Nur noch Berufspendler sollen von Frankreich nach Deutschland einreisen dürfen. Die Bundespolizei kontrolliert streng.
Nur noch Berufspendler sollen von Frankreich nach Deutschland einreisen dürfen. Die Bundespolizei kontrolliert streng. | Foto: Brück

Coronavirus wirkt sich aus

Grenze in Kehl ist dicht: Franzosen dürfen nur zum Arbeiten nach Deutschland

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Die unaufhaltsam steigende Zahl der Corona-Infektionen auf beiden Seiten des Grenzgebiets hat die deutschen Behörden zu einer faktischen Schließung der Grenze zu Frankreich veranlasst. Pendler und der Lieferverkehr dürfen jedoch nach wie vor nach Deutschland einreisen. Es wird streng kontrolliert, auch in einem TGV. Der Betrieb der Tram nach Kehl ist inzwischen eingestellt.

Von Bärbel Nückles und Michael Brück

Ein paar Sorglose saßen am Montagmorgen in der Kneipe am Kehler Bahnhof am Tresen. Die Bäckerei nebenan serviert ausschließlich an der frischen Luft Kaffee und Croissant. Das sieht nach Normalität aus, ist jedoch das genaue Gegenteil.

An Wochentagen rauschen Tausende Autos und Lkw über die B28 Richtung Straßburg und genauso viele strömen von Straßburg aus nach Baden-Württemberg. „Heute um Punkt 8 Uhr haben wir mit systematischen Kontrollen begonnen“, erklärt Dieter Hutt, Sprecher der Bundespolizei aus Offenburg.

Am Wochenende fiel die Entscheidung im Berliner Innenministerium. Der Grenzverkehr soll drastisch heruntergefahren werden, um eine weitere Ausbreitung des Corona-Virus aufzuhalten.

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Franzosen brauchen triftigen Grund, um einreisen zu dürfen

De facto bedeutet das, die Grenze ist dicht für alle, die keinen triftigen Grund angeben können, warum sie sich an diesem Morgen in die Autoschlange einreihen, die auf Straßburger Seite bis weit in das Industriegebiet zurückreicht. Bislang würden keine Gesundheitstests durchgeführt, sagt Hutt. Man darf darüber spekulieren, ob das einer der nächsten Schritte in den kommenden Tagen sein könnte.

Wenige Minuten vor acht Uhr konnten am Montagmorgen noch alle Fahrzeuge unbehelligt über die Kehler Europabrücke auf die deutsche Seite des Rheins fahren.

Seit dem frühen Morgen bildeten entlang des ehemaligen Zollhäuschens einige orange-weiße Pylonenreihen Gassen, durch die sich der Autoverkehr schlängelte. Zu dem Zeitpunkt griff jedoch noch keiner der unzähligen Polizeibeamten ein.

Punkt acht Uhr änderte sich das allerdings schlagartig. Zwei Polizeibeamte hatten sich auf dem Fußweg unmittelbar am Ende der Brücke postiert. Dort kontrollierten sie Fußgänger und Radfahrer. Wer nicht glaubhaft nachweisen konnte, dass er in Deutschland arbeitet, musste wieder umdrehen.

Für Touristen, Zigarettenkäufer und Discounter-Besucher ist Deutschland jetzt dicht. Das gleiche Bild wenige Meter unterhalb in Höhe des Zollhauses. Hier kontrollierten mehrere Beamte die heranfahrenden Autos und Lastwagen.

Wie sieht ein Passierschein für Deutschland aus?

Wo eben noch der Verkehr gemächlich dahinfloss, bildete sich binnen weniger Minuten ein langer Rückstau. Denn hier wurde jedes Fahrzeug kontrolliert. Bundesbürger dürfen rein, auch Berufspendler aus Frankreich. Doch die müssen ihren Passierschein vorweisen.

„Allerdings wissen wir zurzeit nicht einmal genau, wie der tatsächlich aussieht“, sagt Hutt. „Wie sollten wir auch. Diese Entscheidung ist ja erst zum Wochenende gefallen. Wo sollten die Leute ein solches Dokument jetzt hernehmen?“, fragt er. Als Ersatz dürfen die Grenzgänger Lohnzettel und Gehaltsbescheinigungen vorzeigen. Einige haben auch kurzerhand ihren Arbeitsvertrag mitgebracht.

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Bereits am Wochenende hatte es erste Kontrollen gegeben. Bis zu 3,5 Stunden standen die Wartenden da auf der Europa-Brücke. Dabei hatten die deutschen Beamten seit Donnerstag lediglich den Zustrom verengt und stichprobenartig kontrolliert.

Französische Bürger kaufen auf Vorrat unter anderem Zigaretten an einer Tankstelle am Grenzübergang Rheinau/Gambsheim. | Foto: B. Spether

Tramverkehr zwischen Straßburg und Kehl ist eingestellt

Seit Montag ist auch der Tramverkehr zwischen Straßburg und Kehl eingestellt. Sonst entlässt die Tram bei jedem Halt auf deutschem Gebiet Menschentrauben in die Innenstadt. Stattdessen fährt sie aus technischen Gründen leer über den Rhein und wieder zurück – durch eine Innenstadt, die ebenso gespenstisch ausgestorben wirkt.

Was seit dieser Woche auf die Bevölkerung zukommt, ist nur auf den ersten Blick vergleichbar mit der Lage an der Grenze etwa nach dem Straßburger Attentat im Dezember 2018. Da hatte die Bevölkerung im Großraum Straßburg/Kehl engmaschige Kontrollen allerdings nur zwei Tage erdulden müssen. Wer nicht mehr ganz jung ist, kann sich darüber hinaus erinnern, wie es an der Grenze war vor der Gründung des Schengen-Raums.

Jetzt schicken wir jedoch jeden, der nur Zigaretten kaufen oder tanken möchte, sofort wieder zurück.

Dieter Hutt, Sprecher der Bundespolizei aus Offenburg

„Jetzt schicken wir jedoch jeden, der nur Zigaretten kaufen oder tanken möchte, sofort wieder zurück“, sagt Hutt. Das seien nämlich keine triftigen Gründe. Und so lauten die Anweisungen des Innenministeriums. Lastwagen, der gesamte Lieferverkehr und Pendler, die im deutschen Grenzgebiet zur Arbeit müssen, lassen die Beamten passieren.

„Wir sind auf dem Weg nach Offenburg“, sagt ein Autofahrer mit elsässischem Kennzeichen. Mit ihm im Wagen sitzen zwei Kollegen, alle arbeiten sie bei Edeka im Lager. Die Frau am Steuer hinter ihnen steuert den Firmenwagen einer Reinigungsfirma mit Sitz in Baden über die Brücke.

Gelegentlich machen Autofahrer eine Kehrtwende. „Die Entscheidung ist erst gestern, also am Sonntag bekannt geworden“, sagt Hutt. Deshalb würden die Angaben der Gründe, wenn sie denn plausibel erscheinen, nicht infrage gestellt.

Radfahrer wird von der Situation überrascht

Viele sind von der Situation überrascht, wie ein Radfahrer, der von deutscher Seite auf den Weg neben der Trambrücke zufährt, die Straßburger Universitätsbibliothek sei sein Ziel.

Von den Beamten, die ihm die Zufahrt zur Radfahrerspur neben den Tramschienen versperren, wird er auf die andere Seite verwiesen, wo die Kontrolle postiert ist. Letztlich darf er weiterfahren nach Straßburg. Die Universitätsbibliothek wird er nur geschlossen vorfinden.

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