Die Schnauze voll haben nicht nur Wildschweine, die auf Nahrungssuche den Rheinauenwald verlassen, sondern auch Anwohner und Bauern, weil dabei Sportanlagen und Anbauflächen angesteuert werden. | Foto: dpa

Nahrung im Überfluss

Immer mehr Wildschweine verursachen in Rheinau Schäden

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Sie kommen durch den nahegelegenen Rheinauenwald auf die Sportanlagen Diersheims. Ein Zaun um den Volleyballplatz am Neuen Sportplatz, an der Längsseite bis zum Damm an der Sportgaststätte sowie ein Elektrozaun und Musikbeschallung am alten Sportplatz sollen vor Wildschweine schützen, die Landwirten mit Wühl- beziehungsweise Flurschäden zusetzen.

Von Alexander Schütt
Laut Kreisjägermeister Rainer Hempelmann aus Kehl-Odelshofen habe man im vergangenen Jahr allein in Rheinau 200 Wildschweine erlegt. Über den genauen derzeitigen Bestand an Wildschweinen könne man jedoch keine genauen, wissenschaftlich seriös fundierte Angaben machen. Das Jagdgebiet erstrecke sich von den Rheinauenwäldern Auenheims bis nach Memprechtshofen. Aus diesem Grund käme es eben auch im Gebiet des neuen und alten Sportplatzes in den Ortschaften Diersheim und Auenheim zu Wühlschäden.

Stärkere Jägerpräsenz gegen Flurschäden

Diersheims Ortvorsteherin Doris Bless erklärte, dass sich die Landwirte vermehrt bei ihr über die Wühlschäden auf den Mais und Weizenfeldern im Frühjahr, die Zerstörung von Obstplantagen und das Auffressen des Maissaatgutes im Herbst beschwert hätten. Anfang dieses Jahres wurde ein runder Tisch mit Vertretern der Landwirtschaft einberufen. Mit Edmund Grampp hat man nun einen Ansprechpartner von Seiten der Jäger und eine stärkere Präsenz vor Ort, um neuen Flurschäden von Wildschweinen vorbeugen zu können, so Ortsvorsteherin Doris Bless.

Wildschweine sind Allesfresser

Wie Kreisjägermeister Rainer Hempelmann weiß, sind Wildschweine Allesfresser und ernähren sich auch von Würmern und Engerlingen, also von tierischem Eiweiß. Da die Wildschweine innerhalb der Region einen reichhaltigen Gaben- und Nahrungstisch im Wald und auf den Feldern vorfinden, ist es für die Jägerschaft schwierig, den Bestand zu regulieren, so Hempelmann, der betont, dass die Landesjägervereinigung Baden-Württemberg ein anerkannter Naturschutzverband ist.

Schwarzwild meidet „Kirrungen“

Wie Hempelmann berichtet, ist Laien das „Füttern“ der Wildschweine seit der Novellierung des Landesjagdgesetzes Ende des Jahres 2015 verboten, während die Jäger hingegen die Wildschweine durch das „Kirren“, das Bereitstellen von Futter mit Maiskörnen in einer vorgeschriebenen Mengeneinheit von maximal einem Liter zu den Hochsitzen locken müssen, um sie erlegen zu können. Aufgrund des reichhaltigen Nahrungsangebotes in der Region würden die Wildschweine jedoch häufig die Kirrungen meiden. Da das Schwarzwild vorwiegend nachtaktiv ist, ist eine effektive Bejagung sehr anspruchsvoll und erfolgt vom Ansitz vorwiegend bei Mondenschein in der Nacht, so Hempelmann.

Mehr Jungtiere überleben Frost

Der Wildschwein-Flurschaden kommt insbesondere im Herbst des Spätjahres und auch im Frühjahr zur Rauschzeit zum Tragen. Da die strengen Winter ausblieben, überlebten auch immer mehr Jungtiere den Frost, so der Kreisjägermeister. Es sei ein Irrglaube in der Bevölkerung, dass das Anfüttern der Tiere ein Wachstum der Population verursachen würde, so Hempelmann.

Großes Nahrungsangebot auf Feldern

Die veränderte und mittlerweile hochindustrialisierte Landwirtschaft aber, welche im Zeitraum von Ende Juni bis Oktober einen staatlich subventionierten Maisanbau mit Saatgut und eine Vielzahl von Getreide anbaut, führt laut Hempelmann zu einer massiven Mehrpopulation von Wildschweinen. Durch das permanente Mastfutterangebot im Wald mit Früchten und Beeren gäbe es eigentlich ausreichend Nahrung für die Tiere. Früher kam es nur etwa alle sieben Jahre zur Baummast, der Ernährung des Schwarzwilds von Baumsamen.

Ausgleichszahlungen für Landwirte gefordert

Das Landratsamt Offenburg führe eine Statistik über die zurückgelegten Strecken und die Anzahl der erlegten Tiere. Für das vergangene Jahr bewege sich diese Anzahl im dreistelligen Bereich. Hempelmann sieht die Politik und auch die Stadtverwaltungen vermehrt in der Pflicht, den Landwirten Ausgleichszahlungen für Bejagungsschneisen in den Maisfeldern zum effektiven Bejagen zu leisten. Auch gebe es oftmals finanzielle und bürokratische Hindernisse im Hinblick auf die Genehmigung von Treib- und Drückjagden, sagt Hempelmann.

„Keine dramatischen Flurschäden“

Wie die zuständige Revierforstamtsleiterin für den Bezirk 60 (Rheinau), Gabriele Schappacher-Peter, erläutert, würden Flurschäden in den Wäldern nicht bestehen. Auch der Kreisjägermeister bestätigt, dass die Wühlschäden im Wald keine dramatischen Flurschäden seien, da sie schließlich auch den Boden auflockerten. Rehkitze, Junghasen, Fasane und Gelege von Vögeln kämen oftmals durch große moderne Landmaschinen zu Tode. Rainer Hempelmann ist zwar kein Freund der Industrialisierung in der Landwirtschaft, aber versteht die ökonomischen Zwänge. Hauskatzen, Waschbären, Greifvögel, Marder und Füchse, also eine Vielzahl an Predatoren (Haarraubwild), seien neben den Wildschweinen, wenn auch nur für den Minderbestand, an Wild- und Flurschäden verantwortlich. Weil die Bachen abseits der Waldwege Ihre „Frischlinge“ in den Kesseln hüten, rät Hempelmann abschließend Spaziergängern und Joggern, die ausgewiesenen Pfade nicht zu verlassen.