Viel Arbeit macht der Obstanbau. Doch vor allem die kleineren Erzeuger fragen sich zunehmend, ob sich der Aufwand noch lohnt – zumal der Obstgroßmarkt in Oberkirch jetzt auch noch die Mittel für die Zertifizierung der Betriebe gestrichen hat. | Foto: Jens Büttner

Obstanbau in Mittelbaden

Kleine Erzeuger fürchten um ihre Existenz

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Von Christine Storck

Kleine Obstbetriebe in der Region fürchten das wirtschaftliche Aus. Denn seit November 2017 müssen sie die notwendige Zertifizierung ihrer Produktion aus eigener Tasche bezahlen – rund 400 Euro pro Jahr. Bislang hat dies ihr Abnehmer, der Obstgroßmarkt Mittelbaden (OGM), übernommen. Doch der will, beklagen kleinere Erzeuger aus der nördlichen Ortenau, diese Mittel streichen.

Stellungnahme verweigert

Eine Obstbäuerin aus Sasbachried fürchtet gar einen Strukturwandel als Folge dieser Entwicklung: „Manche Betriebe nehmen 1 000 Euro jährlich durch den Obstanbau ein, da sind 400 Euro eine Menge Geld“. Sie fürchte, dass immer mehr kleinere Erzeuger aufgeben – zum Beispiel haben im Bühler Stadtteil Altschweier wie berichtet allein im vergangenen Jahr 15 Betriebe aufgegeben, inzwischen sind nur noch sieben von 500 Erzeugern im Ort übrig. Auf mehrfache Nachfrage des Acher- und Bühler Bote wollte die OGM-Geschäftsführung keine Stellung nehmen.

Wir werden vom Markt gedrängt

Unter den kleinen Obsterzeugern in der Ortenau geht die Angst um. „Angesichts steigender Kosten sehe ich kaum eine Chance mehr, meinen Betrieb im Nebenerwerb erfolgreich weiterführen zu können. Wir werden vom Markt gedrängt“, schreibt ein Obsterzeuger aus Bühl, der namentlich nicht genannt werden möchte. Mit seiner Sorge ist er nicht allein.

„Krasse Benachteiligung“

Seit 2005 verlangen die Supermärkte zunehmend Obst aus zertifizierter Produktion; der OGM habe die Zertifizierung in den vergangenen Jahren durch Beratung und Übernahme der Kosten unterstützt. Seit 2016 werde generell nur noch Obst aus zertifizierter Produktion angenommen. Diese Entscheidung führe zu einer „krassen Benachteiligung“ der kleinen Erzeuger. „Bei einem Jahresumsatz von 2 000 Euro beträgt die Belastung etwa 25 Prozent des Gesamtumsatzes und nimmt uns den Atem“, rechnet der Bühler Landwirt vor.

Strukturwandel befürchtet

Für einen größeren Erzeuger, der zum Beispiel 200.000 Euro erwirtschaftet, bedeute dies hingegen nur einen Abschlag von 0,25 Prozent. Das sei in der Praxis kaum spürbar. Doch die Kleinerzeuger fürchten das wirtschaftliche Aus – mit Folgen. Felder und Wiesen würden verwahrlosen, das von Obst und Reben geprägte Landschaftsbild der Region gehe verloren, so die Sasbachrieder Landwirtin, die sich bereits besorgt in einem Schreiben an den OGM gewandt hatte. Einfach zu bewirtschaftende, ebene Fläche würden möglicherweise von großen Betrieben übernommen und maschinell bearbeitet. Die „ökologisch viel wertvollere Pflege“ durch die Handarbeit der vielen Kleinbetriebe gehe verloren. Das habe in der Region langfristig einen massiven Strukturwandel zur Folge.

Ungleichbehandlung beklagt

Zudem sei die Ungleichbehandlung der Betriebe als OGM-Mitglieder nicht mit den genossenschaftlichen Grundsätzen vereinbar. Hätte man die Kosten für die Zertifizierung zum Beispiel über die Marktgebühr abgedeckt, läge die Belastung bei unter 0,5 Prozent des Umsatzes und wäre gerecht verteilt, sind die Betroffenen überzeugt.

Keine satzungsgemäße Aufgabe?

In einem Schreiben an einen Landwirt, das dieser Zeitung vorliegt, stellt Obrecht nicht in Abrede, dass kleine Betriebe durch die Kosten härter getroffen werden. Aber es sei nicht satzungsgemäße Aufgabe des OGM, das Aufgeben von kleinen Strukturen um jeden Preis zu verhindern. Dafür sei die Politik zuständig. Der vor Jahren eingeführte Bonus habe den Betrieben den Einstieg in die Zertifizierung erleichtern sollen. Anfangs hätten manche Produkte noch ohne Zertifizierung verkauft werden können, ab 2016 sei diese jedoch Standard geworden. Deshalb ergebe die finanzielle Unterstützung aus Sicht des OGM keinen Sinn mehr.

„Interne Angelegenheit“

In dem Schreiben spricht Obrecht von Einsparungen in Höhe von rund 220.000 Euro, die man dringend für andere Aufgaben benötige. Dem Acher- und Bühler Bote wollte der OGM kein Statement abgeben. Es handelt sich um eine interne Angelegenheit, teilte Pressesprecher Manuel Blechinger mit.

Überdenken Sie ihren Beschluss

Die Kleinerzeuger sind ratlos. „Natürlich geht die Produktion mit 50 Großbetrieben einfacher als mit 200 kleinen. Aber bei einer Genossenschaft sollte nicht nur die ökonomische Effizienz, sondern auch die soziale Komponente eine Rolle spielen. Wir haben hier eine wunderschöne Landschaft, und der Wert, den die Obstbäume besitzen, drückt sich nicht nur durch die Ernteerlöse aus“, so der Appell einer Erzeugerin. Sie appelliert an den OGM: „Überdenken Sie ihren Beschluss.“