Weitgehend abgeschlossen sind die flächendeckenden Corona-Tests in den Pflegeheime des Ortenaukreises. Warum das Virus fast verschwunden ist, gibt auch den Behörden Rätsel auf. | Foto: Pedersen

Gesundheitsamt Offenburg

Kaum noch Neuinfektionen: Ist Corona im Ortenaukreis verschwunden?

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Das hat so sicher kaum jemand erwartet: Die Zahl der Corona-Infizierten nicht nur im Ortenaukreis ist in den vergangenen Wochen rasant gesunken. Eine richtige Erklärung dafür liefert die Wissenschaft nicht. Soll man dennoch weiter Masken tragen und auf Abstand bleiben?

BNN-Redakteur Frank Löhnig hat bei Evelyn Bressau nachgefragt. Sie hatte als Leiterin des Gesundheitsamts in Offenburg vom ersten Tag an mit dem Virus zu tun.

Ist Corona verschwunden?

Evelyn Bressau: So mutig wäre ich jetzt nicht. Die aktuelle Lage zeigt, dass wir immer noch einzelne Fälle im Ortenaukreis haben. Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu solchen Ereignissen wie in Frankfurt oder Göttingen kommt, wo bei einzelnen Veranstaltungen sehr viele Menschen angesteckt wurden.

Es kann immer wieder zu neuen Infektionen kommen. Wir sind hier beim Gesundheitsamt in gespannter, aber aufmerksamer Ruhe. Am Wahrscheinlichsten ist zur Zeit, dass es im Zusammenhang mit Veranstaltungen wieder zu punktuellen Infektionen kommt.

Das könnte auch eine gefährliche Ruhe sein. Um ehrlich zu sein: Wir wissen nicht, was los ist.

Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts in Offenburg

Nicht alle, aber viele Menschen sind in den letzten Wochen wieder deutlich unvorsichtiger geworden. Wenn das Infektionsrisiko noch so hoch wäre wie im März oder April, hätten wir dafür nicht längst die Quittung bekommen müssen?

Wir sehen die Infektionen ja erst zeitverzögert. Man muss die Zeit rechnen, bis die ersten Symptome auftauchen und als mögliche Infektion mit Covid-19 identifiziert werden, so dass es zehn bis zwölf Tage dauern kann, bis wir dann tatsächlich ein positives Testergebnis vorliegen haben. Es verdichtet sich der Verdacht, dass das Infektionsrisiko im Freien deutlich geringer ist, und viele Aktivitäten finden derzeit draußen statt. Wenn das gute Wetter die Leute nach draußen zieht, ist das nicht so problematisch.

Wir wünschen uns trotzdem, dass die Leute Abstand halten und ihre Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Wir würden uns auch wünschen, dass die Menschen noch ein bisschen durchhalten mit den Vorsichtsmaßnahmen.

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Das alles erklärt aber noch nicht, warum die befürchteten Neuinfektionen nach den Lockerungen ausgeblieben sind.

Das könnte auch eine gefährliche Ruhe sein. Um ehrlich zu sein: Wir wissen nicht, was los ist. Es gibt keine Erklärung, was mit dem Virus passiert ist, und ich will mich nicht in Vermutungen ergehen, woran das liegen könnte.

Klar ist, wir haben derzeit sehr viel weniger Erkrankte und weniger Kontaktpersonen. Derzeit sind es noch 78 Menschen, die wir in Quarantäne beobachten, vor einigen Wochen hatten wir noch 1.200 Kontaktpersonen von Infizierten in Quarantäne.

Bleibt skeptisch: Für Evelyn Bressau, Leiterin des Offenburger Gesundheitsamts, hat sich das Thema Corona noch längst nicht erledigt. | Foto: Landratsamt Offenburg

Lässt sich den Menschen da noch vermitteln, dass es wichtig ist, weiter vorsichtig zu sein?

Das ist ein schwieriges Thema. Man muss immer abwägen, wie weit man gehen kann. Wenn man zu schnell zu viel lockert, wird hinterher der Vorwurf im Raum stehen, dass wir vorsichtiger hätten sein müssen.

Es ist zur Zeit sehr schwierig, zu sagen was man noch unbesorgt machen kann und wann man sich in Gefahr begibt oder andere gefährdet. Letztlich muss im persönlichen Bereich jeder Einzelne entscheiden, wie er sich verhält. Da ist viel Eigenverantwortung gefragt.

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Werden wir das Virus im Herbst, wenn es wieder kälter und regnerischer wird, wieder in seiner ganzen Gefährlichkeit zu spüren bekommen?

Es steht zu erwarten, es kann aber auch sein, dass es nicht so kommt. Dieses Virus hat seine eigene Logik, und die haben wir noch nicht ganz verstanden. Wir sind in Deutschland mit einem blauen Auge davongekommen. Das liegt daran, dass wir uns alle gemeinsam wirklich gut angestrengt haben. Jetzt geht es darum, weise wieder in den Normalbetrieb zurückzukehren.

Es ist völlig falsch, die Zahl der positiven Tests ins Verhältnis zu den Gestorbenen zu setzen, da jeder Kreis hier seine eigene Methodik hatte.

Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts in Offenburg

Dabei darf man allerdings nicht übersehen, dass 125 Menschen im Kreis „an oder mit Corona“, wie es inzwischen heißt, gestorben sind. So viele wie in keinem anderen Kreis im Südwesten.

Wir haben alle Menschen gezählt, die Corona-infiziert gestorben sind. Ob sie mit oder an Corona starben, das haben wir damit nicht feststellen können. Wenn der Infekt das letzte fatale Ereignis ist, kann es für einen bereits geschwächten Körper einfach zu viel gewesen sein. Welche Zahlen letztlich in der Statistik stehen, hängt vor allem daran, wie viel getestet wurde und wer getestet wurde.

Es ist völlig falsch, die Zahl der positiven Tests ins Verhältnis zu den Gestorbenen zu setzen, da jeder Kreis hier seine eigene Methodik hatte. Zudem ist die Dunkelziffer der asymptomatisch Erkrankten enorm hoch. Klar ist: Die so genannte Übersterblichkeit, also die Zahl der Gestorbenen im Vergleich zu früheren Jahren, ist nicht so auffällig wie in anderen europäischen Regionen.

Am Anfang der Pandemie war ziemlich klar, was verboten ist. Mit den Lockerungen kommen fast täglich Anweisungen der Politik, dazu gibt es Gerichtsurteile, deren Folgen nicht absehbar sind. Wissen die Menschen überhaupt noch, was sie tun und lassen sollen?

Ja, es ist langsam richtig schwierig geworden. Einen Überblick liefert die Website des Sozialministeriums. Doch da gibt es inzwischen so viele Verordnungen, dass es deutlich unübersichtlicher ist als am Anfang. Mit den zunehmenden Lockerungen wird es immer schwieriger, den Überblick zu bewahren.

Wer sich interessiert, der schaut natürlich nach, was er darf und was nicht. Wir versuchen, den Menschen zum Beispiel an unserem Corona-Telefon zu helfen, wir kennen aber nicht jede Verordnung auswendig. Da kommen manchmal neun oder zehn am Tag neu hinzu. Ein guter Ansprechpartner sind auch die Ordnungsämter.

Die Masken bringen wirklich was

Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts in Offenburg

Ein Thema in der öffentlichen Debatte ist immer wieder die Maskenpflicht – doch wie es scheint, ist das weiter eine sinnvolle Sache.

Ja, die Masken bringen wirklich was, da sind sich inzwischen die Forscher einig, dass das große Problem nicht die dicken Tröpfchen sind, sondern die Aerosole, die beim Sprechen, Singen oder dem Sport entstehen. Die schweben in der Luft und die sind infektiös. Der Mund- und Nasenschutz ist die simpelste und einfachste Maßnahme, um sich und andere zu schützen. Das sieht die WHO inzwischen auch so, nachdem man da lange skeptisch war.

Allerdings sind die wirksamen FFP-2-Masken für Normalbürger noch immer nicht zu haben.

Wenn man Abstand hält, braucht man keine FFP-2-Maske. Die braucht man vielleicht als Zahnarzt oder als Mitarbeiter im Rahmen einer stationären Behandlung und in der Altenpflege, wo man sich zwangsläufig sehr nahe kommen muss.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Der Kreis hat alle 66 Pflegeheime durchgetestet um etwas über die Verbreitung des Erregers zu erfahren. Was weiß man jetzt?

Wir sind schon sehr weit gekommen, mehr als 50 Heime sind flächendeckend beprobt. Abgesehen von den Infektionen in Neuried, die bekanntlich inzwischen auch zu Todesfällen geführt haben, sind keine weiteren Infektionsherde aufgetaucht. Es sieht im Moment ganz gut aus.

Derzeit gelten weniger als 50 Menschen im Kreis als infiziert, im Juni hat es nur eine Neuinfektion gegeben. Kann man annehmen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung im öffentlichen Raum inzwischen sehr gering ist?

Das kann man. Aber: Wir bewegen uns inzwischen auch wieder mehr, nicht nur regional, sondern bald auch wieder international. Da ist es dann nur eine relative Erkenntnis, zu sagen, wir haben derzeit lediglich 23 Infizierte im Kreis.