Ewig lockt der Automat: Die vermeintlichen Kleinbeträge können ganze Existenzen ruinieren | Foto: Uwe Spata

2.500 Abhängige in der Ortenau

Im Kampf gegen die „Einarmigen Banditen“ ist die Politik gefordert

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Schon mal einen Spielautomaten angestarrt? Das Ding gibt eigentlich nie Ruhe. Es tutet, leuchtet, und manchmal laufen die Lichter so schnell rauf und runter, als habe jemand dem hässlichen Ding plötzlich Leben eingehaucht. Das hat System. „Eine klassische Konditionierung. Allein das regelmäßige Klingeln löst schon den Wunsch aus, zu spielen“, sagt Nikolaus Lange. Lange ist Geschäftsführer des Baden-württembergischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation (bwlv) in Renchen. Und die Opfer der perfiden Masche sind seine ständigen Kunden.

Flut von „Automatenbistros“

Rund 2.000 bis 2.500 Menschen sind im Ortenaukreis süchtig nach Glücksspielen, angefixt in klassischen Casinos, Spielhallen, so genannten „Automatenbistros“ oder – immer öfter – im Internet. „Vor allem die Jüngeren spielen eher online“, sagt Martha Ohnemus-Wolf, Leiterin der Fachstelle Sucht in Offenburg, das Handy sei für viele „schon fast zu einem Körperteil geworden“.

Sucht hat viele Gesichter

Der bwlv mit Hauptsitz in Renchen hat es mit vielen Arten von Sucht zu tun – vorneweg der Alkohol, aber natürlich auch die vielen illegalen Drogen, und immer wieder Spielsucht. Sie kommt schleichend in die Gesellschaft, gerade in der Ortenau: Weil die Automaten in Frankreich weitgehend verboten sind, stehen sie hier, vor allem entlang des Rheins, dicht an dicht.

Endorphine durch „Fast-Gewinne“

Und die locken mit perfiden Methoden. Da gibt es zum Beispiel die „Fast-Gewinne“, wenn der Automat im letzten Sekundenbruchteil noch umspringt: „Das produziert Endorphinausschüttungen wie der Gewinn selbst“, sagt Lange. Oder wenn man tatsächlich einmal gewonnen hat. Die Auszahlung dauert quälend lange – genug Zeit um sich zu überlegen, ob man das gewonnene Geld nicht wieder einsetzt: „Diese Automaten sind psychologisch konstruierte Wunderwerke“, sagt Lange.

Weg in die Sucht beginnt früh

Der Weg in diese Form von Sucht ist leicht und er wird offenbar immer früher beschritten. „Wir hatten schon einen 18-Jährigen, der deutliche Kriterien von Abhängigkeit zeigte“, sagt Ohnemus-Wolf. So etwas könne sich innerhalb eines Jahres entwickeln, und die Schwelle ist nicht sehr hoch. Dafür sorgt, dass zwischendurch auch immer wieder mal gewonnen wird.

Fast jeder hat schon einmal gewonnen

„Wenn man sich umhört, dann wird klar, dass fast alle schon einmal gespielt haben, und wenn man fragt, wer dabei gewonnen hat, dann bleiben viele Hände oben“. Und wer einmal 400 Euro eingestrichen hat – „Man kann sich“, sagt die Sozialarbeitern, „vorstellen, was das für ein Glücksgefühl ist“. Dass am Ende ganze Familien zerbrechen wenn die Gewinne ausbleiben, das hat zu diesem Zeitpunkt niemand im Blick.

Runde Tische scheitern an Personalmangel

Der bwlv fühlt sich, auch wenn man das nicht so deutlich sagt, beim Thema Glücksspiel ein wenig allein gelassen von der Politik – der großen wie der kleinen. So habe man versucht, mit den Ordnungsämtern der Kommunen runde Tische zu organisieren, doch deren personelle Ausstattung setze da schnell Grenzen. Einzige Ausnahme: Kehl.

Seltsame Regelungen im Gesetz

Auch der Gesetzgeber könnte mehr tun, ist Ohnemus-Wolf überzeugt: „Mein rein persönlicher Eindruck – wir haben beim Glücksspiel eine sehr laxe Handhabung, und auch der Gesetzgeber könnte mehr tun“. Ein einfaches Beispiel: Nikotin- und Spielsucht gingen oft Hand in Hand. Wenn man in den Spielhallen das Rauchen verbieten würde – vielleicht käme mancher wieder zur Besinnung, wenn er für fünf Minuten zum Rauchen vor die Tür gehen muss: „Das wäre eine Chance, aufzuwachen.“ Es sei, so klagt Ohnemus-Wolf, „völlig unverständlich, dass es diese Freiräume gibt beim Nichtraucherschutz“.

Marthe Ohnemus-Wolf leitet die Fachstelle Sucht in Offenburg. | Foto: Löhnig

Arbeitsplatz in Gefahr

Die Folgen des Glücksspiels, online wie offline, sind erheblich:
„Die Menschen verschulden sich, räumen die Konten von Angehörigen leer, dann kommt die Lohnpfändung und plötzlich ist der Arbeitsplatz in Gefahr, sagt Nikolaus Lange. Letztlich hoffe jeder auf den ganz großen Gewinn, den Big Punch. Doch der kommt so gut wie nie: „Der Süchtige läuft immer seinem Frust hinterher“.

Der bwlv unterhält Beratungsstellen unter anderem in Offenburg, Baden-Baden, Calw, Pforzheim, Karlsruhe, Rastatt und Bruchsal. Dort gibt es Hilfe, aber auch Hilfe zur Selbsthilfe. Und einen Selbsttest unter dem Motto „Check Dein Spiel“. www.bw-lv.de

 

Das Glücksspiel ist in der Ortenau allgegenwärtig – vor allem auch wegen der Nähe zu Frankreich, wo Spielautomaten weitgehend verboten sind. Das macht Kehl zum Dorado der
Automatenaufsteller. Nirgendwo im Südwesten gibt es nach Angaben der Stadt eine derartige Dichte von Glücksspielautomaten. 671 wurden zuletzt gezählt, rund die Hälfte in insgesamt 28 Spielhallen, die sich in einem Gewerbegebiet zwischen B28 und Hafen konzentrieren. Weitere 344 Automaten gab es 2019 in 122 sogenannten Bistros, wo bislang drei, neuerdings nur noch zwei Geräte pro Spielstätte erlaubt waren und sind. Das hat Folgen: Die Zahl der Bistros nahm 2020 leicht zu, die der Automaten leicht ab. 270 sind registriert, doch es gilt als offenes Geheimnis, dass weitere Einarmige Banditen aufgestellt werden um den Einnahmeausfall zu kompensieren. Jeder Automat „verdient“ ein Monatsgehalt, bis zu 4.000 Euro bleiben liegen. Die Kommune kassiert bis zu 1.000 Euro Steuer, hat aber vor allem Probleme mit Bistros, deren Öffnungszeiten im Gegensatz zu den Spielhallen nicht klar reguliert sind. Probleme, die nicht nur Kehl hat – auch andere Städte und Gemeinden müssen mit diesem „Bonus“ der Grenzlage leben.