Die Konkurrenz um freie Flächen wächst - Naturschützer hoffen nun, mit dem System der Ökopunkte eingreifen zu können. | Foto: ug

Umstrittene Ökopunkte

Der langwierige Kampf gegen einen zahnlosen Tiger

Anzeige

Seit fünf Jahren gibt es im Südwesten das System der Ökopunkte. Es soll dafür sorgen, dass Eingriffe in die Natur an anderer Stelle ausgeglichen werden. Doch bei einem zentralen Problem erweist es sich als zahnloser Tiger: Den grassierenden Flächenverbrauch einzudämmen, dafür ist das Punktesystem in seiner gegenwärtigen Form nicht geeignet. Diese These jedenfalls vertritt das „Zukunftsforum Natur und Umwelt Ortenau“, das jetzt mit einem Positionspapier versucht, das Ruder doch noch herumzureißen.
Hintergrund ist die laufende Evaluierung der Verordnung über die Ökopunkte.

Umfassendes Schriftstück

Für das Forum stehen zwei profilierte Vertreter des Landesnaturschutzverbands in der Region: Der ehemalige Acherner Stadtrat Peter Huber und als Vorsitzender der Rheinauer Joachim Thomas. Sie haben ein umfangreiches Schriftstück erarbeitet, mit dem sie nun eine landesweite Diskussion bei den Naturschutzverbänden ebenso wie in der Politik anstoßen wollen. Wichtigstes Ziel: Das aus ihrer Sicht bestehende Ungleichgewicht zwischen dem Schutz von Flora und Fauna auf der einen Seite und der Eindämmung des grassierenden Flächenverbrauchs auf der anderen Seite wieder gerade zu rücken.

Waldkalkung wird belohnt

Das klingt abstrakt, hat aber ganz konkrete Auswirkungen. So werde beispielsweise die Kalkung von einem Quadratmeter Waldboden bereits mit 0,3 Ökopunkten belohnt. Die könnten, so Huber, entweder dazu dienen, an anderer Stelle den Flächenverbrauch auszugleichen oder auch gehandelt werden – für im Extremfall bis zu sieben Euro pro Punkt. „Da stehen sie dann unten im Wald und es ist wie im Märchen vom Sterntaler“. Ähnlich bei der Sanierung geschädigter Waldbestände: Wer durch das Eschentriebsterben geschädigte Wälder fällt und andere Bäume neu anpflanzt, könne dies entweder vom Land bezuschussen lassen oder aber Ökopunkte kassieren. „Die Zuschüsse“, sagt Huber, „die will kaum jemand haben“.

Tauziehen um neuen Baggersee

Das Tauziehen um den Aufschluss eines neuen Baggersees im Maiwald hatte die Debatte und den Ehrgeiz der beiden Umweltschützer richtig in Schwung gebracht. Dort, man erinnert sich, winkten 860 000 Ökopunkte für die Ausbaggerung, da dadurch in 25 Jahren vielleicht einmal ein naturnaher Gewässerrandstreifen entsteht. Dass die Flächen einst extensiv bewirtschaftet worden waren, hatte Huber schon in der seinerzeitigen Debatte beklagt – unter dem Strich sei hier also keine ökologische Verbesserung zu sehen. Der Protest war erfolgreich, wie Huber jetzt in einem Pressegespräch sagt: Die Ökopunkte dort seien weg, „die hatten Pech, dass sie auf uns getroffen sind“.

Bodenverbrauch kein Thema

Doch das ist ein Einzelfall, dem Forum geht es ums Grundsätzliche: Der Bodenverbrauch spiele in diesem System kaum eine Rolle, „der wird im wahrsten Sinne des Wortes mit den Füßen getreten“. Das schade nicht nur der Natur und der Landschaft, sondern auch den Landwirten – sie seien die Leidtragendes des grassierenden Flächenfraßes.

Flächenfraß nimmt zu

Huber und Thomas befürchten, dass sich dieses Problem weiter zuspitzen wird. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten habe das Augenmerk besonders auf der Innenentwicklung der Kommunen gelegen, Baulücken würden geschlossen, so dass die Zersiedelung der freien Landschaft überschaubar blieb. Doch in den Kommunen werde es zunehmend eng: „Ich habe das Gefühl, dass diese Flächen jetzt bald aufgebraucht sind“. Dies werde dazu führen, dass sich das Augenmerk jetzt auf Äcker, Wiesen und Wälder richte – „50 Prozent des Flächenverbrauchs finden im ländlichen Raum statt“. Dass das Baugesetzbuch mit seinem Paragrafen 13 jetzt auch die beschleunigte Entwicklung im Außenbereich erleichtere, verschärfe das Problem weiter.

Zahlreiche Adressaten

Das Zukunftsforum hat sein 30 Seiten umfassendes Positionspapier jetzt an die Landesregierung, zahlreiche Landtagsabgeordnete, Wissenschaftler, Kreisräte, Behörden und Ministerien sowie natürlich an die Naturschutzorganisationen aus dem Südwesten geschickt. Die Rückmeldungen seien durchweg positiv, auch wenn noch nicht jeder der Angesprochenen geantwortet habe.
Die Aktion soll einerseits politischen Druck erzeugen, auf den anderen Seite aber auch die Kommunikation in Gang bringen: „Wir wollen eine gemeinsame Plattform für den Austausch schaffen“. Dabei setzt man laut Thomas nicht zuletzt auf die 430 Ortsgruppen von Bund, Nabu und Landesnaturschutzverband im Land.
Viele Rückmeldungen würden noch ausstehen: „Wir hoffen“, ergänzt, Huber, „dass die Damen und Herren da jetzt reagieren“.