Vor einer weitreichenden Entscheidung stehe schwangerer Frauen (das Symbolbild zeigt eine Ultraschalluntersuchung), die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken. Zwei Beratungsstellen bieten in der Region Hilfe an.
Vor einer weitreichenden Entscheidung stehe schwangerer Frauen (das Symbolbild zeigt eine Ultraschalluntersuchung), die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken. Zwei Beratungsstellen bieten in der Region Hilfe an. | Foto: Pleul

Konfliktberatung Schwangerer

„Ich muss natürlich für das Leben beraten“

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Für die einen bedeutet es eine Errungenschaft, für die anderen ein rotes Tuch: Frauen haben in Deutschland bis zur ihrer zwölften Schwangerschaftswoche das Recht, einen Abbruch vorzunehmen, wenn sie zuvor eine Beratungsstelle aufgesucht haben. Im Ortenaukreis gibt es zwei Anlaufstellen für Frauen, die über einen Abbruch nachdenken.

Ohne einen Schein, der ein solches Beratungsgespräch bestätigt, darf laut Schwangerschaftskonfliktgesetz kein Arzt eine Schwangerschaft beenden. Neben der Diakonie Achern kann im Ortenaukreis nur noch die Schwangerschaftskonfliktberatung des Landratsamts in Offenburg einen solchen ausstellen.

Schein bereits zu Beginn des Gesprächs

„Dieser Schein bedeutet nicht gleich, dass der Abbruch auch vorgenommen wird“, erklärt Hilde Wagener, die in der Beratungsstelle Offenburg tätig ist. Viele Frauen seien erleichtert, wenn sie den Beratungsschein erhalten und daraufhin noch einmal offener für ein Gespräch. Diese Erfahrung macht auch Barbara Kaiser-Ziegler in der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle der Diakonie Achern und sagt: „Manchmal stelle ich den Schein darum gleich zu Beginn des Gesprächs aus.“ Ihre Kollegin Doro Steurer-Braun ergänzt: „Wir wollen die Frauen nicht prüfen.“ Sie könnten, müssten jedoch nicht über ihre Beweggründe für einen Schwangerschaftsabbruch sprechen, der Schein werde in jedem Fall ausgestellt. „Unsere Aufgabe ist es nicht, die Frauen zu überreden. Wir wollen sie begleiten“, betont Kaiser-Ziegler.

„Das Lebensrecht des Kindes ist auf jeden Fall Thema“

Ein informativer Teil des Gesprächs ist unumgänglich: „Das Lebensrecht des Kindes ist auf jeden Fall Thema. Und wir sprechen mit den Frauen über mögliche Alternativen zu einem Abbruch“, führt Steurer-Braun aus. In Gesprächen zur Schwangerschaftskonfliktberatung müssen laut Gesetz die sozialen Hilfen vom Staat erwähnt werden, wie zum Beispiel Elterngeld, Unterhaltsvorschuss oder die Möglichkeit der Adoption. Die endgültige Entscheidung liege unabhängig davon bei der Frau. „Ich muss natürlich für das Leben beraten, jedoch nicht als Moralistin im Sinne einer Belehrung“, erklärt Wagener.

Großteil der Frauen bereits entschieden

Etwa 70 Prozent der Frauen seien bereits zu einem Abbruch ihrer Schwangerschaft entschlossen, wenn sie in die Beratungsstelle nach Offenburg kommen. „Viele von ihnen haben sich da bereits Tag und Nacht mit der Frage um einen möglichen Schwangerschaftsabbruch auseinandergesetzt. Da werde ich nicht sagen: Doch, es muss gehen.“ Im Verlauf des Gesprächs gelte es, der Frage auf den Grund zu gehen, ob das Entscheidung ist, die die Frau auch in fünf Jahren noch vertreten kann. „Keine Frau trifft so eine Entscheidung leichtfertig. Das ist eine Entscheidung, die trägt man ein Leben lang mit sich“, betont Kaiser-Ziegler.

Viele sehen Beratung zunächst als Zwang

Frauen schätzen den neutralen Raum der Beratungsgespräche, weiß sie aus Erfahrung. Viele könnten sich da erstmals der Frage widmen: „Wie geht es mir mit der bevorstehenden Entscheidung?“ Ihre Kollegin Steurer-Braun ergänzt: „Viele sehen die Beratung erst einmal als Zwang. Im Anschluss sind sie jedoch dankbar für die Möglichkeit.“ Dass sich die Beratungsstelle in kirchlicher Trägerschaft befindet, habe auf das Beratungsgespräch keinen Einfluss, zeigt sie sich überzeugt: „Auch die evangelische Kirche vertritt die Position, dass die Entscheidung nur mit der Frau, nicht gegen die Frau getroffen werden kann.“ Wenn eine Frau sich dazu durchgerungen hat, einen Abbruch vornehmen zu lassen, wird es für sie im Ortenaukreis zunehmend schwieriger, Ärzte zu finden, die einen Abbruch auch vornehmen.

Immer weniger Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen

Nach einem Beratungsgespräch erhalten Frauen zwar die nötigen Adressen, im ganzen Ortenaukreis sind das jedoch nur noch zwei. In Oberkirch und Kehl gibt es jeweils einen Arzt, der einen medikamentösen Abbruch vornimmt. Operative Abbrüche sind in der Ortenau mittlerweile nicht mehr möglich, Frauen müssen hierfür nach Bühl, Freiburg oder Karlsruhe fahren. „Es wird eng“, gibt Wagener zu bedenken.

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nach Paragraf 218 des Strafgesetzbuches nicht straffbar, wenn der Abbruch nach einer Beratung durch eine anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle vor der zwölften Schwangerschaftswoche vorgenommen wird. Wenn für die schwangere Frau Lebensgefahr oder die Gefahr auf eine schwerwiegende körperliche Beeinträchtigung besteht, bleibt ein Abbruch ebenso straffrei. Gleiches gilt, wenn die Schwangerschaft auf einem Sexualdelikt beruht.
In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 101 209 Schwangerschaftsabbrüche an das Statistische Bundesamt gemeldet. Das bedeutet einen leichten Anstieg im Vergleich zum Vorjahr, da wurden 98 721 Abbrüche gemeldet. 1996 waren es noch 130 899. Seit 2009 zeigen die Zahlen ein gleichbleibendes Niveau mit einer leicht rückläufigen Tendenz.