Altenpflege
Pflegedienstmitarbeiter nähern sich ihren Kunden. Problematisch in Zeiten von Corona. | Foto: Oliver Berg

Die Masken werden knapp

Helfen statt „social distance“: Ambulanten Pflegediensten in Mittelbaden fehlt es an Schutzkleidung

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Körperkontakt ist unvermeidbar. Ja, er ist in einem gewissen Sinne eigentlich der Sinn des Ganzen. In Zeiten des „social distancing“ sehen sich die ambulanten Pflegedienste in der Region vor außerordentliche Herausforderungen gestellt. Ihre Arbeit besteht schließlich darin, den Menschen nahe zu kommen.

Dass bei vielen Anbietern bereits die Schutzmasken knapp werden, macht die erforderliche Gratwanderung nicht einfacher. Dabei geht der besorgte Blick vor allem in die Zukunft, auf die kommenden Wochen: „Das ist jetzt noch die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Frank Schönwetter, stellvertretender Pflegedienstleiter der Diakonie Sozialisation in Offenburg.

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Und auch Elke Schneider vom DRK Pflegedienst Baden-Baden klingt durchaus beunruhigt: „Wir haben keine Atemschutzmasken mehr, wie sie für den Schutz vor Viren notwendig wären“. Jetzt sind die Pflegekräfte mit normalen Papiermasken vor Mund und Nase unterwegs. „Die schützen“, so sagt Schneider, „nicht wirklich vor Tröpfcheninfektionen“. Das ist ein Problem für die – zumeist betagten oder kranken – Patienten ebenso wie für die Beschäftigten. Nachschub sei längst bestellt, geliefert wurde bislang nichts.

In der Medizin muss nach Corona vieles neu bewertet werden

Mit rund 500 Mitarbeitern und 350 Kunden in der ambulanten Pflege ist der DRK-Kreisverband Bühl-Achern einer der großen Player in der Region. Er bedient den gesamten ehemaligen Landkreis Bühl, und er setzt drauf, dass Größe auch Stärke bedeutet. Durch die Verzahnung der Angebote könne man jetzt auf Atemschutzmasken zurückgreifen, die in anderen Bereichen vorrätig gehalten wurden, sagt Geschäftsführer Felix Brenneisen.

Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dies wiederzubeschaffen.

Geschäftsführer Felix Brenneisen über die Einsatzkleidung

Mitarbeiter seien angewiesen, bei Corona-Verdachtsfällen die Atemschutzmasken nach dem FFP-2-Standard zu benutzen. Sie gelten gemeinhin als Mindestschutz gegen die Infektion mit Viren. Noch sind welche da, ebenfalls Handschuhe und die spezielle Einsatzkleidung für den ambulanten Pflegedienst. „wir arbeiten mit Hochdruck daran, dies wiederzubeschaffen, auch über den Landesverband,“, sagt Brenneisen.

Die FFP-2-Masken gelten gemeinhin als Mindestanforderungen für den Virenschutz. Doch sie sind knapp und teuer. | Foto: Michael

Klar ist schon jetzt: Das wird teuer. Brenneisen beklagt eine „exorbitante Preissteigerung“ bei Schutzausrüstung. Man müsse sich inzwischen fragen, ob die Just-in-time-Bestellung bei solch sensiblen Hilfsmitteln auf Dauer der richtige Weg sei – oder ob man nicht dazu übergehe,  wieder im eigenen Land zu produzieren und eine „gewisse Lagerhaltung“ zu betreiben. Dies sei nicht das einzige Umdenken, das der Ausbruch des Coronavirus mit sich bringe – auch die Klinikreformen landauf, landab, seien sicher neu zu bewerten.

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Der Kreisverband schränke sein Angebot jetzt nach und nach ein, man versuche, in Abstimmung mit den Angehörigen den richtigen Mittelweg zu finden: „Wir fahren herunter, was nicht erforderlich ist“. Dies gelte zum Beispiel für Dienstleistungen im hauswirtschaftlichen Bereich.

Ähnlich der DRK-Pflegedienst Baden-Baden: „Wir gehen jetzt für den Kunden einkaufen und nicht mehr mit ihm“, sagt Pflegedienstleiterin Elke Schneider. Auf Verständnis sei das zunächst nicht gestoßen – „man muss die Menschen sehr überreden, es ist für sie nicht greifbar“.

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Das DRK betreut rund 200 Patienten im Raum Baden-Baden und Rastatt. Auch wenn man die erforderlichen FFP-2-Masken nicht mehr habe, die Mitarbeiterinnen schützen sich so gut es geht, Kittel bei Körperkontakt seien obligatorisch. Auch wenn hier bereit Mangel herrscht. Es gibt nur noch die dünneren, aber die seien „besser als nichts“.

Oberflächendesinfektion von MRSA gewohnt

Mitarbeiter würden zweimal täglich alle Oberflächen desinfizieren, die man eben so anfasst – beispielsweise die Lenkräder der Autos. Der Pflegedienst  habe sich von Anfang an eng mit den Mitarbeitern abgestimmt, es gebe immer wieder Fragen, auch durch die „Fortentwicklung“ der Corona-Lage. Dass man bei dieser Arbeit mit Keimen in Kontakt komme, sei nicht ungewöhnlich. So sei der Umgang mit dem antibiotikaresistenten MRSA inzwischen Alltag, gerade in der Wundversorgung. „Wir verhalten uns jetzt so, als wären die Patienten alle  MRSA-infiziert“.

Wir gehen mit der nötigen Vorsicht miteinander um.

Eva Pfistner, Geschäftsführerin der AWO Baden-Baden

„Wir können jetzt nicht einfach niemanden mehr versorgen“, sagt Eva Pfistner, Geschäftsführerin der AWO Baden-Baden mit rund 600 Patienten im Stadtgebiet. „Wir gehen mit der nötigen Vorsicht miteinander um“, sagt Pfistner, die Mitarbeiterinnen würden derzeit normale Papiermasken tragen, „mehr ein psychologischer Schutz“, wie sie rundheraus zugibt. FFP-2-Masken habe man auch, aber die würden vielleicht später noch benötigt – „wenn ich sie jetzt schon alle ausgebe, habe ich keine mehr, wenn ich sie tatsächlich brauche“. Die Situation sei schwierig, „es gibt erst einmal kein Richtig und kein Falsch“.

Ziel: Menschen so lange es geht helfen

„Wir machen weiter, aber wir müssen schauen, wo wir die Dinge anders machen können“, sagt Frank Schönwetter von der Sozialstation der Diakonie in Offenburg. Man agiere „in der Hoffnung, dass es gut ist, was wir machen. Ob es so war, kann man vielleicht im August sagen“. Schutzkleidung ist da, aber knapp und teuer: „Atemschutz vor Viren haben wir vor vier Wochen 50 Stück für 400 Euro gekauft“, Nachschub sei geordert, doch der lässt auf sich warten: „Wir gehören zum Paul-Gerhardt-Werk, und die machen richtig Druck“. Auch der Kreis signalisiere immer wieder, dass man sich kümmere, „aber es ist noch keine Ware eingetroffen“.

Das ist wie bei einem Tsunami, man sieht das Wasser weggehen und jetzt warten wir alle auf die Welle.

Frank Schönwetter, Sozialstation der Diakonie in Offenburg

Es gebe schließlich viele Bereiche, wo solche Schutzmasken benötigt werden. Wichtig sei jetzt, die Mitarbeiter zu schützen, sonst könne man den Betrieb nicht aufrecht erhalten. Ziel sei, den Menschen so lange wie möglich zu helfen, doch die wahren Probleme würden erst noch kommen: „Das ist wie bei einem Tsunami, man sieht das Wasser weggehen und  jetzt warten wir alle auf die Welle“.

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