Die alten Hühnerrassen werden heute nur noch von BDRG-Hobbyzüchtern gehalten. Das Foto zeigt die vom Aussterben bedrohten Deutschen Sperber. | Foto: Ulrich Coenen

Rassehühner im Garten

Gesunde Alternativen nach Hähnchenfleisch-Skandal

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Nach dem Eierskandal im Sommer 2017 kommt jetzt der Hähnchenfleischskandal. War es damals das Insektizid Fipronil, das über Desinfektionsmittel unerlaubt in Hühnereier aus Massentierhaltung gelandet war, sind es jetzt Campylobacter-Bakterien, die die Verbraucher verunsichern. Bei amtlichen Kontrollen von Hähnchenfleisch im Einzelhandel wurde der auch für Menschen gefährliche Durchfallerreger bei 52 Prozent der Proben festgestellt.

Viele Keime in Massentierhaltung

„Die Konzentration verschiedener Erreger in Geflügelställen ist in der Massentierhaltung grundsätzlich sehr groß“, erklärt Michael Götz, Tier- und Artenschutzbeauftragter des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG), auf Anfrage dieser Zeitung. Der Tierarzt aus Rastatt, der über Geflügelkrankheiten promoviert hat, weist insbesondere auf das Problem der Masthähnchen hin. Die industriell gezüchteten Hybriden wachsen so schnell, dass sie innerhalb von fünf bis sechs Wochen schlachtreif sind. „Dabei nehmen sie so schnell an Gewicht zu, dass sie in den letzten Lebenswochen nicht mehr laufen können“, sagte Götz. „Die Tiere bringen die Keime in den Schlachthof mit, wo im Akkord gearbeitet wird. Dabei ist es kaum möglich, so sauber zu arbeiten, dass sich die Campylobacter-Baterien, die im Hühnerdarm vorkommen, nicht über die Gerätschaften verbreiten.“

Konrad Lienhart ist Kreisvorsitzender der Rassegeflügelzüchter Rastatt/Baden-Baden und ehemaliger stellvertretender Landesvorsitzender in Baden. Das Foto zeigt den Bühler mit einem acht Wochen alten Brahma-Küken. | Foto: Ulrich Coenen

„Auf Teufel komm heraus!“

Für Konrad Lienhart aus Bühl, Kreisvorsitzender der Rassegeflügelzüchter Rastatt/Baden-Baden und bis vor wenigen Wochen in Personalunion auch Vizevorsitzender des Landesverbandes Badischer Rassegeflügelzüchter, ist die Sache ebenfalls klar: „Das hängt mit der Massentierhaltung zusammen. Die Landwirte sind geradezu getrieben, auf Teufel komm heraus riesige Stückzahlen zu halten und zu schlachten.“

Tipps für hygienische Zubereitung

Eine Gefahr für Verbraucher durch Campylobacter-Bakterien besteht nach Ansicht von Michael Götz nicht, wenn sie sich an wichtige hygienische Empfehlungen halten. „Das Fleisch muss vor Verzehr gut erhitzt werden“, rät der Veterinär. „Außerdem sollten in der Küche nicht gleichzeitig mit dem Hähnchenfleisch andere Speisen wie Salat vorbereitet werden. Das wäre fatal.“

Michael Götz aus Rastatt ist Tierarzt und Tier- und Artenschutzbeauftragter des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter. Er hält Hühner der alten badischen Rasse Sundheimer. | Foto: Ulrich Coenen

Zu hoher Fleischkonsum

Eine Ursache des Problems ist für den Tierschutzbeauftragten der große Fleischkonsum in Deutschland. „Wir können die aktuell benötigte Menge an Geflügelfleisch und Eiern nicht ökologisch produzieren“, meint er. Götz empfiehlt den Verbrauchern, vor diesem Hintergrund grundsätzlich weniger Fleisch zu essen.

Alte Rassen sind gefährdet

Ansonsten hält er die Haltung von Hühnern für die Selbstversorgung im eigenen Garten für sinnvoll. Dabei sollte man nicht auf die industriell gezüchteten Hybriden, sondern auf eine der rund 180 anerkannten Hühnerrassen, die bis in die 1960er-Jahren auf den Bauernhöfen zur Eier- und Fleischproduktion gehalten wurden, zurückgreifen. 20 gelten heute als gefährdet und stehen auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). „Bei diesen Zweinutzungsrassen werden die männlichen Küken im Gegensatz zu den Hybriden nicht nach dem Schlupf sofort vergast“, sagt Götz.
Konrad Lienhart weist darauf hin, dass immer mehr Kommunen bei der Ausweisung von Neubaugebieten Kleintierhaltung für Selbstversorger erlauben. Als Beispiele nennt er Gaggenau und Hügelsheim. Auch er rät unbedingt zu Rassehühnern. „Hybriden sind Industrieprodukte“, kritisiert Lienhart.

Kontakt zum BDRG

Nähere Informationen zur Rassehühnerhaltung für Privatleute erteilt im Auftrag des BDRG Konrad Lienhart, Telefon (0 72 23) 90 19 90.

 

Kommentar zum Thema

Ein Fleischskandal jagt seit Jahren den nächsten. Im besonderen Maße widerlich ist die industrielle Massenhaltung von Hühner mit aus verschiedenen Inzuchtlinien gezüchteten Hybriden. Auf engstem Raum gehaltene 45 Millionen Legehennen produzieren unglaubliche 14 Milliarden Eier pro Jahr allein in Deutschland und müssen bereits nach etwa 15 Monaten ihr kurzes Leben im Schlachthof lassen.
Die Hennen sind nach Eierlegen am Fließband so ausgemergelt, dass sie oft nicht einmal mehr als Suppenhühner taugen, sondern gleich im Tierfutter landen. Leider geht es auch den so genannten Biohühnern längst nicht immer besser. Auch dort kommen industrielle Hybriden zum Einsatz. Sämtliche Hahnenküken aus diesen Linien werden gleich nach der Geburt vergast, weil sie zu langsam Gewicht ansetzen und ihre Mast deshalb wirtschaftlich nicht lohnend erscheint. Stattdessen gibt es, ebenfalls aus dem Genlabor, spezielle Masthybriden, die nach sieben Wochen bereits 2,5 Kilo wiegen und längst nicht mehr laufen können. Knapp 600 Millionen dieser Vögel waren es 2017 in deutschen Ställen.
Ganz anders ist das Bild in den Hobbyzuchten des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG). Die alten zum Teil vom Aussterben bedrohten Rassen haben mit ihrem jahrhundertalten genetischen Potenzial wichtige Qualitäten. Ohne dieses könnte die lediglich eine Handvoll Spezialfirmen weltweit ihre Hochleistungshybriden in der Retorte übrigens gar nicht kreieren.
Rassehühner, die in der Erwerbslandwirtschaft seit den 1960er Jahren von Hochleistugshybriden verdrängt wurden, leben bei den Hobbyzüchtern glücklich, wie sie es vor vielen Jahrzehnten auf jedem Bauernhof getan haben: freilaufend, fröhlich scharrend und in der Regel drei bis vier Jahre. So lange legen sie nämlich. Dann geben sie eine feine Suppe oder ein leckeres Frikassee. Es sind Zweinutzungsrassen, die sowohl für die Eier- als auch für die Fleischproduktion taugen. Deshalb dürfen auch die Hahnenküken nach dem Schlupf ein halbes Jahr leben, bevor sie in den Topf wandern.
Die Rassehühner mit ihrem wunderschönen Gefieder sind im Gegensatz zu den Hybriden deshalb optimal für die Selbstversorgung im eigenen Garten geeignet. Oft werden aber farbige Hybriden im Handel als angebliche Rassehühner angeboten. Wer sich für die alten Rassen interessiert, sollte sich deshalb vom BDRG beraten lassen.