Kriseninterventionsteam Achern
Der Austausch unter den Teammitgliedern gehört nach einem Einsatz dazu. Renate Kopf, Angelika Lehnerer, Sina Hille-Bechtold und Gabriele Frietsch (von links) berichten im Gespräch von ihrer ehrenamtlichen Aufgabe. | Foto: Stefanie Prinz

Kriseninterventionsteam Achern

„Hochemotionale Szenen vergisst man nicht“

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Wer miterlebt hat, wie ein Mensch stirbt, muss damit nicht allein sein: Das Kriseninterventionsteam Achern steht Betroffenen in den ersten Stunden nach einem Unglück bei. Unser Redaktionsmitglied Stefanie Prinz hat die Teamleiterinnen Angelika Lehnerer (seit neun Jahren im Team) und Renate Kopf (drei Jahre) mit den frisch ausgebildeten Kriseninterventionshelferinnen Gabriele Frietsch und Sina Hille-Bechtold an einen Tisch gebracht und mit ihnen über ihr Ehrenamt gesprochen.

Sie setzen sich im Kriseninterventionsteam bewusst Themen aus, denen die meisten Menschen am liebsten nie begegnen würden. Warum machen Sie das?

Angelika Lehnerer: Ich hatte in meiner Lebensgeschichte selbst schlimme Situationen, in denen ich allein war. Dass ich heute für andere Menschen da sein kann, gibt mir einen großen Sinn. Ich denke oft bei Einsätzen: Was würde mit diesen Menschen passieren, wenn es so etwas wie unser Team nicht gäbe?

Renate Kopf: Die Aufgabe gibt mir viel, zum Beispiel wenn man bei den Menschen den Unterschied sieht, wenn wir kommen und wenn wir wieder gehen, und wie viel psychologische und menschliche Hilfe wir in unseren Einsätzen geben können.

Gabriele Frietsch: Ich wusste vorher nicht, was mich antreibt, aber ich hatte das Gefühl, das ich das machen könnte. Der Gedanke ist vielen Leuten fremd. Der Lehrgang hat mich aber noch einmal bestärkt, auch wenn die Aufgabe nicht gerade einfach ist.

Sie betreuen unter anderem Zeugen von Tod und Suizid und benachrichtigen mit der Polizei Hinterbliebe über den Tod von Angehörigen. Wie macht man so etwas?

Kopf: Die Todesnachricht überbringt die Polizei. Man darf nicht um den Tod herumreden, sondern muss direkt die traurige Nachricht mitteilen. Wenn die Polizei dann wieder geht, bleiben wir in den ersten Stunden bei den Betroffenen.

Sina Hille-Bechtold: Es ist besser, wenn sich das nicht vermischt. Die Person, die tröstet, sollte nicht diejenige sein, die vorher die schlechte Nachricht überbracht hat.

Kopf: Am häufigsten sind wir bei Unfällen und Suiziden. Wenn zum Beispiel innerhalb der Familie jemand nicht reanimiert werden kann, werden wir selten dazugerufen, weil der Familienverbund hier im ländlichen Raum eher eng ist.

Krisenintervention
Das Team überbringt Todesnachrichten mit der Polizei oder betreut Zeugen von Suizid oder erfolgloser Reanimation. | Foto: Friso Gentsch (Symbolbild)

Wie sieht eine typische Reaktion aus?

Hille-Bechtold: Typischerweise stellt man sich ein lautes Drama vor, aber es gibt auch Menschen, die ganz anders reagieren. In der Ausbildung lernt man, davon nicht überrascht zu sein, sondern sich einfach darauf einzulassen, was die Person braucht.

Frietsch: Man lernt auch, nicht mit einem Plan an die Situation heranzugehen, sich nicht vorher schon zu überlegen, wie die Person denn reagieren könnte. Einfach hinzugehen ist die größte Herausforderung für mich und hat persönlich fast schon etwas Befreiendes.

Kopf: Man soll in solche Situationen nichts von sich selbst hineinprojizieren, sondern versuchen, hineinzuspüren, was die Betroffenen in dem Moment brauchen. Möchten sie reden, reden wir, möchten sie schweigen, schweigen wir mit. Es geht nicht darum, einen Rat zu geben, oder zu sagen: „Alles wird gut“.

Lehnerer: Wir wollen die Menschen da abholen, wo sie stehen. Empathie ist deshalb ein großes Thema. Wenn man dieses Gespür nicht hat, ist man nicht für diese Arbeit geeignet.

Wie hat sich – für die neuen Teammitglieder unter Ihnen – der erste Einsatz angefühlt?

Frietsch: Meine größte Herausforderung im Lehrgang war, wenn ein Betroffener kaum reagiert hat. Der Mann im Einsatz war sehr offen und hat viel geredet. Da war der Bann für mich gebrochen, und ich habe mich in der Rolle wohlgefühlt. Ich wusste vorher nicht, was das mit mir macht – aber es war absolut okay. So schlimm so ein Einsatz überhaupt ist – das war doch ein Bilderbucheinstieg.

Lehnerer: Die Neuen gehen nur mit einem erfahrenen Mitglied mit. Der erste Einsatz soll auch nichts Hochdramatisches sein. Sie durfte bei ihrem ersten Einsatz schon die Dankbarkeit der Menschen erfahren – das ist, was uns trägt.

Sind Ihnen, die schon länger dabei sind, manche Einsätze besonders in Erinnerung geblieben?

Lehnerer: Es gab einige Situationen, in denen das Unglück sehr schlimm war, oder es spielen sich hochemotionale Szenen ab, wenn zum Beispiel Angehörige an einen Unfallort kommen. So etwas vergisst man nicht. Ich weiß dann nach einiger Zeit zwar, dass ich dabei war, aber es löst nichts mehr in mir aus.

Wie schützt man sich selbst, damit man nach so einem Erlebnis noch schlafen kann?

Kopf: Grundsätzlich geht man nach einem Einsatz noch irgendwohin und bespricht sich. Im Einsatz selbst hat auch jeder eine andere Sichtweise, darüber tauscht man sich aus. Für mich ist das die beste Art, es nicht mit nach Hause zu nehmen. Sicher denkt man noch ein paar Tage lang daran, aber es belastet einen nicht. Wenn das so sein sollte, können wir uns untereinander Hilfe geben, aber jeder muss so ehrlich zu sich sein und das zugeben. Ein Teil von uns hat zusätzlich eine Ausbildung als Kollegialer Ansprechpartner, die auf die Einsatzkräfte gemünzt ist.

Hille-Bechtold: Ich erlebe es als Bereicherung: Man hat keine Angst mehr vor solchen Themen wie dem Tod. Psychohygiene und Selbstreflexion sind Teil der Ausbildung. Man schafft dabei aber auch Klarheit darüber, warum man die Arbeit überhaupt macht. Man ist nicht dabei, weil man sensationsgierig ist, sondern weil man helfen will. Wenn ein Notarzt nach einer erfolglosen Reanimation geht, ist das für ihn wahrscheinlich frustrierend – wenn wir gehen, haben wir den Angehörigen etwas Gutes gebracht.

Das Kriseninterventionsteam Achern (KIT) des Deutschen Roten Kreuzes im Kreisverband Bühl-Achern hat aktuell zwölf Mitglieder. Im vergangenen Jahr wurde das Team, das sich durch Spenden finanziert, zu 85 Einsätzen alarmiert. Die Ausbildung zum Kriseninterventionshelfer beim DRK-Landesverband beinhaltet 80 Unterrichtseinheiten an fünf Wochenenden. Am Ende folgt neben einer theoretischen auch eine praktische Prüfung, bei der Schauspieler Einsatzszenarien nachstellen.
Telefon: (01 51) 20 98 35 34
E-Mail: kit@drk-buehl-achern.de