Erstmals im Land: Deutschlands einziger zertifizierter Großtierretter Lutz Hauch (gelber Helm) trainierte in Achern mit Feuerwehrleuten aus der Region die „Rettung“ von Dummy „Sam“ | Foto: sp

Premiere in Baden-Württemberg

„Großtierrettung“ der Feuerwehren Achern, Kehl, Lahr und Offenburg

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Ein Pferdehänger mit offener Klappe, Feuerwehrleute mit Einsatzgerät und ein großes Fahrzeug mit Kranausleger, dazu ein vermeintliches Pferd am Boden: Da schrillten bei manchem die Alarmglocken – zumal in Nachbarschaft ein Reitclub sein Domizil hat. Pferde- und Tierfreunde konnten aber beruhigt werden: Bei der Aktion mit Kranwagen und Hebegeräten handelte es sich um eine Spezialübung zur sicheren und tierschutzgerechten Rettung von Pferden, Rindern und anderen großen Tieren.

Von unserem Mitarbeiter Roland Spether

Auslöser der Übung mit Feuerwehrleuten aus Achern, Kehl, Lahr und Offenburg war ein konkreter Fall an Heiligabend 2018. Denn einem Reiter war es in der Nähe von Wagshurst nicht mehr möglich, selbst sein Pferd aus einem Bach und dem tiefen Morast zu befreien, so dass die Feuerwehr gerufen wurde. „Der Einsatz hat uns über eine Stunde lang alles abverlangt. Nur mit Improvisationsgeschick und mit Hilfe eines Landwirtes und Schleppers konnten wir das Pferd unbeschadet retten“, erinnert sich der Acherner Kommandant Michael Wegel.

Rettung von Tieren in Lebensgefahr

So ging es jetzt bei der Übung um die Rettung von „Tieren in Lebensgefahr“, für die nach dem Feuerwehrgesetz die Feuerwehr zuständig ist. Bei Insekten bestehe keine Gefahr für Tiere, eher für Menschen und da müsste im Einzelfall geprüft werden, ob die Feuerwehr oder der Kammerjäger zuständig sei, so der Kommandant.

Realistische Übungsszenarien

Nach einem theoretischen Seminarteil stand Pferde-Dummy „Sam“ mit seinem Gewicht von 200 Kilogramm und beweglichen Gelenken im Mittelpunkt“. Das „Tier“ wurde in unterschiedliche „Notlagen“ gebracht und musste fachgerecht von den Feuerwehrleuten versorgt werden. Hierbei wurden realistische Übungsszenarien simuliert, um „Sam“ aus einem Teich, einem morastigen Graben oder einem Anhänger zu „retten“.

Schonende Befreiung ohne Schmerzen

Dabei wurden speziell für die Großtierrettung entwickelte Werkzeuge verwendet, die geeignet sind, Tiere schonend und schmerzfrei zu befreien. Um dem Tier nicht zu nahe kommen zu müssen, kamen lange Haken als „Armverlängerung“ zum Einsatz. Mit Fädelhilfen konnten aus sicherer Entfernung spezielle breite Gurte unter Sam durchgezogen werden.

Erste Großtierrettung im Bundesland

Die Übung „Großtierrettung“ war die erste ihrer Art in Baden-Württemberg, die Lutz Hauch, Deutschlands einziger zertifizierter Großtierretter mit Feuerwehrerfahrung leitete. „Jeder Rettungseinsatz birgt Risiken. Wer sich an einem Einsatzort mit einem oder mehreren Großtieren wie Pferde, Rinder, Lamas, Esel oder Bisons aufhält, setzt sich speziellen, teils erheblichen Gefahren aus“, so Hauch.

Tier in Not gefährlich

Denn Einsatzkräfte, aber auch Tierärzte, die an eine Unfallstelle gerufen werden, würden sich oft falsch verhalten. „Pferde in Notsituationen zeigen andere Verhaltensweisen als unter normalen Umständen. Ein ruhig liegendes Pferd wird, sobald es die Freiheit spürt, vehement ums Überleben kämpfen“, erklärte Lutz Hauch. Deshalb seien Rettungskräfte unmittelbar vom Tier ausgehenden Gefahren ausgesetzt, die durch fachliches Wissen und Können vermeidbar seien.

Bisher wurde improvisiert

Bis vor wenigen Jahren gab es in Deutschland keine Ausbildung für Einsatzfälle mit Großtieren. Die Rettungskräfte der Feuerwehren, weiß Hauch, haben mehr oder weniger unvorbereitet und nach bestem Wissen und mit viel gutem Willen improvisiert, wobei sie nicht selten bei Meldungen wie „Kuh auf der Autobahn“ oder „Pferd im Bach“ nicht selten ihre eigene Sicherheit und die Unversehrtheit des Tieres aufs Spiel setzten.