An die Frühzeit der Fotografie erinnern die Werke von Hannah Schemel. Sie setzt auf Ruhe und Entschleunigung, ein Motiv wird stundenlang fokussiert. | Foto: Steffen Diemer/VG Bild-Kunst

Jedes Bild ist ein Unikat

Fotografin Hannah Schemel aus Bühl erhält Mannheimer Kunstpreis

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Die aus Bühl stammende Fotografin Hannah Schemel erhält für ihre Arbeiten den Mannheimer Kunstpreis der Heinrich-Vetter-Stiftung. Die 26-Jährige konzentriert sich bei ihren Fotos auf ursprüngliche Themen, die sie mit hohem Aufwand und hoher handwerklicher Präzision bearbeitet. Am Ende ist jedes Bild ein Unikat.

Die Zeit ist eine entscheidende Größe in der Fotografie. Ihr Zusammenspiel mit der Blende macht oft den Unterschied zwischen einem guten und einem weniger guten Bild aus: Wie lang oder kurz darf die Belichtungszeit sein?

Wenn Hannah Schemel zu ihrer Ausrüstung greift, stellt sich eine solche Frage meistens nicht. Denn bei der aus Bühl stammenden Fotokünstlerin aus Mannheim geht es um ganz andere Dimensionen von Zeit.

Ruhe und Entschleunigung

„Ruhe und Entschleunigung, reduziert, nachhaltig, langfristig und natürlich“, so beschreibt Schemel ihre Philosophie: „Sich auf ein Motiv einlassen, Stunden oder Tage eine Stelle beobachten, die meist nicht direkt nach Aufmerksamkeit schreit.“

Ihr gehe es um kleine, intime Momente, um Dinge, die „so leicht zu übersehen und so sehr unterschätzt“ seien. Damit hat sie sich bereits einen Namen gemacht; dafür stehen mehrere Ausstellungen, aber auch der Mannheimer Kunstpreis der Heinrich-Vetter-Stiftung.

Dass sie in diesem Jahr den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis erhält, mit dem auch eine Ausstellung im Sommer verbunden ist, hat Schemel in der vergangenen Woche erfahren: „Das ist eine tolle Sache, mit der ich nicht gerechnet habe.“

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Mit Einwegkameras ging es los

Schemel, die 2012 am Windeck-Gymnasium ihr Abitur abgelegt hat, ist von Kindheit an Fotografie-versessen: „Ich habe mit Einwegkameras meine Umgebung geknipst, die Spielsachen, die Familie.“ Zwischenzeitlich sei dieser Fotografierfaden abgerissen, neu geknüpft habe sie ihn bei einem Schüleraustausch in den USA.

Analoges Fotografieren sei dort ein Schulfach gewesen, pro Tag mit einer Stunde: „Ich habe gelernt, in der Dunkelkammer Bilder zu entwickeln und Abzüge herzustellen. Das war eine sehr intensive Zeit.“ Aus der Glut wuchs wieder das Feuer.

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Kommunikationsdesign studiert

An der Hochschule Mannheim studierte Schemel Kommunikationsdesign. Auch wenn die Inhalte dort in kommerziellere Richtungen gezielt hätten als der von ihr gesuchte künstlerische Ansatz, habe sie wertvolles Werkzeug an die Hand bekommen, etwa das Wissen über „die ästhetische Gestaltung einer Fotografie, den Bildaufbau, die Kontraste.“

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Jedes Bild ein Unikat

Der schnelle Klick ist ebenso wenig ihre Sache wie die Masse: „Wenn ich in die Tiefe gehen, mich mit etwas auseinandersetzen möchte, dann braucht das Zeit.“

Ihre handwerklich anspruchsvolle Technik weist in die Frühzeit der Fotografie. Schemel fotografiert analog im Großformat, die Negative werden einzeln entwickelt und das Bild direkt auf ein spezielles, eigens für Schemel handgeschöpftes Büttenpapier belichtet, auf das sie mit einem Pinsel Platin und Palladium aufgetragen hat.

Das Motiv wird stundenlang fokussiert und prägt sich so als Schattenriss ins Papier ein. So wird jedes Bild zum Unikat. Das erfordert aber auch ein handwerklich exaktes Arbeiten, einen Fehler verzeiht die Methode nicht. Doch ist die Technik nur ein Baustein unter mehreren, ein anderer ist die Zeit.

„Ich recherchiere sehr viel und lese sehr viel. Die Motive habe ich schon im Kopf, wenn ich losgehe.“ Und nicht jedes Mal kehrt sie erfolgreich zurück: „Ich warte manchmal stundenlang, packe auch meine Sache schon mal wieder zusammen, wenn ich merke, es gibt nichts. Ich muss von der Sache zu 100 Prozent überzeugt sein.“

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Projekt im Schwarzwald

Inhaltlich kreist sie mit ihrer Kunst um zwei Schwerpunkte, denen sie japanische Titel gegeben hat: umi (Meer) und kigen (Ursprung).

Aktuell arbeitet sie an einem Projekt zum Schwarzwald: „Ich muss nicht an exotische Orte fahren oder reißerische Bilder machen. Ich fahre zu meinen Ursprüngen, an Orte, die ich gute kenne, mit denen mich etwas verbindet.“ Dort hofft sie auf die Momente, die es wert sind, durch ihre Kunst zeitlos zu werden.

Dabei arbeitet sie mit dem Fotografen Steffen Diemer zusammen. „Eine gemeinsame Bekannte, die eine Galerie führt, hat uns bekannt gemacht. Er suchte gerade eine Assistentin, und ich war gerade am Schauen, was nach dem Studium folgen könnte.“

Jetzt ist Diemer ihr Mentor, mit ihm betreibt sie ein Atelier in der Pfalz. Auch gemeinsame Ausstellungen gab es bereits, eine weitere mit Bildern aus der Schwarzwald-Serie beginnt im April in Singen.

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„Ein Stück Kuchen für die Seele“

Ob es auch mal eine Ausstellung in Bühl geben könnte? „Ja, warum nicht“, sagt sie. Auch das ist vielleicht nur eine Frage der Zeit. Es wäre jedenfalls die Möglichkeit, Bildern nachzuspüren, die Hannah Schemel poetisch „ein Stück Kuchen für die Seele“ nennt und die mit ihrer Sogwirkung für Augenblicke die Grenzen der Zeit aufheben.