Illenau Achern
Der Kirchenraum der einstigen Heil- und Pflegeanstalt. Hier ließe sich nach den gegenwärtigen Planvorstellungen ein Veranstaltungssaal mit rund 300 Sitzplätzen realisieren. | Foto: Michael Moos

Pläne für Kirchenraum der Illenau

„Es braucht noch ein bisschen Fantasie“

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Zwölf Veranstaltungen der Stadt Achern – und 25 Folgen einer detailreichen ABB-Serie zur Geschichte der Illenau: Das Jubiläumsjahr der 1842 eröffneten einstigen Heil- und Pflegeanstalt gab 2017 vielfach Anlass zur Rückschau. Wie kein anderes Projekt prägte die Illenau bis heute die Acherner Stadtgeschichte, und die Konversion ist längst noch nicht abgeschlossen. Im Gespräch mit dem „Acher- und Bühler Boten“ äußerte sich Oberbürgermeister Klaus Muttach zu den noch ausstehenden Aufgaben – in den Mittelpunkt rückt dabei der ehemalige Kirchenraum.

Illenau prägt Stadtgeschichte bis heute

Nach dem Ende der Jubiläumsveranstaltungen zieht Muttach eine positive Bilanz. Es sei „erfreulich, dass alle mitgemacht haben“ unterstreicht der Oberbürgermeister mit Blick auf die „vielen Beiträge“. Ein großes Lob gilt dem Illenau-Film von Frank König und Emre Özlü, den Muttach als „wagemutig“ bezeichnet: „Den Erfolg gönne ich den Filmemachern von ganzem Herzen“, sagt Muttach. Mit Freude habe er bei den Vorführterminen die lange Schlange wartender Menschen vor dem Acherner „Tivoli“-Kino wahrgenommen.

Noch nicht ganz abschlossen ist der Umzug verschiedener Einrichtungen in den frisch sanieren Südost-Flügel der Illenau. Das gilt für die kaufmännische Abteilung der Stadtwerke, aber auch für das städtische Fachgebiet „Baurecht“, das von Mitte Januar an ebenfalls hier zu finden sein wird. Mit Hilfe privater Investoren sei 2017 auch das zweite Torgebäude renoviert und einer Nutzung zugeführt worden:  Notar Thomas Kauffer hat hier sein Domizil bezogen und damit Muttachs Vision eines „Behördenzentrums“ in der Illenau einen weiteren Mosaikstein hinzugefügt.

Positiver Rückblick auf das Jubiläumsjahr

Die Konversion des historischen Gebäudeensembles will Muttach in den kommenden beiden Jahren fortsetzen. Im Doppelhaushalt hat er 850000 Euro für den Ausbau der Karl-Hergt-Straße in der höchsten Priorität eingeplant, ebenso die Außenanlagen des Südost-Flügels (385 000 Euro), den Ausbau des Hofs am „Maison de France“ (690 000 Euro) sowie Brand- und Blitzschutzmaßnahmen für das „Maison de France“ und die Illenau-Kapelle (insgesamt 47000 Euro). Für diese Maßnahmen kann die Stadt erneut Sanierungsmittel als Zuschüsse einplanen.

Kulturforum als „ein großes Thema“

In einer weiteren Prioritätsstufe sind 50000 Euro für die Überplanung des sogenannten Kulturforums vorgesehen. „Ein großes Thema“, so Klaus Muttach und spricht vom „Sahnehäubchen“ für die gesamte Illenau-Sanierung. Bis 2020 möchte er die Planung fertigstellen. Erste Pläne gab es bereits zu besichtigen – das Hauptproblem wird jedoch sein, eine geeignete Nutzung für den ehemaligen Kirchenraum zu finden – ob hier das „Kulturforum“ geschaffen wird, muss nach den Worten Muttachs erst noch diskutiert werden. Andere Überlegungen gibt es in Richtung Theater oder Vereinsarbeit – es gibt aber auch den Vorschlag zur Schaffung eines neutralen Kirchenraums zur ökumenischen Nutzung.

Der ehemalige Kirchenbereich über dem Festsaal hat eine Fläche von 242 Quadratmetern, die Empore misst 115 Quadratmeter. Der Vorraum erstreckt sich auf einer Länge von insgesamt 64 Metern. Der Kirchensaal wurde als Simultankirche für evangelische und katholische Gottesdienste eingerichtet. Die Einweihung als evangelische „Anstaltskirche“ erfolgte am 19. Februar 1843. Die Weihe nach katholischem Ritus erfolgte dann am 14. Juni 1844. Nach dem Zwei Weltkrieg wurde die Illenau als Kaserne genutzt: Die französischen Streitkräfte wandelten den Kirchensaal in ein Kino um. Die noch in Teilen erhaltene Verglasung der Kirchenfenster stammt aus eine Offenburger Fensterglasfabrik.

 

Hauptproblem ist, so Muttach, die begrenzte Kapazität des Saals, der „nur“ rund 300 Menschen Platz bietet – die im Bereich der ehemaligen Glashütte angedachte Stadthalle wäre rund doppelt so groß. „Es braucht noch ein bisschen Fantasie“, meint der Oberbürgermeister. Würde man die Planungen für den Kirchenraum zugunsten einer Stadthalle allerdings nicht weiter vorantreiben und die Illenau-Sanierung ausgerechnet im zentrale Gebäude fürs Erste beenden, hätte dies aber auch erhebliche Auswirkungen für die weitere Finanzierung: „Es ist klar, dass wir dann keine Zuschüsse mehr bekämen.“ Das habe auch das Regierungspräsidium Freiburg bereits deutlich gemacht.

Erste Planungen für Veranstaltungsraum liegen vor

Immerhin liegen die ersten Planungen für einen Veranstaltungsraum in der über dem Festsaal liegenden einstigen Illenau-Kirche bereits vor. Abgekommen ist man verwaltungsintern von dem einstigen Wettbewerbsentwurf, der im hinteren Bereich einen Anbau und eine Verglasung der gesamten Fassade vorsah. Heute ist ein von Carmen Weber, Leiterin der städtischen Fachgruppe Hochbau, gefertigter Plan in der Diskussion, der auch bereits beim Tag der offenen Tür in der Illenau zu sehen war. Dieser basiert auf einer im Gegensatz zur bisherigen Kirche „umgedrehten“ Anordnung der Sitzreihen.

Variable Bühne statt Empore im Zugangsbereich

Die variable, weil höhenverstellbare Bühne würde unter Verzicht auf die Empore im heutigen Zugangsbereich zum ehemaligen Kirchenraum eingebaut, die Plätze für das Publikum könnten von der heutigen Apsis ausgehend in Richtung Bühne angeordnet werden. Rechts und links des Kirchenraums gibt es ausreichend Platz für eine neue Treppenanlage sowie Sanitärbereiche, Künstlergarderoben oder Stuhllager.


Kommentar:

175 Jahre Illenau: Von der badischen Vorzeigeeinrichtung, in der die Patienten durch Ärzte von Weltgeltung behandelt wurden, über die schrecklichen Ereignisse während der Nazi-Diktatur bis hin zur Nutzung als Kaserne für die französischen Streitkräfte – die einstige Heil- und Pflegeanstalt in Achern kann durchaus als ein Spiegelbild der deutschen Geschichte gesehen werden.

Gelungene Konversion

Dazu gehört aber auch die Konversion mit Hilfe beträchtlicher Steuermittel, die das Gebäudeensemble vor den Toren Acherns zu dem gemacht haben, was es heute ist: Ein lebendiges Behördenzentrum, ein attraktiver Platz zum Wohnen, aber auch eine Stätte der Erinnerung und ein für viele Menschen lohnenswerte Naherholungsziel. Kein Zweifel – die Konversion ist, nicht zuletzt dank des Rahmenplans von Oberbürgermeister Klaus Muttach gelungen. Die Entwicklung der vergangenen Dekade spricht eine deutliche Sprache und stellt die Pessimisten, die nicht an eine Zukunft des historischen Gebäudeensembles geglaubt und für den Abriss plädiert haben, in ein schlechtes Licht.

„Jahrhundertaufgabe“ geht weiter

Bei aller Freude über die Tatsache, dass die einstige Heil- und Pflegeanstalt ihren 175. Geburtstag in neuem Glanz erleben durfte – abgeschlossen ist die „Jahrhundertaufgabe Illenau“ noch keineswegs. Jetzt warten erstmal ein paar äußerliche Gestaltungsaufgaben auf ihre Erledigung – dann aber geht es wieder einmal um ein Großprojekt: Der ehemalige Kirchenraum über dem Festsaal ist noch weitgehend in dem Zustand, in dem die französischen Soldaten ihn verlassen haben – sogar die Kino-Leinwand hängt noch. Im Prinzip sind sich alle einig: Der letzte Sanierungsabschnitt stellt gewissermaßen die Krönung der Konversion dar. Das „Sahnehäubchen“, wie sich Oberbürgermeister Klaus Muttach ausdrückt. Doch bis dorthin ist es noch ein langer Weg.

Zündende Idee für Saal fehlt

Unter anderem weil es leider noch immer an einer zündenden Idee für eine mögliche Nutzung eines 300 Personen fassenden Saals fehlt. Obendrein ist mit diesem Thema auch die Frage des Baus einer Stadthalle verbunden. Dort geht es um eine Kapazität von rund 600 Personen. Beide Projekte kosten Millionen, und beide zu stemmen, würde wohl die finanziellen Möglichkeiten der Stadtkasse überfordern.

Stadthalle würde neue Möglichkeiten eröffnen

Für beide Alternativen gibt es gute Argumente. Eines davon ist: Die Erneuerung der Illenau ist nicht komplett ohne den Abschluss im Zentralgebäude. Und natürlich ist ein Saal mit professioneller Bühnentechnik für 300 Personen nach bisherigen Maßstäben ausreichend für die meisten Veranstaltungen in Achern. Zumal es eine Halle für 600 Personen bereits gibt – in Großweier zwar, aber das sollte in Zeiten einer zusammenwachsenden Großen Kreisstadt keine gravierende Rolle spielen. Wahr ist aber auch: Der Neubau einer Stadthalle, etwa auf dem bisherigen Gelände der Glashütte würde dem kulturellen Leben in Achern ganz neue Möglichkeiten eröffnen. So mancher neidische Blick geht dabei in Richtung Bühl, wo das Bürgerhaus seit Jahren Maßstäbe setzt. Eine spannende Debatte ist programmiert. Und vielleicht muss Oberbürgermeister Muttach einen neuen Rahmenplan kreieren. Michael Moos