Mitglieder des Technischen Ausschusses und interessierte Kappelwindecker Einwohner informierten sich über den Zustand des Naturdenkmals. | Foto: Maier

Kappler Linde

„Ein zäher Hund, der leben will“

Anzeige

Seit fast drei Jahrhunderten trotzt sie vor der Kappler Barockkirche allen Widrigkeiten, vielfach angeschlagen, aber immer noch vital. „Ein wunderschöner, sehr seltener und sehr wertvoller Baum“, schwärmt Gutachter Thomas Herdt über die Kaiserlinde von 1737 – aber auch hochgradig gefährdet und gefährlich. Der promovierte Baumexperte aus Offenburg machte den Mitgliedern des Technischen Ausschusses und einigen zu dem Vor-Ort-Termin hinzu gekommenen Kappelwindecker Einwohnern denn auch unmissverständlich klar: Es besteht akuter Handlungsbedarf. „Sie haben hier ein erhebliches Problem, und wir müssen bald handeln.“

Verkehrssicherheit nicht gewährleistet

Der vom Regierungspräsidium Freiburg öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Garten und Landschaftsbau, der von der Stadt mit der Prüfung der Standsicherheit des Naturdenkmals beauftragt worden war, informierte vor Ort sowie anschließend im Friedrichsbau über den Zustand der „Tanzlinde“ – eine Besonderheit im gesamten badischen Raum. Der Baum unmittelbar an der Kappelwindeckstraße sei zwar standsicher, aber die Verkehrssicherheit sei nicht mehr gewährleistet. Denn die schweren, bis zu 16 Meter hohen Ständertriebe auf dem ausgemorschten Rumpf sind nach Informationen des Experten hochgradig bruchgefährdet. „Der Baum darf nicht mehr ins Laub kommen“, mahnte Herdt zur Eile angesichts der Windlast und der Gefahr, dass Äste aus dem oberen Bereich abbrechen. „Da muss dringend was passieren.“
Zwei Möglichkeiten stellte er dabei in dem Raum. So könnte ein zehn bis zwölf Meter hohes Korsett, ein Gitterkäfig, um den Baum gelegt werden. In diesem Falle wäre jedoch ein Fundament notwendig, was zeitaufwendig wäre und auch Probleme mit sich bringen könnte.

Baumgutachter Thomas Herdt aus Offenburg rät zum unverzüglichen Handeln. | Foto: Maier

Radikaler Rückschnitt notwendig

Als Alternative führte er an, drei starke Hauptständertriebe auf sechs bis acht Meter zu kappen. Außerdem müssten die Seitenäste zurückgeschnitten und das Gerüst erneuert werden. Der Sachverständige bezeichnete dies als einen zwar „absolut radikalen Eingriff“, der unter Umständen auch ästhetisch schwierig sei, er biete jedoch die Chance, „einen verkehrssicheren, einigermaßen vitalen Restbaum“ möglichst lange am Leben zu erhalten“.
Herdt  verwies hierbei auf ein Beispiel aus Offenburg: Vor dem dortigen Rathaus steht eine 120 Jahre alte, nur noch drei Meter hohe Robinie – „aber der Methusalem lebt und wird wieder grün“.
Dass auch die Kappler Linde weiterleben will, daran hat der Sachverständige keinen Zweifel. Der Baum wehre sich standhaft seit 170 Jahren, gerade seine Vitalität werde ihm zum Verhängnis, so Herdt. Auf 1847 datiert die erste Schadensmeldung, seither sind immer wieder Äste aus dem oberen Bereich herausgebrochen. „Der Baum hat traumatische Erfahrungen gemacht und versucht diese auszugleichen.“ Und nicht immer waren in der Vergangenheit ausgeführte Maßnahmen aus heutiger Sicht auch von Vorteil für die Linde. Der Brand an Silvester habe dem Baum übrigens nicht geschadet, so der Experte.

Die Kaiserlinde in Kappelwindeck ist nicht nur ein sehr alter, sondern auch ein sehr seltener, wertvoller Baum und einzigartig in ganz Baden „Eine Tanzlinde habe ich im Badischen noch nie gesehen“, betonte Gutachter Thomas Herdt. Der Begriff Tanzlinde geht auf – meist mehrere hundert Jahre alte – Linden zurück, die Mittelpunkt dörflicher Tanzfeste und Bräuche waren und zum Teil auch heute noch sind, heißt es auf dem Homepage des Deutschen Tanzlindenmuseums Limmersdorf. Vor allem in Franken und Thüringen stehen solche Tanzlinden, die zum Teil heute noch zum Tanzen benutzt werden. An der Kappler Linde wurden einst durch das Aufpfropfen von Reisern zwei Astkränze gebildet und Jahre später auf der oberen Ebene ein Tanzboden eingezogen. Eine Tanzlaube in drei Metern Höhe wird im Jahr 1787 erwähnt. Getanzt wird schon lange nicht mehr an der Linde in Kappel. OB Schnurr freut sich dennoch über das „absolute Alleinstellungsmerkmal im badischen Raum.“

Einstimmig folgte der Ausschuss dem Vorschlag des Experten, die Haupttriebe auf sechs bis acht Metern zu kappen, das Gerüst zu erneuern und die Mauer statisch zu ertüchtigen. Die Kosten des Rückschnitts bezifferte Herdt auf 1 500 bis 2 000 Euro, teurer werden die weiteren Maßnahmen. Die Verwaltung geht nach ersten Schätzungen von 20 000 bis 30 000 Euro aus. Die Arbeiten sollen zeitnah, auf jeden Fall vor dem Austrieb, ausgeführt werden.

Ein typischer Kappler, also nicht unterzukriegen

„Wir müssen der Verkehrssicherungspflicht gerecht werden“, sagte Margret Burget-Behm (CDU), klar sei jedoch auch: Der Baum müsse erhalten bleiben. Franz Fallert (FW) bezeichnete die Kappler Linde als „zähen Hund, der leben will“ und plädierte wie Hubert Oberle (CDU) für Holz bei der Gerüsterneuerung. Pit Hirn (SPD) meinte: „Die Kappung scheint das einzige vernünftige Mittel zu sein. Wir haben keine andere Wahl.“ Ein gewisses Restrisiko für spielende Kinder, so Herdt auf Nachfrage von Hirn, bleibe, denn eine 100-prozentige Sicherheit könne nicht gewährleistet werden. Ansonsten hieße nur die Wahl: Gitterkäfig oder Fällung. OB Hubert Schnurr regte an, eine Sturzvorkehrung an der Mauer anzubringen.
„Die alte Linde ist ein zäher Hund, der eigentlich seine Lebenserwartung schon lange überschritten hat. Sie ist aber immer noch vital und wächst aus dem letzten Loch heraus“, meinte Walter Seifermann (GAL). Und Lutz Jäckel (FDP): „Ein typischer Kappler, also nicht unterzukriegen.“

Die lange Geschichte des Kappler Wahrzeichens

Herabfallende Äste, Sturmschäden, Sachbeschädigung, Trockenheit, Schädlinge wie die Rote Spinnmilbe: Wer sich durch die Chronik der Kappelwindecker Linde liest, gerät leicht ins Staunen darüber, dass sie überhaupt noch steht. Doch ihre Geschichte ist eben auch eine Geschichte des beständigen Einsatzes für das Überleben.

Gepflanzt  am 1. April 1737

Im Frühling jährt sich die Pflanzung zum 281. Mal. Am 1. April 1737 hat Bürgermeister Johannes Zwingert „durch Wilhelm Schmoll, Bürger allda, den Lindenbaum bei der Kirche setzen lassen“, heißt es in einer Urkunde von 1756. Es war wohl nicht die erste Linde an diesem Ort. In einem Beitrag für den zweiten Band der Bühler Heimatgeschichte 1988 („Die Kaiserlinde zu Kappelwindeck“) zitiert Albrecht Kirschner Urkunden aus den Jahren 1408 und 1660, die Hinweise auf Vorgängerlinden liefern. Bereits im 17. Jahrhundert war im Übrigen die Rede von einer „Kaiserlinde“.
Demnach bezog sich der Name vermutlich auf den von 1440 bis 1493 regierenden Kaiser Friedrich III. Das könnte stichhaltiger sein als die später (und bis heute) verbreitete Version, nach der der Baum zu Ehren der Kaiserin Maria Theresia gepflanzt worden sei, nachdem sie auf einer Reise durch Kappelwindeck geritten sei; Kaiserin (als Gattin von Franz I.) wurde die Habsburgerin allerdings erst 1745.

Ein Ort der Geselligkeit

Von alters her war die Linde ein Ort der Geselligkeit. Schon um 1688 wird sie als Wahrzeichen und Ort für Jahrmarkt und für Feste geführt, 1778 ist von einer Tanzlaube in drei Metern Höhe die Rede.
1847 ist eine erste Schadensmeldung belegt: Durch Sturm wird ein Ast weggerissen und gegen die Kirche geschleudert. Es ist der Auftakt einer langen Reihe von Schäden und Krankheiten. Immer aber wird versucht, etwas dagegen zu unternehmen. So empfiehlt 1908 Hofgartendirektor Gräbener, etwaige Wunden mit Baumwachs zu verstreichen und größere Löcher nach dem Auskratzen mit einer Mischung aus Lehm, Gerstengrannen und Kuhfladen zu befüllen.

Ein Drittel des Geästs ist 1929 an der Kappelwindecker Linde abgebrochen. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Eisenbahnschienen für die Zukunft der Linde

Ein spektakulärer Schaden entsteht, als 1929 etwa ein Drittel des Geästs abbricht. Dadurch entsteht ein Loch im Baum und gibt den Blick frei auf seinen Zustand: Der Stamm ist bis weit in die Äste hinein hohl. „Schweres Geschütz“ muss aufgeboten werden: Mit zwei vier bis fünf Meter langen Eisenbahnschienenstücken wird eine Stütze errichtet, der Hohlraum wird ausgemauert. 1934 folgt eine Armierung mit vier Flacheisen. Die Innenwände der hohlen Linde werden mit Baumkarbolineum gestrichen. Danach ist (zumindest in den Akten) Ruhe bis in die 60er-Jahre, dann allerdings kommen die Schwierigkeiten in immer kürzeren Abständen – und machen bis heute immer wieder besondere Bemühungen erforderlich.
Dass man sich intensiv um den Erhalt der Linde kümmert, liegt auch an ihrer 1959 vollzogenen Einstufung als Naturdenkmal. Zu jener Zeit hat sie eine Höhe von 27 Metern und einen Stammumfang von 4,75 Meter. In den ersten Januartagen 1963 muss ein Brand im Baum gelöscht werden, Jugendliche haben in der Linde einen Feuerwerkskörper entzündet; später im Jahr bricht ein Ast und fällt auf die Straße. Der Baumchirurg Alexander Volgger aus München erarbeitet ein Sanierungskonzept. Morsches, von Pilzen befallenes Holz im Innern wird entfernt, die gesamte Eisenkonstruktion ebenso, dazu wird die Krone um acht bis zehn Meter zurückgenommen und teilweise durch Seilanker gesichert; die vorhandene Holzkonstruktion muss als Stütze für untere Äste bleiben.

1969 müssen aus Sicherheitsgründen einige Äste entfernt werden. Baumchirurgen sind jetzt oft Gäste in Kappelwindeck. Ende der 70er-Jahre wird der Baum dann als vom Wuchs her als gesund bezeichnet, indes sei eine Behandlung erforderlich, um den Niedergang aufzuhalten. Das gilt wohl bis heute, und deshalb wird regelmäßig nach der Linde geschaut.