Tatort: Die Lothar-von Kübel-Grundschule in Sinzheim und ihr Schulhof haben sich zu einem Treffpunkt für mehrere Jugendgangs entwickelt. | Foto: Ulrich Coenen

Täter aus der ganzen Region

Jugendgang überfällt Schülerparty in Sinzheim

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Gleich drei rivalisierende Jugendgangs soll es in Sinzheim geben. Das erzählen zumindest Anwohner, die seit Monaten unter dem nächtlichen Treiben zu leiden haben. Der Aktionsradius erstreckt sich vor allem auf den Schulhof der Lothar-von Kübel-Grundschule an der Ecke Hauptstraße/Dr.-Josef-Fischer-Straße und den Mehrgenerationenpark.

Ruhestörung und Sachbeschädigung

Es blieb nicht bei Ruhestörungen und Sachbeschädigungen. Wie das Polizeipräsidium Offenburg jetzt auf Anfrage dieser Zeitung bestätigte, flogen am Abend des 26. Oktober auf einer privaten Schülerparty die Fäuste. Mitglieder einer Jugendgang hatten sich ungebeten Zugang zur Feier eines 16-jährigen Jungen verschafft. Trotz eines Polizeieinsatzes gab es keine Pressemitteilung zu diesem Vorfall. Erst als ein Bekannter der Familie die Redaktion informierte, beantwortete die Pressestelle des Präsidiums die Anfrage dieser Zeitung.

Jugendlicher Gastgeber verprügelt

Pressesprecher Patrick Schaub beschreibt den Vorgang folgendermaßen: „Ein Gast verließ den Partyraum und wurde im öffentlichen Raum von einer kleinen Gruppe Jugendlicher offenbar provoziert. Das von ihm mitgeführte Rad wurde dabei beschädigt. Da er sich körperlich bedrängt fühlte, schlug er einen der anderen Gruppe. Daraufhin wurde er seinerseits von einem der Jugendlichen geschlagen. Der Gast begab sich nun zurück zur Party, von wo aus er die Polizei anrief. Dort erschien nunmehr die Tätergruppe und der Gastgeber wurde heftig geschlagen. Ein Tatverdächtiger soll sich erkundigt haben, wer zuvor dessen kleinen Bruder geschlagen habe.“ Noch vor Eintreffen der Polizei flohen die Täter, konnten aber inzwischen ermittelt werden. Nach Auskunft eines Bekannten der Familie musste der Gastgeber ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Zusammenhang mit Bühler Zwetschgenfest

Wie berichtet, ermittelt die Polizei nach Schlägereien beim Bühler Zwetschgenfest am 8. September wegen Landfriedensbruch. Offensichtlich besteht ein Zusammenhang mit den Vorfällen in Sinzheim. Schaub: „Die meisten der Zwetschgenfest-Täter wohnen in Sinzheim. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich mehrere Jugendliche und junge Erwachsene, darunter auch Mädchen, deutscher und nichtdeutscher Herkunft, lose an wechselnden Örtlichkeiten in Sinzheim treffen. Von einer Gang beziehungsweise Bande im Sinne des Strafrechts wird nicht ausgegangen. Zwischenzeitlich werden auch weitere Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls und Sachbeschädigung durch Graffiti gegen verschiedene Gruppenmitglieder geführt.“

Ethnisch durchmischte Gruppen

Es gibt aber laut Schaub keinen speziellen Migrationshintergrund: „Die ethnisch durchmischte Tätergruppe und die Vielfalt der begangenen Straftaten lassen weder ethnische noch religiöse Motivation erkennen. In vorliegendem Fall der gefährlichen Körperverletzung ist eher von einem ‚logischen‘ Ablauf einer sich steigernden Aggressivität auszugehen.“

Polizei Bühl und Baden-Baden sensibilisiert

Nach Auskunft von Schaub wurden die Beamten der Polizeireviere Bühl und Baden-Baden nach den Schlägereien beim Zwetschgenfest hinsichtlich der Aktivitäten der Sinzheimer Gruppe sensibilisiert und werden über die aktuellen Entwicklungen fortlaufend informiert. Es gebe deshalb eine deutliche und spürbare Erhöhung der polizeilichen Präsenz und Kontrolltätigkeit an den bekannten Jugendtreffpunkten. Auch die Ausländerbehörde im Landratsamt Rastatt wurde von der Polizei eingeschaltet.

Von Karlsruhe bis Baden-Baden

Die Anwohner in Sinzheim machen sich große Sorgen. „Inzwischen wurden im Bereich der Grundschule Kondome, Spritzen und Messer gefunden“, berichtet ein Sinzheimer im Gespräch mit dieser Zeitung. Er erzählt von gleich drei Jugendgangs unterschiedlichen Alters, die den Grundschulhof zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten okkupieren und sich dabei teilweise auch in die Haare geraten. „Um 20 Uhr kommen dann die bereits erwachsenen jungen Männer mit ihren Autos und Motorrädern und randalieren bis nach Mitternacht. Das sind nicht nur Sinzheimer. Die kommen aus Baden-Baden, Bühl und sogar aus Karlsruhe.“

Fotos ins Internet gepostet

Eine Recherche der Redaktion in den sozialen Netzwerken im Internet bestätigt diesen Eindruck. Die dort geposteten Fotos zeigen junge Männer und wenige junge Frauen, die selbstbewusst auf dem Grundschulhof und auf dem Rathausplatz in Sinzheim für Handyfotos posieren. Ein Bild zeigt ein Auto mit Bühler Kennzeichen und in die Nacht leuchtenden Schweinwerfern, auf dessen Motorhaube und Dach junge Männer mit Zigarette und Bierflasche sitzen. Offensichtlich haben die nun ihren Treffpunkt von der Grundschule auf den Rathausplatz verlagert. Dort hat ein Sinzheimer sie am Donnerstagabend beobachtet.

Sozialarbeiter ohne Chance

Bürgermeister Erik Ernst kennt die Probleme, die seine Gemeinde seit Monaten in Atem halten. Der Sozialarbeiter der Kommune hat versucht, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Erfolglos, wie Ernst berichtet.

Lage ist eskaliert

Nach Auskunft des Bürgermeisters handelt es sich um zehn bis 15 Personen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, die nicht alle aus Sinzheim, sondern aus der mittelbadischen Region kommen. „Bereits im Sommer haben sich die jungen Leute regelmäßig im Schulhof der Grundschule getroffen“, berichtet Ernst. „Am Anfang wurde es nur etwas lauter.“ Doch dabei ist es nicht geblieben. Gegenüber dieser Zeitung sprach der Rathauschef von Vandalismus und mehreren „Eskalationen“.

Gemeinde Sinzheim reagiert

Das will die Gemeinde nicht länger hinnehmen. „Wir stehen bereits seit längerer Zeit in engem Kontakt mit der Polizei“, sagt Ernst. Am 5. November stand das Thema ganz oben auf der Tagesordnung des Arbeitskreises Jugend, dem Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsamtes, und die Fachleute für Jugendarbeit im Landratsamt, der Polizei und der Gemeindeverwaltung angehören. „Wir haben die aktuellen Fälle und das weitere Vorgehen besprochen“, erklärt der Bürgermeister. Wesentliche Erfolge gab es aber bisher nicht.

Bürgermeister Erik Ernst will Beweise

„Uns sind von den jungen Leuten lediglich die Vornamen bekannt und das auch nur teilweise“, bedauert Ernst. „Ich bitte die Bürger, die beispielsweise Sachbeschädigungen beobachten, deshalb in jedem Fall Anzeige bei der Polizei zu erstatten oder das Ordnungsamt der Gemeinde zu informieren. Wir leben in einem Rechtsstaat und brauchen Beweise, um etwas zu unternehmen. Gleichzeitig dürfen wir nicht alles infrage stellen. Selbstverständlich haben Jugendliche das Recht, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, wenn sie die Regeln einhalten.“

Rathaus beschließt Maßnahmenpaket

Ab sofort will Erik Ernst den jungen Leuten die Randale im öffentlichen Raum so schwieirig wie möglich machen. Dafür wurde jetzt ein Maßnahmenpaket beschlossen. „Wir verbieten den Aufenthalt auf Schulhöfen nach Schulschluss und außerhalb von Veranstaltungen und bringen entsprechende Beschilderungen an“, sagt Ernst. Die Gemeinde will ebenfalls Beleuchtungen mit Bewegungsmeldern an den kritischen Orten montieren und den Aufenthalt dort „unattraktiv“ gestalten, wie Ernst es ausdrückt. „Außerdem wird das öffentliche WLAN an bestimmten Plätzen eingeschränkt.“ Das bei den Jugendlichen beliebte Surfen mit dem Smartphone wird damit schwieriger.

Bürger sollen besonnen reagieren

Angesichts der Gewaltbereitschaft hat Erik Ernst für seine Mitbürger einen Tipp: „Greifen Sie umsichtig und besonnen ein. Lassen Sie sich von den Tätern auf keinen Fall provozieren.“