Viel Verkehrsaufkommen und damit auch Stickstoffdioxidausstoß herrscht in der Acherner Hauptstraße. Die Stadt erwägt eine Einbahnstraßenlösung und die Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 40 oder Tempo 30. | Foto: pf

Stickstoffdioxidbelastung

Ist die Luft rein in Achern? LUBW und Stadt zu Verkehr und Messstellen

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Die Diskussion um Stickstoffbelastung in deutschen Städten ist gerade vor dem Hintergrund der immer nachdrücklicher geführten Klima-Debatte aktueller denn je. Der rege Durchgangsverkehr in der Acherner Hauptstraße trägt sicher nicht zu einer besseren Luftqualität bei. Warum hält es die Landesumweltanstalt LUBW trotzdem nicht für nötig, Achern in die Liste der 24 (Spot-)Messstellen von Backnang bis Ulm aufzunehmen? Wie kann die Stadt eine übermäßige Schadstoffbelastung ausschließen? Und welche Maßnahmen sind möglich, um Stickstoffdioxid- und Feinstaubwerte in Grenzen zu halten? Darüber haben die BNN mit Vertretern von Stadtverwaltung und LUBW gesprochen.

Warum sind Stickoxide eigentlich so belastend für die Umwelt und den Menschen? Nicht nur weil sich das Gas laut LUBW langfristig in Nitrat umwandelt, ablagert und damit zur Versauerung der Böden beiträgt. Auch weil Stickoxide laut Umweltbundesamt Pflanzen schädigen, ein Gelbwerden der Blätter, vorzeitiges Altern und Kümmerwuchs bewirken können. Für den Menschen, besonders Allergiker, bedeuten erhöhte Stickstoffmengen in der Luft eine Belastung von Schleimhäuten und Atemwegen.

2003 keine übermäßige Belastung in Achern

Europaweit ist ein Ein-Stunden-Grenzwert von 200 Mikrogramm festgelegt. Die EU-Richtlinie für saubere Luftqualität, umgesetzt in der 39. Bundesimissionsschutzverordnung, sieht den bekannten Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter vor. Die NO2-Werte sind seit den umfangreichen Voruntersuchungen zu den landesweiten Spotmessungen im Jahre 2003 rückläufig. Auch Achern war 2003 unter den Städten, die das LUBW unter die Lupe nahm. Weil die Stickoxidbelastung in Achern – gemessen an der Ziegelhütte, unweit der Autobahn – aber mit 43 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft verhältnismäßig niedrig war und auch nur knapp unter dem Jahresgrenzwert lag, landete nicht nur die Stadt im landesweiten Vergleich auf Platz 100, es landete auch keine Messstelle in Achern.

Verkehr und Wind wichtige Faktoren

Laut LUBW sind die durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke (DTV) und die Windgeschwindigkeit die wichtigsten Faktoren bezüglich der Stickstoffdioxidkonzentration. Auch bei den 30 Sondermessungen im Januar wurden folglich nur Städte berücksichtigt, in denen eine Verkehrsbelastung von über 10 000 Kraftfahrzeugen pro Tag vorhanden ist, in deren Umfeld Windgeschwindigkeiten unter 2,4 Metern pro Sekunde erwartet werden und in denen die Wohnbevölkerung von der Immissionsbelastung unmittelbar betroffen ist. Obwohl das Ergebnis der Anfrage zu den genauen Verkehrszahlen den BNN  nicht mehr rechtzeitig mitgeteilt werden konnte, geht Tatjana Erkert, Pressesprecherin der LUBW davon aus, dass heute in Achern an der gleichen Stelle wie 2003 die Grenzwerte ebenfalls nicht überschritten würden.

Eine Messstation der LUBW zeigt Stickstoff-, Stickstoffdioxid und Stickstoffoxidmengen an. | Foto: dpa

Achern orientiert sich an Nachbarmessstellen

Die Stadt Achern orientiert sich bei der Beurteilung der Luftqualität an der geografischen Mittellage zwischen den LUBW-Messstellen in Baden-Baden und Kehl. Unter Bezug auf einen verkehrsbezogenen Belastungsvergleich in den beiden Städten – und weil an den betreffenden Messstellen noch am 10. Juli eine Konzentration von lediglich 20 Mikrogramm gemessen worden sei – erachtet die Stadtverwaltung die Beauftragung eigener Messungen nicht für notwendig.

Konkrete Untersuchungen nicht möglich

Im Gegensatz zu emissionsverursachenden Betrieben gebe es für Kommunen auch keine Möglichkeit, etwa einen Immissionsschutzbeauftragten einszusetzen, der besonders gefährdete Stellen untersuchen könnte. Auch der Verkehr und seine Entwicklung werden auf kommunaler Ebene statistisch nicht erfasst. Untersuchungen, die im Zuge von Verkehrskonzepten erfolgen, seien aufgrund unterschiedlicher Untersuchungsräume und -methoden nicht aussagekräftig.

Tempo-Beschränkung als indirekte Maßnahme

Ein solches Verkehrskonzept für die Hauptstraße sieht die Stadt Achern bekanntlich im „Masterplan“ vor, die entsprechenden Vorkehrungen würden sich allerdings nur indirekt auf die Luftqualität auswirken: Die Einrichtung eines „verkehrsberuhigten Geschäftsbereichs“ mit Tempo 20 steht dabei ebenso zur Diskussion wie die Führung der Hauptstraße in einem „Einbahnstraßenring“ und eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 40 oder Tempo 30. Obwohl die Stadtverwaltung Geschwindigkeitsbeschränkungen zur Reduzierung der Stickstoffdioxidwerte für „fraglich“ hält, würden diese „unter dem Aspekt der Aufenthalts- und Lebensqualität der Menschen“ geprüft.

Stilllegung der Hauptstraße ausgeschlossen

Die vollständige Stilllegung der Hauptstraße zu einer Fußgängerzone sei hingegen „kaum möglich“: Einmal, weil der Abschnitt der Hauptstraße zwischen Kirch- und Hornisgrindestraße eine „Landesstraße mit überregionaler Funktion“ und damit Achern nicht Straßenbaulastträger sei, zum anderen, weil der Verkehr in Seitenstraßen wie die Martin- und Kaiser-Wilhelm-Straße ausweichen müsste. Die damit verbundene Lärm- und Verkehrsbelastung sei den Anwohner nicht zumutbar.

Service
Das Umweltbundesamt bietet seit kurzem eine App an, die für mehr als 300 Standorte in Deutschland die Luftqualität anzeigt.