahrscheinlich wieder um den Dalai Lama gehen. Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben, aber es geht wohl in Richtung Filmreportage.

Sie sind ein Vertreter der engagierten Fotografie, die etwas bewirken will. Wie sehen Sie Ihren Beruf?

Bauer: Das Bild wird einerseits immer wichtiger und es gibt immer mehr Bilder. Aber andererseits wird es immer schwieriger, tiefgehende komplexe Themen zu publizieren. Wir haben immer weniger Platz für große Bildreportagen. Das ist ein Wandel, der mich beschäftigt, weil ich glaube, dass das Bild ein sehr globales, wichtiges Kommunikationsmittel ist und es schade wäre, wenn es seinen Platz verlieren würde.  Angesichts dieser Diskrepanz ist die Frage:  „Wie schaffen wir es, dass Bilder noch berühren können?“  Für mich ist der Klimawandel das prägende Thema, aber wir müssen uns auch Gedanken machen über die Demografie, über die Überbevölkerung unseres Planeten. Auch das müsste dringend thematisiert werden.

Also es gibt noch viel zu tun für den kritischen Fotojournalisten…

Bauer: Auf jeden Fall, wahrscheinlich mehr denn je.

Zur Person:  Manuel Bauer wandte sich nach seiner Ausbildung zum Werbefotografen dem Fotojournalismus für internationale Medien zu und spezialisierte sich auf Langzeitprojekte. Seit 1988 fotografiert er für seine Schwerpunktthemen in Indien und Tibet. Mehrere Jahre war er quasi der „Haus- und Hoffotograf“ des Dalai Lama. Der renommierte Schweizer Fotograf wurde unter anderem mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Internet: www.manuelbauer.ch