Üben in Verzicht: Weil alle Restaurants geschlossen bleiben müssen, fällt der Kaffee in der Öffentlichkeit aus. Die meisten Mitarbeiter sind jetzt in Kurzarbeit. Wie es nach der Krise weitergeht, ist nicht abzusehen. Foto: dpa

Corona-Verordnung

Gastronomen in der Ortenau bangen wegen Corona um ihre Zukunft

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Restaurants dürfen in ganz Baden-Württemberg wegen des Coronavirus nicht mehr öffnen. Nun bangen Gastronomen um ihre Zukunft – auch in der Ortenau. Ebenso ist der Tourismus von der aktuellen Krise stark betroffen.

Jean-Georges Friedmann wirkt ratlos. Der Hotelinhaber des Schwarzwälder Hofs in Achern war gezwungen, schnell zu handeln. „Von einem auf den anderen Tag mussten wir komplett auf null schalten.“

Seit vergangenem Samstag dürfen Restaurants laut einer Verordnung der Landesregierung zum Schutz der Bevölkerung nicht mehr öffnen. Die Folgen des Coronavirus haben inzwischen auch die Gastronomie in der Ortenau erreicht.

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Der Unternehmer Friedmann agiert vor allem als Mensch. Seine Angestellten hat er alle in Urlaub geschickt, sie bekommen also noch ihr volles Gehalt. Ab dem 1. April gilt dann Kurzarbeit.

„Das Wohl meiner Mitarbeiter ist mir am wichtigsten“, sagt der Betreiber des Hotels und badisch-elsässischen Restaurants. Deswegen bietet er aus gesundheitlichen Gründen auch keinen Lieferservice an.

Angestellte werden in Kurzarbeit geschickt

Auf dem Parkplatz vor dem Hotel Pflug in Ottenhöfen stehen keine Autos mehr. „Die letzten Geschäftsreisenden haben das Hotel verlassen“, sagt Geschäftsführer Ronny Ludwig. Die Mitarbeiter seien alle in Kurzarbeit. Um die mit der Schließung verbundenen Verluste aufzufangen, wollen er und seine Frau und Partnerin Mona Ludwig für das inhabergeführte Hotel alle Mittel beantragen, die möglich sind.

„Es wird ein gewaltiger Verlust“, schätzt Ronny Ludwig. Er geht von mehr als 250.000 Euro aus. Schließlich würden nicht nur die aktuellen Einnahmen wegbrechen, sondern auch Absagen für die kommenden Wochen seien zu erwarten.

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„Wir haben zwei Tagungen im März verloren, Ostern war ausgebucht und im April hatten mehrere Gruppen gebucht“, erklärt der Geschäftsführer. Noch nie – bis jetzt – hätte er Buchungen wieder ausbuchen müssen.

Zwar hat das Hotel des Landgasthofs Löwen in Sasbach zumindest für Geschäftstreibende geöffnet. Doch auch hier merkt Inhaber Daniel Köninger den Einfluss der aktuellen Situation. Die Zimmer, die belegt seien, könne er an einer Hand abzählen, sagt Köninger.

Das ist eine Katastrophe.

Daniel Köninger, Hotelinhaber aus Sasbach

Zumindest unter der Woche lässt er das Hotel weiter offen. „Wo sollen die Arbeiter denn sonst schlafen?“, fragt der 52-Jährige rhetorisch.

Das Restaurant musste Köninger derweil schließen und seine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. „In 30 Jahren habe ich das noch nie machen müssen. Das ist eine Katastrophe“, sagt Köninger. Um die Kosten zu minimieren, kümmert er sich selbst um die Zimmer. Und trotzdem seien die Reserven in vier bis fünf Wochen aufgebraucht.

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Besonders bitter: Erst im Februar hatte der Landgasthof aufgrund von Betriebsferien für drei Wochen geschlossen. Einen Lieferservice bietet Köninger zwar nicht an. Das würde sich nicht rechnen auf dem Land. Dafür können Kunden nach wie vor das hausgemachte Bier vor Ort kaufen.

Schweren Herzens musste das Berghotel Mummelsee den Hotel- und Restaurantbetrieb bis auf Weiteres schließen. Bärbel und Karl-Heinz Müller, die Geschäftsführer, seien sich ihrer Verantwortung den Gästen gegenüber aber bewusst. Weiter geöffnet hat dafür die Holzofenbäckerei. Dort gibt es auch frisches Obst und Gemüse.

Gastronomen haben wegen Corona kaum eine freie Minute

Taufen, Familienfeste, Hochzeiten: Alles nicht mehr möglich auf unbestimmte Zeit. Und trotzdem haben die Gastronomen kaum eine freie Minute. Jean-Georges Friedmann vom Schwarzwälder Hof bleibt in etwa nicht mal Zeit, um eine Runde spazieren zu gehen.

Stattdessen führt er Gespräche mit Banken, Behörden und dem Steuerberater. „Die Lage ist sehr schwierig für uns“, sagt der Unternehmer. Das Aus könne Friedmann nicht ausschließen. Wie lange er noch durchhält, weiß der Unternehmer nicht. Fest steht: „Ohne Hilfe überstehe ich die Durststrecke nicht.“

Aufgeben ist für Unternehmer in der Ortenau keine Option

Für die Zeit nach der Krise hat Friedmann – falls er sie übersteht – düstere Aussichten. Zwar freut er sich, wenn wieder Gäste kommen. Allerdings befürchtet er, dass sich viele Leute einen Besuch schlicht nicht mehr leisten können.

Auch Ronny Ludwig vom Hotel Pflug weiß nicht, ob es im Mai wieder aufwärts geht. Aber aufgeben ist keine Option: „Wir kämpfen weiter und legen los, sobald es wieder möglich ist. Unser Team steht voll hinter uns.“

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Der Inhaber des Löwen blickt ebenfalls nicht besonders positiv in die Zukunft. Köninger glaubt, dass die Krise deutlich länger andauert, als viele vermuten. Er geht frühestens vom Herbst dieses Jahres aus.

Und selbst dann vermutet der Unternehmer, dass es nur schleppend anläuft, da die Leute weiterhin verängstigt seien. Unterkriegen lässt sich Köninger dennoch nicht. „Wir haben schon viele schlimme Phasen überstanden und werden auch das überstehen.“

Katastrophe für Tourismus
Noch ist nicht absehbar, wie ländliche Gemeinden von den Beschränkungen aufgrund des Coronavirus betroffen sind. Dass aber unter anderem Seebach und Sasbachwalden besonders darunter leiden, daran gibt es keine Zweifel. „Die Auswirkungen werden enorm sein, im Moment ist es katastrophal für uns“, sagt Reinhard Schmälzle, Bürgermeister von Seebach. Genaue Zahlen kann er nicht nennen, dazu sei alles noch zu frisch. Aber klar scheint: An 60.000 Übernachtungen, auf die Seebach im vergangenen Jahr gekommen ist, kann nicht im Entferntesten zu denken sein.
Sonja Schuchter, Bürgermeisterin in Sasbachwalden, geht davon aus, dass vor allem Gaststätten, Restaurants und Übernachtungsbetriebe betroffen sind und an zweiter Stelle die Gemeinde. Schließlich würde die Gewerbesteuer wohl weitgehend entfallen.
Schmälzle setzt in Seebach auf Solidarität: „Die Gemeinde hofft auf finanzielle Hilfe in dieser Ausnahmesituation.“ Gleichzeitig mahnt der Bürgermeister aber auch, dass diese zwar schnell kommen, dabei aber nicht die Gründlichkeit vergessen werden solle, für wen und wie sie eingesetzt werde. Für seine Gemeinde hat Schmälzle die Abschläge in etwa beim Wasser heruntergesetzt. Außerdem werde – falls nötig – bei Anträgen geholfen.
In Sasbachwalden werden bereits zugesagte Zuschüsse, für die Sanierung der Ortsmitte (bis zu 50.000 Euro) oder von Gaststätten und privaten Zimmeranbietern (bis zu 4.000 Euro) weiter vorgenommen, versichert Bürgermeisterin Schuchter. Ebenso entfallen Kosten für Veranstaltungen, die wegen des Coronavirus abgesagt werden mussten.
Völlig unterschiedlich blicken derweil beide in die Zukunft. Während bei Schmälzle große Unsicherheit herrscht, was den Tourismus angeht, glaubt Schuchter, dass die Regionalität mehr denn je in den Fokus rückt nach der Krise.