Bunt und vielfältig präsentierte sich das Bühler Bluegrass-Festival. | Foto: Klaus-Peter Maier

Bluegrass-Festival in Bühl

Im Sog des wogenden blauen Grases

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Die erste laue Nacht seit Langem tat dem Eröffnungskonzert des 17. Internationalen Bühler Bluegrass-Festivals am Freitagabend in der umfunktionierten Werkhalle der Firma Oechsle in der Robert-Bosch-Straße gut. Schon bevor die Musik begann, kam an den Biertischen vor und in der Halle Partystimmung auf. Gute Voraussetzungen also für die Henhouse Prowlers aus Chicago, die das Festival mit klassischem Bluegrass eröffneten.

Von Karl-Heinz Fischer

Die Henhouse Prowlers aus Chicago eröffneten das Festival. | Foto: Margull

Obwohl Chicago nicht gerade die Heimat des Bluegrass ist, wie ein Bandmitglied nebenbei bemerkte, sind die vier Jungs einfach Spitze. Kein Wunder, dass sie es von den ersten Tönen an schafften, in die Halle eine locker-leichte und unbeschwerte Atmosphäre zu bringen, die das Lebenselixier des Bluegrass ist.

Virtuosen aus Chicaco setzen den Auftakt

Chris Dollar an der Gitarre, Jon Goldfine am Bass, Kyle O’Brien an der Mandoline und der Fiddle und Ben Wright am Banjo, sie alle zeigten sich als wahre Virtuosen an ihren Instrumenten.
Doch obwohl es auch ganz tolle reine Instrumentalstücke gab, ist es der Gesang, besonders der Chorgesang, der das ganze Format der Band unterstreicht.

Quäkend, hart, und mit den im Bluegrass typischen scharfen Akkorden sangen alle vier immer wieder so mitreißend in das einzige Mikrofon, dass man sich der guten Laune, die die Musik verbreitet, kaum entziehen konnte. Die Henhouse Prowlers machen zwar kompromisslos klassischen Bluegrass, der aber doch auch angereichert ist mit musikalischen Elementen aus aller Welt, vor allem aus Asien und aus Afrika.

Das hat damit zu tun, dass die Band seit ihrer Gründung im Jahr 2004 in über 25 Ländern auf Tour war, oft auch im Auftrag des US- Außenministeriums als „Bluegrass-Botschafter“. Das hat dazu geführt, dass sich im amerikanischsten aller amerikanischen Musikstile in der Lesart der Henhouse Prowlers plötzlich auch Elemente ugandischer, nigerianischer oder auch pakistanischer Musik finden.

Doch trotz aller folkloristischer Elemente, was die vier Musiker daraus machen ist Bluegrass in Reinkultur, mitreißend und überschäumend vor Temperament und Lebensfreude.

Die Dortmunder Band Dieselknecht lasst mit „Ruhr-Folk“ aufhorchen. | Foto: Fischer

Ruhr-Folk oder Americana auf Deutsch

Auch die Dortmunder Band Dieselknecht nimmt in ihre Musik die unterschiedlichsten Elemente auf. Aber was sie daraus machen, hat nur am Rande mit Bluegrass zu tun. Sie bestritten nach der Pause den zweiten Teil des Konzerts. Sie singen durchweg auf Deutsch und entsprechen so dem Programmschwerpunkt des diesjährigen Bluegrass-Festivals, den deutschen Bands einnehmen.

Marcel Holthaus (Gitarre, Dobro, Gesang), Frank Kleingünther (Banjo, Gitarre, Gesang), Olav Baker´(Kontrabass, Gesang) und Axel Knappmeyer (Snare, Percussion, Gesang) – das ist schon eine klassische Bluegrass-Besetzung und manchmal schlagen sie ja auch wirklich Bluegrass-Töne an. Insgesamt aber bringt Dieselknecht eine sehr spezielle Art von Crossover. „Ruhr-Folk“ nennen sie selbst ihren Musikstil, doch sie bedienen sich nicht nur bei der Volksmusik, sondern in allen möglichen Genres.

Das klingt meist fetzig und mit einem dominanten Hang zu Heavy Metal, mal nach Liedermachern, mal nach Blues und recht oft nach pseudointellektuellen Schlagern. Das hat System und setzt sich fort in den Texten, die ironisch und parodistisch und damit ein Stück weit auch kritisch alles Mögliche aufs Korn nehmen. In der Auswahl des musikalischen Materials ist Dieselknecht gnadenlos.

Da wird in einer schnulzigen, musikalisch aber aggressiv aufgemotzten Ballade das Zechensterben im Ruhrpott zu einem Liebeslied umgemünzt, da wird alpenländische Volksmusik so aufgenommen, dass vor allem im Chorgesang mit seinen kantigen Harmonien auf einmal die Nähe von bayerischer Folklore und Bluegrass deutlich wird, und da scheuen sich die Musiker auch nicht, Couplets der 20er-Jahre zu imitieren oder sich einen Jux aus deutschen Volks- und Fahrtenliedern zu machen.

„Wir lieben die Stürme“ und selbst „Unrasiert und fern der Heimat“, alles wird von Dieselknecht zu einer Musik verwurstet, die perfekt gemacht ist, wenn auch vielleicht nicht ganz so virtuos wie bei den Henhouse Prowlers, dafür aber Pfiff und Zug durch ihre ironisch-witzige Kraft hat.

Mammutkonzert als Festivalhöhepunkt

Von Katrin König

Die Internationalität des 17. Bühler Bluegrass Festivals zeigte sich beim fulminanten Höhepunkt – dem über sechsstündigen Mammutkonzert am Samstag – nicht nur in der Auswahl der Bands aus Deutschland, Kanada und den USA: Wie der künstlerische Festivalleiter Patrick Fuchs erfreut konstatierte, „haben wir heute sehr viele Gäste aus Frankreich und der Schweiz“.

Das Festival sei bekannt dafür, „bunt und vielseitig“ ausgerichtet zu sein, schickte Fuchs voraus: Wie Dobro-Spieler Rob Ickes später erzählen sollte, ist dieser Ruf längst bis nach Nashville, Tennessee gelangt. Bei seiner Rückkehr, so der strahlende US-Amerikaner, werde auch er seinen Freunden sagen, wie „special“ das Festival sei, wie „great“ das Publikum. Doch das greift dem Programmverlauf vor, der chronologisch geschildert werden mag.

Stereo Naked – Julia Zech und Pierce Black – überzeugt mit Songs in englischer und deutscher Sprache. | Foto: König

Geschichten um Liebe, Leid und Tod

Eine Charakteristik des Bluegrass, die bei allen heutigen Einflüssen aus Genres wie Country, Blues, Pop oder Rock vielleicht doch eine Linie darstellt: Geschichten um Liebe, Leid und Tod, um das Engelsgleiche und das Teuflische, werden auf mitreißende Weise in Melodien und Lyrics „übersetzt“; die Tendenz gen Drama wird meist von einem mehr oder minder schwarzen Sinn für Humor umspielt.

Oft siegt die Lebensfreude. Über die Jahrzehnte hinweg entwickelten sich ganz eigene Spielarten, wie schon die erste Band aufzeigt, Stereo Naked aus Köln: Die Bluegrass-Instrumentierung ist hier auf Bass (Pierce Black), Banjo (Julia Zech) und Mandoline oder Fiddle (Joon Laukamp) reduziert. Das Kernduo (Zech und Black) singt eigene Lieder auf Englisch und Deutsch; ein liebevoll-ironischer Blick auf das Sein dominiert.

Zärtlich und böse zugleich, das geht bei Stereo Naked. Der Auftritt wird von Gelächter begleitet, besonders bei einem Titel über Zechs geklautes Fahrrad: Dem Dieb wünscht das Wohlstandskind, sich ohne Helm „auf die Fresse“ zu legen. Es klingt indes auch mal philosophischer: Unbeständigkeit, singt Zech, sei „die einzige Sicherheit, die bleibt“.

Es folgt Bluegrass Breakdown aus Berlin. Americana, Folk und Bluegrass nennt Fuchs als prägende Elemente. „Wir verbluegrassen alles Mögliche“, sagt Andreas Genrich (Banjo, Gesang). In der Tat: In lebensfroher American-Style-Folk-Music widmet sich die Band sogar „Highway to hell“; in einigen Soli legt Carola Adam (Gitarre, Gesang) wiederum so viel Soul in ihre Stimme, dass man sich an afroamerikanische Kirchenchöre erinnert fühlt, zumal auch Gospels zum Repertoire zählen.

Die Lonesome Ace Stringband aus Kanada holt die Oldtime-Musik ins 21. Jahrhundert. | Foto: Maier

Oldtime-Musik in modernem Gewand

Fortan geht es auf den amerikanischen Kontinent: Die Lonesome Ace Stringband aus Toronto mit Max Heineman (Kontrabass), Chris Coole (Banjo) und John Showman (Fiddle) sei „eine der besten Oldtime-Bands“ Nordamerikas“, so Fuchs. „Sie hat es geschafft, die Oldtime-Musik mit modernen Zutaten ins 21. Jahrhundert zu retten.“

Alle drei sind fantastische Musiker: Ihre Instrumente beherrschen sie meisterhaft, die Stimmen sind enorm eindringlich. Im Wechsel singen sie: etwa über das Farmhaus der Familie (Heinemann), das abgebrochen wurde. In starken Bildern beschreibt das Lied die Leere, die bleibt („Like a lovely missing truth“). Doch: „ I know, Lord, we’ll build it up again.“ Auch Coole und Showman spüren Schmerz, Verlust, Versagen, Widersprüchlichkeit nach, ohne „das Gute“, die bare Freude am Leben aus den Augen zu verlieren: Berstende Kraft begegnet emotionaler Tiefe, rasante Instrumentalparts treffen auf hochsensible Texte. Chapeau.

Virtuosen aus Nashville: Trey Hensley (links) und Rob Ickes. | Foto: Maier

Gitarrenvirtuosen aus Nashville und ihre Liebe zu „sad songs“

Die Amerikaner Rob Ickes (Dobro, Gesang) und Trey Hensley (Gitarre, Gesang) verdienen ein ähnlich hohes Maß an Verehrung: Ickes, der am häufigsten ausgezeichnete Bluegrass-Instrumentalist der USA, und Hensley, seinem Duopartner zufolge „einer der besten Gitarristen der Welt“, stehen in der Tradition von Country und Blues; sie lieben „sad songs“, und die Balladen – zumeist Kompositionen Hensleys – gehen an die Substanz.

Wenn es allzu düster gerät, schiebt das Duo (wie schon die Vorgänger) wahnsinnig schnelle Instrumentals ein, darunter sogar eine Dobro-Komposition, die Ickes „dem großen Bill Monroe“ widmet. Sein Kommentar: „Monroe hasste Dobros.“ Nun – zumindest Hensleys grandiose Gitarrenparts dürfte der große Bill genossen haben.

„Bluegrass-Explosion“ vor dem großen Finale

Mit Jeff Scroggins & Colorado hält eine klassische Bluegrass-Band Einzug: Die „Bluegrass-Explosion“ (Zitat Fuchs) versetzt wohl jeden Puristen in Ekstase. Das ist ein akustisches Erlebnis mit Banjo, Gitarre, Mandoline, Fiddle, Bass und Gesang – und auch ein optisches, so vital bewegt sich die fünfköpfige Formation über die Bühne.

Ob Honky-Tonk-Nummern oder Coverversionen etwa von Hazel Dickens oder Jimmy Martin: Die Band bietet Weltklasse-Bluegrass aus dem tiefsten Amerika, inklusive pathetischer Songs, „die sogar Glasaugen Tränen entlocken“, wie Scroggins (Banjo, Gesang) vergnügt ruft. Das Finale, zu dem alle Bands gemeinsam auf der Bühne jammen, lässt das Grundgefühl des Frohsinns, das „Jeff Scroggins & Colorado“ umgibt, kulminieren. Das Publikum vollzieht diese Stimmung jubelnd mit. Kurz: Ein Universum der Bluegrass-Musik – an nur einem Abend.

Mit Jeff Scroggins & Colorado hält eine klassische Bluegrass-Band Einzug. | Foto: König