Ruhig und idyllisch wirkt die Stadt auf diesem Bild aus der Eisenbahnstraße. In der Kommunalpolitik aber ging es in den 1920er Jahren alles andere als ruhig zu. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

In den 1920ern in Bühl

Jahre erbitterten politischen Kleinkriegs

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Das am politischen Geschehen interessierte Bühler Publikum bekommt reiche Kost. Immer wieder entzündet sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts massiver Streit. Als 1919 der Nachfolger von Bürgermeister Karl Bender zu wählen ist, hebt sich der Vorhang wieder und gibt den Blick frei auf Kommunalpolitiker, denen der Zweck die Mittel heiligt. Manchen Bühler macht das fassungslos. Denn es ist nach 1907, als die badische Regierung einen Bürgermeister eingesetzt und sich die Stadt im ganzen Land zum Gespött gemacht hat, und 1909, als die Wahl Karl Benders mit erheblichem Theaterdonner und dem anschließenden Rücktritt des Gegenkandidaten Karl Peter aus dem Gemeinderat über die Bühne gegangen ist, bereits die dritte Bürgermeisterwahl in Folge, die tiefe Gräben aufreißt.

Ein Jurist soll es sein

Die Bühler Parteien wünschen sich als Nachfolger für Karl Bender einen Juristen von auswärts. Drei Bewerber kommen in die engere Wahl, und bald konzentriert sich das Interesse auf Edwin Grüninger. 1883 in eine kleine Familie im Südschwarzwald geboren, wo sein Vater im Kreis Bonndorf eine Gastwirtschaft führt, besucht Grüninger in Grafenhausen, Konstanz und Rastatt das Gymnasium, studiert in Freiburg, Straßburg und Heidelberg Jura. Die Staatsexamen legt er in Karlsruhe ab, wo er zu Beginn des Ersten Weltkriegs Richter am Amtsgericht ist. Er dient 1915 im Heer; 1916 ist er im Landratsamt Kehl tätig, dann im Landratsamt Waldshut und schließlich steht er als Syndikus in Diensten der Stadt Hanau. 1919 bewirbt er sich zunächst erfolglos um das Amt des Gernsbacher Bürgermeisters, dann fällt der Blick des promovierten Juristen auf Bühl.

Edwin Grüninger (rechts) auf einem Bild aus dem Jahr 1931. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Ärger im Zentrum

Die Parteien, die im Bürgerausschuss das Stadtoberhaupt wählen, einigen sich weitgehend auf diesen Kandidaten. Nur das Zentrum ist gespalten. Rechtsanwalt Karl Huber tritt in Erscheinung und bringt den Streit zurück, gleichzeitig legt er die Lunte für spätere Explosionen in der Gemeindepolitik Bühls. Huber greift angeblich in der Stadt umherschwirrende Gerüchte auf, wonach Grüninger die Syndikus-Stellung in Hanau erfunden habe. Der Rechtsanwalt fragt brieflich in Hanau an. Das wird in Bühl bekannt. Der ABB maßregelt Huber: „Soll es in Bühl wirklich Zentrumsleute geben, die mit ihrem Stimmzettel eine solche unerhörte Leistung gutheißen, und für eine solche schmähliche und unchristliche Beleidigung eines tadellosen, von allen Seiten aufs Wärmste empfohlenen Mannes mitverantwortlich sein wollen?“ Bei der Wahl Anfang August erhält Grüninger 30 Stimmen, sein Gegenkandidat und Parteifreund Karl Eberle, Rechtsanwalt in Neustadt, weiß 25 Ausschussmitglieder hinter sich. Damit ist Grüninger neuer Bürgermeister.

Edwin Grüninger der neue Bürgermeister

Am 15. August 1919 nimmt er die Arbeit auf, in einer Stadt, in der die Kommunalpolitik, je nach Blickwinkel, ein Raubtierkäfig oder auch ein Käfig voller Narren ist. Es wird gestritten, was das Zeug hält, die Unfähigkeit, Kompromisse zu schließen, eines der Grundübel in der Weimarer Zeit, treibt bunte Blüten. Der Streit dient nicht der Suche nach der Lösung des Problems, er ist Selbstzweck und damit Teil des Problems. Die heftigen Streitigkeiten, die Parteivorsitzende ihr Amt kosten, höchst verdiente Männer kompromittieren, kurz: das politische Klima vergiften, sie haben mit Grüninger zu tun. Unfreiwillig wird er zum Auslöser jahrelangen Zoffs. Denn es kann eine direkte Linie von der Bürgermeisterwahl zur Gründung des Gewerbebunds gezogen werden. Die neue Gruppierung gründet sich 1922 als Widerpart zum Zentrum, ist aber aus dem gleichen Lagerholz geschnitzt (allenfalls der konfessionelle Zug hebt das Zentrum vom Gewerbebund ab), und gerade die Zwistigkeiten in der bürgerlichen Familie sind der Sauerstoff, der das Feuer des Streits nährt. Es ist ein erbitterter politischer Kleinkrieg, der nun beginnt.

Eine neue Gruppierung tritt auf

Der Gewerbebund wird als „Vereinigung aller selbständigen gewerbe- und handelstreibenden Einwohner der Amtsstadt Bühl mit Einschluß der Grund- und Hausbesitzer sowie der freien Berufe und Landwirte zur Wahrung ihrer Interessen in allen grundlegenden und einschneidenden Fragen ohne Ansehen ihrer Konfession oder Parteizugehörigkeit“ gegründet. Diesen Bandwurm von Satz schreiben die Mitglieder im Juni 1922 in ihre Satzung. Aus den anderen Parteien gewinnt der junge Verein, der keine Partei sein möchte, etliche Mitglieder. Seine Zielscheibe ist das Zentrum: Der Gewerbebund mit seinem Vorsitzenden Karl Peter ist mit dem Gang der Dinge auf dem Rathaus nicht zufrieden und das Zentrum dafür verantwortlich. Die Partei des politischen Katholizismus wird nervös, vor den Gemeindewahlen im November 1922 pöbelt sie gegen den neuen Konkurrenten. Die Strafe folgt: 20 Sitze und damit einen mehr als das Zentrum holt der Gewerbebund im Bürgerausschuss. Das ist eine faustdicke Überraschung.

 

Die Kanalisation war eine der Aufgaben, mit denen sich die Stadt in der Amtszeit von Edwin Grüninger (Fünfter von links) zu befassen hatte. Das Bild ist 1929 in der Hauptstraße entstanden. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

„Rette sich, wer kann“

Das Zentrum ist kein guter Verlierer, im ABB werden Leserbriefe veröffentlicht, die von Entstellungen und Verdrehungen sprechen und davon, dass der Gewerbebund von einem „demagogischen Talent“ geführt werde, das sich aus dem Hinterhalt betätige und einen Wahlkampf mit unehrlichen Mitteln geführt habe. Früher sei er ein eifriger Zentrumsmann gewesen: Gemeint ist Rechtsanwalt Karl Huber, der 1919 für das Zentrum in den Bürgerausschuss einzog und Gemeinderat wurde, aber nur wenige Monate sein Mandat wahrnahm. Das „Bühler Tagblatt“ höhnt: „Sauve qui peut (rette sich, wer kann)- der Huber kommt“.
Seinen Wahlerfolg kann der Gewerbebund nicht dauerhaft nutzen, weil er umgehend damit beginnt, sich selbst zu zerlegen. Er ficht die indirekte Gemeinderatswahl an und veranstaltet ein geradezu widersinniges Spektakel um verletzte Eitelkeiten, das erst endet, als der Gewerbebund im Februar 1923 seine Wahlanfechtung aufgibt. Am Rande bemerkt: Von den Bühler Zeitungen verlangt der Gewerbebund, über seinen Streit nicht zu berichten.

Sitzungen werden boykottiert

Fraktionsvorsitzender Oskar Bendler legt sich derweil mit Grüninger an. Es geht um ein Protokoll und ist ein wenig juristische Kaffeesatzleserei, was da betrieben wird und die Aufregung nicht wert, würden die Vertreter des Gewerbebundes mit Bürgermeister Grüninger – der hier auch nicht sehr souverän wirkt – richtig miteinander reden. Das tun sie nicht, und so fährt der Karren immer tiefer in den Dreck. Der Gewerbebund teilt im Januar 1924 mit, dass er an keiner Sitzung mehr teilnimmt, die Grüninger leitet: Es wird ihm „das Vertrauen in die Dienstführung entzogen“. Das Bezirksamt fühlt sich gefordert: „Es ist unseres Erachtens ein sehr unerfreulicher Zustand, daß in einer Gemeindeverwaltung derartige Zerwürfnisse herrschen …. Wir ersuchen dringend dahin zu wirken, daß durch eine Aussprache eine gütliche Einigung herbeigeführt wird.“ Bis in den Sommer 1924 hinein bleibt der Gewerbebund – und mit ihm der Bruder im Streitgeiste, die SPD – immer wieder mal den Sitzungen des Bürgerausschusses fern und sorgt für dessen Beschlussunfähigkeit. Kritiker aus den eigenen Reihen werden mundtot gemacht.

 

Karl Peter hat sich viele Verdienste erworben, auch in der Feuerwehr, deren Uniform er auf dem Bild aus dem Jahr 1909 trägt. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Vorsitzender wird ausgeschlossen

Karl Peter, Gründungsvorsitzender des Gewerbebunds, weigert sich, den Boykott der Sitzungen mitzumachen. Der hoch angesehene Bäckermeister, mit zahlreichen Ämtern in der Stadt betraut, kann es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, solchermaßen die Geschäfte auf dem Rathaus lahmzulegen. Bendler ersucht Peter namens der Fraktion, sein Gemeinderatsmandat aufzugeben. Peter weigert sich und wird aus dem Gewerbebund ausgeschlossen. Jetzt lehnt es der Gemeinderat ab, dem Antrag des Gewerbebunds zu folgen und Peter aus dem Rat zu verbannen. Peter spricht, da sich das Verfahren schon bis in den Sommer zieht, von einer Politik des Hasses, die einige wenige Mitglieder des Gewerbebundes trieben. Alle möglichen Instanzen werden eingeschaltet, Entscheidungen aufgehoben und wieder in Kraft gesetzt, es wird unflätig gestritten und der Stadt bis zum Exzess das Schauspiel vorgeführt: „Wie eine Partei ihre Ziele und Ideale demontiert.“ Am Ende, und das ist immerhin erst im Juni 1925, bekommt der Gewerbebund seinen Sieg: Der Badische Verwaltungsgerichtshof in Karlsruhe urteilt, dass Peter mit seinem Ausscheiden aus dem Gewerbebund auch seinen Gemeinderatssitz verloren hat. Doch der moralische Gewinner heißt Karl Peter, der in dieser Farce der einzige gewesen ist, der den eigenen Ansprüchen gerecht wurde.

Die Quittung kommt

Der Gewerbebund dagegen hat mit der öffentlichen Demontage seines einstigen Vorsitzenden aus seinem Programm einen Scherbenhaufen gemacht: das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben steht.
Die Quittung kommt. 1926 wird der Bürgerausschuss auf 60 Sitze erweitert. Die gemeinsame Liste von Gewerbebund und DDP – die erstaunlich ist, da auch die Demokraten das Verhalten des Gewerbebundes oft gegeißelt haben – kommt auf 26 Sitze. Das Zentrum ist mit zehn zusätzlichen Sitzen der große Sieger. Jetzt wird es ruhiger.

Wiederwahl im zweiten Wahlgang

Nach der Bürgermeisterwahl 1928 legt Oskar Bendler sein Amt als Fraktionsvorsitzender des Gewerbebunds nieder. Die Wahl hat er genutzt, um noch einmal seine herzliche Abneigung gegen Grüninger zu dokumentieren. Im ersten Wahlgang ordnet er Fraktionszwang an, Grüninger, einziger Kandidat, erhält nicht genügend Stimmen. Nun rührt sich im Gewerbebund etwas. Der Fraktionszwang fällt, Bendler geht. Dass nach der Wiederwahl ausgerechnet der Vorsitzende des Gewerbebundes, Kaufmann Max Brenzinger, im Namen aller Fraktionen Grüninger gratuliert, ist weniger ein symbolischer Canossagang des Gewerbebundes, als vielmehr ein Angebot auf gedeihliche Zusammenarbeit.

NSDAP gibt nun den Unruhestifter

Dass es jetzt aber stiller um den Gewerbebund wird, liegt daran, dass allmählich eine neue Partei aufkommt, die den Unruhestifter gibt: Adolf Hitlers NSDAP. Es ist bezeichnend, dass deren Erfolg bei der Kommunalwahl 1930 vor allem auf Kosten des Gewerbebunds gehen. Das Zentrum hält 29 Sitze, die NSDAP erobert 15 – und der Gewerbebund neun, 17 weniger als vier Jahre zuvor.

Für Grüninger ist das Maß voll

Und Grüninger? In Parteifragen ist das Maß für ihn längst voll. Lange genug haben sie ihm das Leben schwer gemacht. Am Ende der Weimarer Republik schreibt er seinem Parteifreund, dem Minister Baumgärtner in Karlsruhe, einen Brief, in dem er unterschwellig das fordert, wessen sich Hitler später rühmen wird, getan zu haben: die Parteien aus Deutschland hinauszufegen. Er ist zu sehr ein loyaler Diener der Republik, um es in Worte zu fassen. Aber seine Klagen lassen in sein Inneres schauen. Die Öffentlichkeit der Sitzungen werde für Fensterreden auf Kosten der Gemeinde missbraucht: „Mag die Gemeinde zugrundegehen, wenn nur die Parteien bestehen bleiben. So sieht es doch in Wirklichkeit heute aus.“ Er kritisiert vor allem SPD und NSDAP. Die Nazis hätten bei der Vorberatung des Haushalts 1931 noch zugestimmt. Am Tag der Entscheidung verteilten sie Flugblätter: „Volksgenossen kommt heute zur Bürgerausschussitzung und hört, warum wir den Voranschlag ablehnen.“ Sie kamen im Braunhemd und stellten „unglaubliche Anträge“.

Nach fünf Jahren als Landrat ging Edwin Grüninger (sitzend, Zweiter von links) 1951 in den Ruhestand. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Rückkehr ins Amt nach dem Krieg

Grüningers Amtszeit endet 1933 unfreiwillig. Die Nationalsozialisten stellen ihm zunächst einen Kommissar an die Seite und zwingen ihn dann aus dem Rathaus. Er arbeitet nach seiner Amtsenthebung als Rechtsanwalt und vertritt in großer Zahl die abgesetzten Bürgermeister, um ihnen zu der ihnen zustehenden Pension zu verhelfen, was ihm manche Feindschaft einträgt. Am 20. Juli 1944, dem Tag des Hitler-Attentats, wird Grüninger ins Gefängnis geworfen. Nach drei Tagen entlassen, wird er zu Schanzarbeiten an den Rhein abkommandiert; er flüchtet schließlich in den Hochschwarzwald. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzen die Franzosen ihn wieder als Bürgermeister ein. Er bleibt es bis 1946, dann wird er zum Landrat bestellt; vor allem Besatzungsaufgaben beschäftigen ihn nun. 1951 geht Grüninger in den Ruhestand. Der Bühler Ehrenbürger, ernannt 1962, stirbt am 6. Januar 1963.