Stefano Federico (am Ball) möchte ein Vorbild sein für andere gehörlose Sportler. Neben seinen Spielen für Rastatt tritt er, wie in dieser Szene bei einem Spiel gegen die Gehörlosen-Nationalelf, für den GSV Karlsruhe an. | Foto: Pit Schöler

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Gehörloser Torwart aus Rastatt auf dem Sprung in Futsal-Nationalmannschaft

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Fußball-Torhüter stehen während eines Spiels im ständigen Austausch mit ihren Vorderleuten. Stefano Federico aus Rastatt hat es auf ein beachtliches Niveau geschafft, obwohl seine Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist. Der 35-Jährige ist von Geburt an gehörlos.

Spätestens seit der Vorstellung von Manuel Neuer bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 ist klar: Torhüter sind die Liberos von heute. Dadurch, dass sie das gesamte Spiel vor sich haben, können sie nicht nur durch aktives Mitspielen, sondern vor allem durch ständige Kommunikation großen Einfluss auf das Verhalten ihrer Vorderleute nehmen.

Stefano Federico ist einer dieser modernen Torhüter. Er spielt beim Rastatter SC/DJK in der Bezirksliga und ist für ein Sichtungsturnier der deutschen Futsal-Nationalmannschaft nominiert – eine Fußballvariante, die in der Halle gespielt wird.

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Der 35-Jährige hat dieses beachtliche Niveau erreicht, obwohl ihm die Kommunikation von Geburt an erschwert ist: Federico ist gehörlos. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marius Faller spricht der gebürtige Rastatter mit Hilfe einer Dolmetscherin über seine ehrgeizigen Ziele, den Wechsel zwischen hörenden und gehörlosen Teams und die Anerkennung von gehörlosen Sportlern in der deutschen Gesellschaft.

Herr Federico, Sie kommen gerade von der Deaf-Futsal-Champions-League (deaf = englisch für taub). Dort sind Sie mit dem Gehörlosen Sportverein Karlsruhe Elfter geworden. Zufrieden damit?

Stefano Federico: Nein, absolut nicht. Wir sind im Achtelfinale im Sechs-Meter-Schießen ausgeschieden, obwohl wir das bessere Team waren. Im Jahr zuvor haben wir in Stuttgart den fünften Platz erreicht und ich hatte eigentlich das Gefühl, dass wir in diesem Jahr noch besser vorbereitet waren.

Gianluigi Buffon als Vorbild

Zusammen mit Kevin Bayer, der ebenfalls beim Gehörlosen Sportverein spielt, werden Sie als erster gehörloser Futsal-Spieler überhaupt an einem Sichtungsturnier des DFB teilnehmen. Ist die Futsal-Nationalmannschaft ein Traum von Ihnen?

Ja, das ist auf jeden Fall ein Wunsch von mir. Ich denke auch, dass ich die Leistung dafür bringe, allerdings spielt das Alter dabei eine große Rolle, ich bin schon 35. Leider habe ich zu spät mit Futsal angefangen. Allerdings versuche ich, mir an Gianluigi Buffon ein Beispiel zu nehmen, der mit 42 noch Fußball auf höchstem Niveau spielt.

Juve-Legende
Der italienische Torhüter Gianluigi Buffon ist ein Vorbild von Stefano Federico. | Foto: Martin Rickett/PA Wire

Sie sind in verschiedenen Teams aktiv. Wie sieht eine typische Trainingswoche von Ihnen aus?

Sobald das Wetter mitmacht und wir draußen spielen können, trainiere ich am Dienstag und Donnerstag beim Rastatter SC/DJK und am Freitag beim GSV Karlsruhe. Dazu kommen am Wochenende meistens zwei Spiele, eins für jede Mannschaft. Mein persönlicher Rekord war ein Wochenende, an dem ich für den GSV am Samstagvormittag in Heidelberg gespielt habe, mittags ein Futsalspiel in Karlsruhe hatte und am Sonntag eins für den Rastatter SC/DJK.

Wenn der Trainer im Stress ist, geht bei mir vieles durch

Fällt Ihnen der Wechsel zwischen hörenden und gehörlosen Teams schwer?

Die Gehörlosen-Welt ist mein Zuhause. Mit Hörenden habe ich nicht unbedingt Probleme, was die Kommunikation angeht, aber man merkt schon gewisse Einschränkungen. Wenn ich beim Rastatter SC/DJK bin, kommuniziere ich ausschließlich lautsprachlich, dabei benötige ich deutlich mehr Konzentration. Das direkte Verständigen mit meinen Mitspielern klappt gut, aber wenn der Trainer im Stress ist und schneller spricht, geht bei mir vieles durch. Meine Teamkollegen helfen mir dann, auch deshalb fühle ich mich in Rastatt sehr wohl. Das ist meine Heimat, ich kenne fast alle im Verein.

Traineramt als Möglichkeit nach der aktiven Karriere

Als Co-Trainer der gehörlosen Frauen-Nationalmannschaft waren Sie im November 2019 bei der Futsal-WM in der Schweiz dabei. Wie kam das?

Durch einen befreundeten Spieler habe ich erfahren, dass die Frauen noch einen Co-Trainer brauchen, der auch Erfahrung mit dem Torwartspiel hat. Nach einem halben Jahr „Probezeit“ durfte ich erst zur EM nach Finnland mit und nun auch zur WM, bei der wir Bronze geholt haben.

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Könnten Sie sich vorstellen, nach Ihrer aktiven Karriere vermehrt als Trainer tätig zu sein?

Auf jeden Fall. Da kann ich meine Stärken ausspielen, auch im psychologischen Bereich. Ich denke, dass ich Menschen gut führen kann. In der Zwischenzeit habe ich auch die C-Lizenz gemacht. Ein Vorbild in diesem Bereich ist Dirk Zimmermann, ein gehörloser Torwart-Trainer, der bei der zweiten Mannschaft von Fortuna Düsseldorf in der Regionalliga tätig ist.

Ich will den Hörenden zeigen, dass wir genauso gut sein können – oder sogar besser.

Ist Ihr Nachteil gegenüber anderen auch eine Motivation für Sie?

Absolut. Ich will den Hörenden zeigen, dass wir genauso gut sein können – oder sogar besser. Mit meinen Leistungen möchte ich auch ein Vorbild für andere gehörlose Spieler sein. Es gibt sehr viele talentierte Sportler da draußen, die allerdings keine Chance auf einen Aufstieg sehen.

Gehörlosigkeit wird oft mit einem Mangel an Intelligenz gleichgesetzt

Wie werden Gehörlose Ihrer Meinung nach aktuell in Deutschland wahrgenommen?

Nicht jeder Gehörlose kann gut mit Hörenden sprechen, Gehörlosigkeit wird deshalb oft mit einem Mangel an Intelligenz gleichgesetzt, was absolut nicht stimmt. Auch deshalb möchte ich aktiv in diesem Bereich sein und anderen den Weg ebnen, damit sie es in Zukunft leichter haben.

Bekommt der Gehörlosen-Sport hier genügend Aufmerksamkeit?

Wenn man es mit anderen Ländern vergleicht, dann muss ich leider sagen: Nein. In Osteuropa und dort vor allem in Russland und Polen bekommen gehörlose Sportler viel mehr Anerkennung und eine bessere Förderung. Auch in England ist Gehörlosen-Sport deutlich präsenter in den Medien.