Umstritten ist der Einsatz von Glyphosat: Nicht nur wegen fehlender Alternativen wird das Mittel im Obst- und Weinbau, aber auch im Ackerbau, genutzt. Die Kommunen verzichten darauf, müssen dafür aber einen höheren Arbeitsaufwand in Kauf nehmen. | Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Glyphosat-Einsatz im Achertal

„Fakt ist, dass wir den Wirkstoff derzeit brauchen“

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Von Kevin Sprauer

Der Ausstieg aus dem Unkrautgift Glyphosat beschäftigt auch die neue Bundesregierung. Die kontrovers geführte Debatte spiegelt sich unterdessen in der Region: Städte und Gemeinden im Raum Achern verwenden kein Glyphosat gegen unerwünschten Pflanzenwuchs, greifen aber sonst kaum in den anderweitigen Gebrauch des Mittels ein. Nicht nur wegen fehlender Alternativen wird es im Obst- und Weinbau, aber auch im Ackerbau, genutzt. Die Auswirkungen auf die Umwelt werden unterschiedlich bewertet, wobei nicht nur die Rolle der Landwirtschaft und des Wirkstoffs allein thematisiert wird.

Ökologische Motive bei den Kommunen

Neben der gesetzlichen Regelung im Pflanzenschutzgesetz führen die befragten Städte und Gemeinden ökologische Motive an. In Sasbachwalden, Renchen und Rheinau werden gar keine chemischen Herbizide eingesetzt. In Sasbach hat sich der Gemeinderat bereits vor einigen Jahren gegen den Einsatz von Glyphosat ausgesprochen, auch Achern, Lauf und Kappelrodeck verzichten auf das Mittel. Nicht nur der Kappelrodecker Bürgermeister Stefan Hattenbach hebt hervor, dass deswegen der Arbeitsaufwand „um ein Vielfaches höher“ ist. Auch der Hauptamtsleiter der Stadt Renchen, Stefan Gutenkunst betont: „Dann ist es natürlich klar, dass ein bissel mehr Unkraut irgendwo steht, weil man das personell nicht mehr machen kann.“ Die Städte und Gemeinden nutzen Alternativen auf maschineller oder biologischer Basis, teilweise werden die betreffenden Flächen umgestaltet.

Keine rechtliche Grundlage

Der Laufer Bürgermeister Oliver Rastetter sieht, auch wenn er persönlich den Einsatz des Mittels ablehne, „keine rechtliche Grundlage“ um auf Gemeindeebene regulierend einzugreifen. Es gelte „der Landwirtschaft Alternativen aufzuzeigen und Anderes zu fördern“. Das sei Aufgabe von „Bund und EU“. Demgegenüber schreibt die Stadt Achern in aktuellen Pachtverträgen drei Meter Abstand zu Gewässern, Feldgehölz- und Baumbeständen beim Einsatz von sowohl Dünge- als auch Pflanzenschutzmitteln vor. Bei Obstbaugrundstücken seien Herbizide nur in der Pflanzenreihe gestattet.

Gegen Einschränkungen in den Pachtverträgen

Der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV) sei gegen solche „Einschränkungen in Pachtverträgen“. Jochen Heimburger, der selbst Landwirt ist, führt aus, dass der Verband den „Einsatz von Glyphosat prinzipiell nicht für falsch und nicht für schädlich“ halte. „Wenn Landwirte meinen, das zu brauchen, und das nach Richtlinien einsetzen“, sollten „zugelassene Mittel“ zugestanden werden. Es würde „nicht zum Spaß“ eingesetzt werden, sondern als „ein Hilfsmittel, um Arbeitskräfte zu sparen und wirtschaftlich zu produzieren“. Daneben rechtfertigten auch „wissenschaftliche und anbautechnische Gründe“ den Gebrauch. In der Landwirtschaft gehöre es nicht zum „Standardrepertoire“, der Einsatz sei „in der Region nicht so dramatisch hoch“. Im Getreideanbau würden andere Herbizide häufiger eingesetzt werden, der „eindeutige Einsatzbereich“ von Glyphosat liege im Obst- und Weinbau.

Bandbespritzung unter den Rebstöcken

Das bestätigt auch Bürgermeisterin Sonja Schuchter, nach der in Sasbachwalden an Glyphosat auf wirtschaftlichen genutzten Flächen, „nur so viel wie tatsächlich nötig“ zum Einsatz komme. Im Weinbau werde es zur „Bandbespritzung unter den Rebstöcken“ eingesetzt.

Fehlende Alternativen

Der Qualitätsberater der Winzergenossenschaft Alde Gott in Sasbachwalden, Bernhard Ganter, bejaht: „Fakt ist, dass wir den Wirkstoff derzeit brauchen.“ Er betont, dass „bei vorgeschriebener Einsatzmenge keine negativen Begleiterscheinungen in der Natur und dem Produkt“ entstünden. Die Verwendung liege zum einen in „fehlenden Mittelalternativen“ begründet, zum anderen gebe es „für den Steillagenweinbau keine praktikable technische Lösung“. Der Herbizideinsatz erfolge im Unterstockbereich und damit „nur auf einer Teilfläche von zehn bis 20 Prozent“, die restliche Fläche habe einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt von Bienen und Insekten. Weil Glyphosat nur zeitlich begrenzt genehmigt ist, sei „Eile geboten, entsprechende Alternativen aufzutun.“

Umdenken gefordert

Der Vorsitzende des Acherner Imkervereins, Ernst Kafka hat „nichts gegen den gezielten Einsatz“, das Mittel werde aber deutlich umfassender eingesetzt. Glyphosat führe zu fehlenden Wildkräutern, wenngleich dieses für ihn nur „ein Faktor“ wegen der „mit Sicherheit noch gefährlicheren“, neu entwickelten Herbizide sei. Kafka fordert ein Umdenken in der Landwirtschaft. Er kritisiert, dass nicht nur Kleingärtner oftmals aus Bequemlichkeit zu den Mittel greifen, sondern Landwirte mancherorts „nicht mal Blumenwiesen stehen lassen.“

Mitverantwortlich für Insektenschwund

Auch der Sprecher der Acherner Ortsgruppe des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Franz Panter, kritisiert den privaten Einsatz des Mittels. Dort solle der Gebrauch nach seiner Ansicht verboten werden, da dieser im privaten Bereich, im Gegensatz zur Landwirtschaft, nicht kontrollierbar sei. Er sagt: „Man kann nicht den Landwirten immer alles in die Schuhe schieben“, auch wenn der Beitrag der Landwirtschaft zum Artenschwund „am Größten“ sei und seiner Ansicht nach der dortige Einsatz von Herbiziden „reduziert gehört“. „Aus Sicht des Naturschutzes“ sei Glyphosat allgemein „ein Unding“, da es „zum großen Teil mitverantwortlich für Insektenschwund“ sei.

Blühstreifen am Ackerrand

„Pflanzenschutzmittel sollten nicht verharmlost werden“ sagt Jochen Heimburger vom BLHV, es gebe aber „nicht nur schwarz und weiß“. Landwirte trügen nicht die alleinige Schuld, sagt er, dass es weniger Insekten gebe, auch durch neu gebaute Industriegebiete werde der „Lebensraum von Insekten eingeschränkt“. Um darauf aufmerksam zu machen, dass der Verband das Thema erkannt habe, will dieser in den kommenden Monaten Landwirte aktiv dafür werben, an Ackerrändern Blühstreifen anzulegen. Denn diese seien „die letzten, die davon profitieren, wenn es keine Insekten gibt.“

Glyphosat
Glyphosat bildet als chemischer Wirkstoff die Basis in sogenannten Totalherbiziden. Diese Breitbandherbizide wenden sich am Einsatzort gegen die vorherrschende Vegetation und töten diese ab. Seit den 1970er Jahren ist das erstmals vom Hersteller Montsanto auf den Markt gebrachte Mittel der weltweit am weitesten verbreitete Unkrautvernichter. Mittel auf Glyphosatbasis kommen sowohl in der konventionellen Landwirtschaft als auch im Obst- und Weinbau zum Einsatz.
Der private Gebrauch ist eingeschränkt, Glyphosat darf nicht auf versiegelten Flächen verwendet werden. Auch in der Privatwirtschaft ist die Zulassung und die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln streng gesetzlich geregelt.
EU-weit wurde der Einsatz von Glyphosat vergangenen Herbst bis 2022 auf fünf Jahre begrenzt zugelassen. Zuvor hatten sich in der EU insgesamt 1,3 Millionen EU-Bürger per Unterschriftenaktion für ein Verbot des Mittels ausgesprochen. ksp