Freude über Resonanz auf Aktionen im Jubiläumsjahr der Reformation bei Pfarrer Hans-Gerd Krabbe.
Freude über Resonanz auf Aktionen im Jubiläumsjahr der Reformation bei Pfarrer Hans-Gerd Krabbe. | Foto: dan

Fazit des Reformationsjahrs

„Kulturgüter sind in großer Gefahr“

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Ein Jahr lang flatterte die Lutherfahne am evangelischen Gemeindehaus in der Martinstraße. Mit dem offiziellen Ende des Jubiläumsjahres hat Pfarrer Hans-Gerd Krabbe diese nun abgenommen. Seit dem 31. Oktober 2016 drehte sich das Kirchengeschehen um das Thema Reformation. Wie die evangelische Kirchengemeinde Achern diesen Anlass gefeiert hat, das erzählte Krabbe unserem Redaktionsmitglied Janina Keller.

Wie haben Sie das Reformationsjahr gestaltet? Was stand alles auf dem Programm?

Krabbe: Im Gemeindehaus gab es eine zehnteilige Ausstellung mit vielen Informationstafeln, auch zu den reformatorischen Orten in der Region. Im September 2016 waren 29 Personen fünf Tage lang auf Studienreise zu den Luther-Stätten. Das war sicher ein Highlight. Außerdem machten wir im Mai einen Gemeindeausflug zum Melanchthon-Haus in Bretten und im Oktober ins reformatorische Straßburg.

Gab es neben den vielen Exkursionen auch Veranstaltungen in Achern?

Krabbe: Ich habe ein Reformatoren-Seminar mit zwölf Abenden gestaltet. Die Resonanz war groß, 21 Personen hatten sich dafür angemeldet. Zudem fand eine fünfteilige Predigtreihe zu den „reformatorischen Soli“ statt.

Viele aus der Gemeinde scheinen die Angebote gut angenommen zu haben. Welche Reaktionen haben Sie erlebt?

Krabbe: Jeder, der sich hat mitnehmen lassen, war begeistert. Etwa die Lebensumstände aus der Zeit Luthers anschaulich nachzuerleben, faszinierte die Menschen. Ich habe zum Beispiel das Ehebild der Reformatoren damals, den Hochzeitstag als „Tag der Trübsal“ zu bezeichnen, auf heute übertragen. Das hat zunächst für Irritation gesorgt, auch für Schmunzeln.

Hat das Jubiläum Effekte auf die Kirchengemeinde im Allgemeinen?

Krabbe: Für unsere Kirche hier vor Ort war das Reformationsjahr eine erfreuliche Sache. Veranstaltungen wie die Predigtreihe, aber auch das ökumenische Gemeindefest trugen dazu bei, viele Menschen zu erreichen.

Viele Chancen wurden nicht genutzt.

Gibt es Aspekte des Reformationsjahres, die Sie kritisieren?

Krabbe: Oft ging es im Raum der EKD (der Evangelischen Kirche in Deutschland) darum, Eventveranstaltungen hochzuziehen und nicht um die theologische Substanz. Überall gab es Luther-Produkte, Luther-Bier, Luther-Socken. Das Jahr hat Chancen geboten, theologisch weiterzukommen. Doch viele wurden nicht genutzt. Gerade auch in der Ökumene fanden oft Höflichkeitsveranstaltungen statt, die substanziell nichts verändert haben.

Sie selbst haben ein Buch veröffentlicht: „Zwölf Köpfe der Reformation“, heißt es. Es steht also nicht nur Luther im Mittelpunkt?

Krabbe: Genau, denn mit Luther kam im Grunde nichts Neues dazu. Alles war vorher schon angedacht oder wurde von anderen aufgeschrieben. Bei Luther waren die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort am Werk. Johannes Gutenberg mit dem Buchdruck, Kurfürst Friedrich der Weise mit seiner schützenden Hand. Man bedenke, Luther war Kandidat für den Scheiterhaufen.

Hätte es die Reformation Ihrer Meinung nach auch ohne Luther gegeben?

Krabbe: Ja, ich erinnere an den Schweizer Flügel der Reformation und an den Oberdeutschen, siehe Straßburg. Natürlich sollte man Luther würdigen. Doch in den Seminaren und Gottesdiensten wollte ich mit Vorurteilen aufräumen und Luther in die Reihe zwischen viele andere Reformatoren stellen.

Ist das Thema seit dem 31. Oktober nun abgeschlossen oder versuchen Sie, die Reformation weiter im Fokus zu halten?

Krabbe: Manch einer sagt mittlerweile, jetzt sei es aber gut, nachdem es fast an allen Orten „lutherte“. Die EKD hat das Gedenken an die Reformation über zehn Jahre gespannt – also eine Luther-Dekade. Wir haben diese in der Gemeinde eingeläutet, aber auf ein Jahr begrenzt.

Was könnte das alles für uns bedeuten?

Was ist Ihr persönliches Fazit?

Krabbe: Es war eine spannende Zeit, die das Interesse der Leute geweckt hat. Wenn in Zukunft im Gottesdienst der Name Luther oder Melanchthon fällt, da bin ich mir sicher, macht es bei vielen Klick. Doch was könnte das alles für uns Menschen heute bedeuten? Das ist die zentrale Frage, die über dem Reformationsgedenken steht.

Haben Sie eine Antwort darauf?

Krabbe: Der Widerstand Luthers vor dem Reichstag in Worms war eine Geburtsstunde für die Glaubens- und Meinungsfreiheit. Diese Kulturgüter sind heute in großer Gefahr. Ich hoffe, dass das Jahr auch dazu angeregt hat, über diese Freiheiten nachzudenken.