Starb mit dem „Kini“ im Starnberger See: Bernhard von Gudden. | Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe

Ehemaliger Illenau-Arzt

Gemeinsamer Tod mit dem Bayernkönig

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Zur Geschichte der Acherner „Pflanzschule der Psychiatrie“ gehören auch renommierte Psychiater wie Richard von Krafft-Ebing und Bernhard von Gudden, die fachliche Wurzeln in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau haben. Bernhard von Gudden war vom 26. Juli 1851 bis zum 27. April 1855 unter dem Namen Bernhard Gudden Assistenzarzt bei Illenaudirektor Christian Friedrich Roller und erreichte spätestens mit seinem gemeinsamen Tod mit dem Bayernkönig Ludwig II. im Starnberger See traurige wie umstrittene Berühmtheit.

Disziplinierung statt Zwangsjacke

Christian Roller und der vom Niederrhein stammende Bierbrauersohn Bernhard Gudden hatten sich in Siegburg kennengelernt, wo Gudden nach dem Medizinstudium seine erste Stelle als Assistenzarzt hatte. In der Siegburger Einrichtung, schreibt Hanns Hippius, waren zu Guddens Zeiten, „Zwangsmittel (Zwangsjacken, Leibgurte, Zwangsstehen, Kurzbäder usw.) noch in Gebrauch.“ Die Grundsätze zwangsfreier Behandlung habe Bernhard Gudden nachfolgend in der Illenau stark verinnerlicht und weiter entwickelt. In der Illenau arbeitete man weniger mit den „üblichen mechanischen Beschränkungsmitteln“, sondern vorwiegend „mit moralischer Beeinflussung, Überredung und Disziplinierung“, wie der Dresdner Psychiater Sigbert Ganser 1924 schrieb. „Andererseits“, anerkennt Ganser die Praxis der Illenau, „kam ein System menschenfreundlicher Behandlung in einem Maße zur Verwirklichung, wie es bis dahin in deutschen Anstalten nicht bekannt war.“

Behandlung mit Folgen

Aus der Heil- und Pflegeanstalt Illenau, wo er auch seine ersten Publikationen verfasst hatte, nahm Bernhard Gudden auch Oberschwester Emma to der Horst mit an seine neue Stelle als Leiter der königlich Bayerischen Kreisirrenanstalt Werneck in Unterfranken.. Die dortigen ausführlichen Anweisungen Guddens spiegelten seine „Auffassungen von einem humanen Umgang des Pflegepersonals mit den Patienten“ (Hanns Hippius) wider. Die bei psychiatrischen Patienten seinerzeit gehäuft auftretenden Dekubitus (Druckbrand), Hauterkrankungen, Rippenbrüche und Ohrblutgeschwülste wies Bernhard Gudden als Folgen mangelhafter und gewaltsamer Behandlung nach. Schon in seinen Illenauer Untersuchungen hatte Bernhard Gudden das Mikroskop als Forschungsinstrument bei Tieruntersuchungen eingesetzt.

„Weltgeltung“ erlangt

Mit dem Mikroskop erreichte Gudden später als Mitbegründer der Neuroanatomie „Weltgeltung“, so Hanns Hippius. „Nach wenigen Jahren wurde die moralisierende Richtung der Illenauer Schule, die ihn niemals so recht befriedigt hatte, verlassen, der mechanische Beschränkungsapparat beiseite geschoben und die von Connolly ausgehende Bewegung für zwanglose Behandlung in einer für die deutsche Psychiatrie bahnbrechenden Weise aufgenommen“, schreibt Sigbert Ganser.

In den Adelsstand erhoben

Über eine Zwischenstation in Zürich als Professor für Psychiatrie an der Universität und Leiter des Kantonsspitals Burghölzli kam Bernhard Gudden im November 1872 nach München. König Ludwig II. ließ Bernhard Gudden unmittelbar wissen, dass er „den lebhaften Wunsch“ habe, dass er (Gudden) „periodische Besuche bei s. kgl. Hoheit, dem Prinzen Otto“ machen möge, der „in hohem Grade an nervösen Erscheinungen, verbunden mit Wahnvorstellungen“ leide. Der Königin Marie von Bayern, Mutter von Ludwig II., berichtete Gudden regelmäßig über die Besuche bei Prinz Otto. 1875 erhob Ludwig II. Bernhard Gudden in den Adelsstand.

Gutachten leitet Amtsenthebung ein

„Im Frühjahr 1886 nahm Bernhard von Gudden den Auftrag des Vorsitzenden des bayrischen Ministerrats an, sich gutachterlich über die Krankheit von Ludwig II. und dessen Regierungsfähigkeit zu äußern“, schreibt Hanns Hippius. „Seine Majestät sind in sehr weit fortgeschrittenem Grade seelengestört. Allerhöchstdieselben leiden an jener Form von Geisteskrankheit, die mit dem Namen Paranoia bezeichnet wird“, formuliert Bernhard von Gudden, ohne den zu dieser Zeit höchst unzugänglichen König eigens untersucht zu haben. Aufgrund des Gutachtens wurde die Amtsenthebung von König Ludwig II. eingeleitet; am 10. Juni 1886 wurde die Regentschaft des Prinzen Luitpold reklamiert.

Umstände nicht restlos aufgeklärt

Bernhard von Gudden übernahm die Verantwortung für die ärztliche Betreuung des von Schloss Neuschwanstein nach Schloss Berg am Starnberger See verbrachten Königs. Am 13. Juni 1886 unternahm Gudden mit dem König einen nächtlichen Spaziergang am See. Nachts wurden beide tot im See aufgefunden. Restlos werden die Umstände dieses Todes nicht aufgeklärt werden können. Dies kann auch in Ludwigs Sinn gedeutet werden, von dem der Satz überliefert ist: „Ein ewig Rätsel bleiben will ich mir und anderen.“

Herzensgüte bescheinigt

Der Münchner Bibliothekar und Autor Rupert Hacker schreibt: „Gudden war zu seiner Zeit der berühmteste deutsche Psychiater, der von allen Seiten aufgesucht … wurde. Außer seinem hervorragenden Verstand besaß er die … besonders für den Irrenarzt wichtigste Eigenschaft einer großen Herzensgüte, die ihn befähigte, mit größter Geduld die Leiden und Beschwerden seiner Kranken anzuhören … Hervorzuheben ist auch sein .. Mut im Verkehr mit gefährlichen Geisteskranken. Mehr als einmal war er in Lebensgefahr.“

Ein Freund Heinrich Schüles

Deutlich weniger dramatisch verlief das Leben Richard von Krafft-Ebings, der 1864 bis 1868 Assistent der Heil- und Pflegeanstalt Illenau war. In seiner schon in Illenauer Zeiten veröffentlichten Arbeit über die „Erkenntnis zweifelhafter Seelenzustände“ entwickelte Krafft-Ebing den nach wie vor gültigen Begriff der „Zwangsvorstellungen“. Krafft-Ebing, später Nervenarzt in freier Praxis in Baden-Baden, wurde Professor in Straßburg. „Durch Vermittlung seines Lehrers Roller“ wurde Krafft-Ebing 1873 die Direktion der damals neu errichteten Landesirrenanstalt Feldhof bei Graz und zugleich der Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Graz übertragen. 1889 wurde er als weltberühmter Psychiater als Professor an die Universität Wien berufen. Krafft-Ebing war zeitlebens mit dem Illenau-Direktor Heinrich Schüle befreundet.