Viele Menschen nehmen sich in Sasbachwalden ihren Alterssitz – und verschärfen damit das demografische Problem, das viele kleinere Gemeinden haben.
Viele Menschen nehmen sich in Sasbachwalden ihren Alterssitz – und verschärfen damit das demografische Problem, das viele kleinere Gemeinden haben. | Foto: Archiv Spether

Mehr Alte als Junge

In dieser Gemeinde gibt es bald mehr Senioren als Erwerbsfähige

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Während viele Städte boomen, vergreisen ländliche geprägte Regionen. Wie dies in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird, zeigt sich auch im nördlichen Ortenaukreis. Allerdings sind nicht alle Kommunen gleichermaßen betroffen. Am stärksten macht sich der demografische Wandel in Sasbachwalden und in Lauf bemerkbar, aber auch die Stadt Achern liegt beim sogenannten Altenquotienten über dem Landesschnitt. Das geht aus der aktuellen Bevölkerungsvorausrechnung des Statistischen Landesamts hervor.

Die Gemeinde Sasbachwalden ist ein beliebter Alterswohnsitz: An ihren Hängen wächst guter Wein, das Kneipp-Prädikat lockt jährlich Zehntausende Kur- und Übernachtungsgäste in den Ort. 2018 kamen rund 40.000 – viel für eine 2.500-Seelen-Gemeinde. Und trotzdem ist Sasbachwalden hoch verschuldet: Jeder Einwohner trägt im Schnitt eine Schuldenlast von gut 3.000 Euro. Damit zählt der Ort zu den zehn am höchsten verschuldeten Kommunen in ganz Baden-Württemberg. Auch die Prognose zur Bevölkerungsentwicklung lässt aufmerken: Denn die Zahl der Erwerbsfähigen sinkt, die der Senioren nimmt weiter zu. Im Jahr 2027 steigt der sogenannte Altenquotient auf 50. Das heißt, auf 100 Bewohner im erwerbsfähigen Alter kommen 50 Menschen, die 65 Jahre oder älter sind. Bis 2035 könnte der Altenquotient sogar auf 60,8 steigen.

Die nördliche Ortenau vergreist

In Lauf, wo der Altenquotient derzeit besonders rasch steigt, wird er 2035 voraussichtlich 59,6 betragen, gefolgt von Seebach (57,5), Rheinau (57,3) und der Stadt Renchen, die mit 56,9 genau im Landkreisschnitt liegt (Baden-Württemberg: 48,4). Zugleich ist der negative Geburtensaldo im nördlichen Ortenaukreis nirgends höher als in Sasbachwalden, sprich: Es sterben mehr Menschen als geboren werden. Die Gemeinde schrumpft.

Flüchtlinge verjüngen die Gemeinde

Zwar hatte Sasbachwalden zwischen 2007 und 2017 den dritthöchsten Wanderungssaldo Baden-Württembergs; in diesem Zeitraum zogen als mehr Menschen zu als weg. Das ist aber nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht. Denn der Zuzug hängt fast ausschließlich mit der Erstaufnahmestelle für Asylbewerber (BEA) im ehemaligen Hotel Bel Air zusammen: Dort waren seit Herbst 2015 bis zu 800 Menschen untergebracht – eine große Veränderung in dem kleinen Ort, die sich auch in der amtlichen Statistik bemerkbar machte. So schnell wie die vorwiegend jungen Migranten kamen, verließen viele von ihnen den Ort dann auch wieder: Im Frühjahr 2016 wurde die BEA vorläufig, Ende 2016 dann endgültig geschlossen.
Die Zahlen sind – wie alle Prognosen – natürlich nicht in Stein gemeißelt. In der alten Bevölkerungsvorausrechnung aus dem Jahr 2014 gingen die Statistiker noch davon aus, dass die Kommunen in Baden-Württemberg weitaus schneller altern werden. Dann kam die Flüchtlingskrise. Die Statistiker rechnet noch einmal nach – und die Gemeinden im nördlichen Ortenaukreis gewannen wertvolle Zeit, um rechtzeitig gegenzusteuern.

Das sind die Gründe – und so will Sasbachwalden gegensteuern
Hohe Altenquotienten gibt es im gesamten Höhenzug des Schwarzwaldes. Es sind vor allem junge Erwachsene, die dort ihrer Heimat den Rücken kehren. Ist eine Gemeinde – etwa durch eine schöne Landschaft oder gute Infrastruktur – ein beliebter Alterswohnsitz, wird diese Entwicklung zudem durch den Zuzug von Älteren verstärkt. Kleinere Kommunen mit großen Alten- und Pflegeheimen oder Klöstern haben in der Regel ebenfalls hohe Altenquotienten.
Den hohen Altersschnitt von Sasbachwalden sieht Bürgermeisterin Sonja Schuchter vor allem der großen Zahl an Zweitwohnsitzen im Ferienort geschuldet: Mehr als 1.000 sind es momentan, insbesondere in den Bereichen Brandmatt und Brandrüttel. Vor allem in den 70er- und 80er-Jahren hätten viele Menschen – zum Beispiel aus Städten wie Karlsruhe oder Pforzheim – ein Haus oder eine Wohnung gekauft, um die Ferien oder Wochenenden in Sasbachwalden zu verbringen, und dies dann im Rentenalter zu ihrem Erstwohnsitz gemacht. Hier stehe allerdings ein Generationenwechsel an, denn viele der Senioren würden mit dem Alter in ein Pflegeheim oder – auch aufgrund von Sasbachwaldens Topografie – wieder in Stadtnähe ziehen. Die Häuser und Eigentumswohnungen würden an jüngere Generationen verkauft, das war im vergangenen Jahr bereits mehrfach der Fall. Somit werde sich die Alterspyramide in den nächsten Jahren wieder ausgleichen, so Sonja Schuchter. som/stp