Schwere Verletzungen erlitt der 34-jährige Fahrer dieses Autos. Als er an der Eurorast-Tankstelle seinen Wagen mit Erdgas betanken wollte, kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall. | Foto: Roland Spether

Erdgas-Tankunglück in Achern

Knapp an einer Katastrophe vorbei

Anzeige

Schreckmoment an Heiligabend: Beim Betanken eines Autos mit Erdgas ist es Montag um 12.30 Uhr in der Eurorastpark-Tankstelle an der L87 zu einem Unglück gekommen. Während des Tankens explodierte ein Gasdruckbehälter eines Audi A3. Die Druckwelle und umherfliegende Fahrzeugteile verletzten den hinter dem Wagen stehenden 34-jährigen Fahrer schwer. Der hintere Bereich des Fahrzeugs wurde komplett aufgerissen. Die Hintergründe sind bislang völlig unklar.

Audi-Konzern wartet Analyse ab

Wie bnn.de von der Polizei auf Anfrage erfuhr, ist menschliches Versagen jedoch auszuschließen. Der Mann habe an der Zapfsäule nicht geraucht. Auch Funkenflug durch die Benutzung eines Smartphones sei nicht Auslöser der Verpuffung. Die genaue Ursache ermittelt derzeit ein Sachverständiger der Polizei. Mit Bedauern hat der Audi-Konzern das Tank-Unglück in Achern zur Kenntnis genommen. „Unser Mitgefühl gilt dem Verletzen und deren Angehörige“, teilt Sprecherin Regine Hurth auf Anfrage von bnn.de mit. Zum genauen Vorfall äußert sie sich nicht, da noch keine genauen Analysen vorliegen. „Derartige außergewöhnliche Fälle werden von unabhängigen Sachverständigen und Audi-Spezialisten untersucht. Das braucht seine Zeit.“ Zwischen 2012 und 2016 kam es bei Fahrzeugen von VW zu Explosionen beim Betanken (siehe Hintergrund).
Einen der beiden Erdgas-Druckbehälter aus Kunststoff hatte es regelrecht zerrissen. Ein weiterer Tank liegt beschädigt daneben. | Foto: Roland Spether

Familie hatte großes Glück

Der Eurorastpark ist an Heiligabend denkbar knapp einer Katastrophe entgangen, wie Einsatzleiter Michael Wegel von der Feuerwehr Achern im Gespräch mit bnn.de bestätigt: „Nebenan befand sich ein Auto einer Familie. Zum Glück waren alle Fahrzeuginsassen im Gebäude der Tankstelle. Der Mann war gerade am Bezahlen, die Mutter mit den Kindern auf der Toilette.“ Trümmerteile hatten die Seitenscheibe eingeschlagen und zwei weitere Fahrzeuge sowie die Erdgaszapfsäule beschädigt. „Im schlimmsten Fall hätte es vier bis sechs Tote geben können“, so Wegel. Denn die Trümmerteile flogen quer über die Fläche der Tankstelle. Da sie sich großflächig verteilten und bis zu 50 Meter weit flogen, war die Tankstelle für die Aufräumarbeiten nach dem Unfall rund zwei Stunden außer Betrieb.

Besondere Herausforderung für die Feuerwehr

Für die Acherner Feuerwehr war dieser Einsatz Neuland – eine Rettungsaktion nach einer Erdgas-Explosion beim Betanken hatten die Männer um Michael Wegel noch nicht erlebt: „Vor zwei Jahren hatten wir lediglich einen Einsatz bei Gamshurst, als ein Flüssiggas-Fahrzeug in einen Unfall verwickelt war.“ Entsprechend vorsichtig gingen die 21 Einsatzkräfte an der Tankstelle vor. Die Polizei sperrte einen Sicherheitsbereich von fünf Metern ab. Mitarbeiter der Tankstelle hatten die Tanksäulen bereits alle Zapfsäulen abgeschaltet. Mit Messgeräten ermittelte die Feuerwehr, dass sich kein Gas mehr in der Umgebung befindet.

Mösbacher Unternehmen entsorgte Gastanks

Tatsächlich nach Angaben des ADAC ist die Explosionsgefahr im Freien gering, da das Erdgas, leichter als Luft, sich rasch verflüchtigt. Die Tanks sind bis zu einem Druck von 200 Bar ausgelegt. Ein Gasdruckbehälter war in zwei Teile gerissen, der zweite Tank lag beschädigt hinter dem Auto. „Wir wussten zunächst nicht, wie damit umzugehen ist, da der zweite Behälter beschädigt noch daneben lag und sich darin Gas befand. Ich wollte meine Jungs nicht in Gefahr bringen“, berichtet Wegel. Es folgten Telefonate mit dem Audi-Notfalldienst und einer Fachfirma. Ein auf die Bergung von Gefahrgut spezialisiertes Abschlepp-Unternehmen aus Mösbach hatte die Behälter mit einem Seil vorsichtig von der Tankstelle entfernt, entleert und entsorgt.

Erdgas-Zapfsäule weiter außer Betrieb

Den Gesamtschaden beziffern die Ermittler nach ersten Schätzungen auf etwa 70 000 Euro. Die Erdgaszapfsäule des Eurorastparks bleibt bis zum Abschluss der Ermittlungen außer Betrieb.

Hintergrund: Tankunfälle mit Erdgas

Im September 2016 explodierte ein VW Touran in Duderstadt/Niedersachsen beim Betanken mit Erdgas. Seinerzeit stellten die Ermittler fest, dass die Erdgasbehälter verrostet waren und durch den hohen Druck beim Einlassen von Erdgas barsteten. Daraufhin rieten Tankstellenkonzerne zeitweise vom Verkauf von Erdgas ab. Dem Fahrer entging jedoch eine VW-Rückrufaktion, um den Tank zu tauschen. Denn bereits 2012 explodierte ein Tank eines gleichen Modells im bayerischen Wolfratshausen. Zwei ähnliche Fälle wurden 2015 und 2016 aus Schweden bekannt. Die innere Schicht der Gastanks des in Achern betroffenen Audi-Modells besteht jedoch aus Polyamide-Kunststoff, die Ummantelung aus Kohlenstofffasern. Neu zugelassene Erdgas-Autos benötigen eine Typengenehmigung nach ECE 110. Druckgasbehälter dürfen maximal 20 Jahre in Betrieb sein. Neben der Hauptuntersuchung ist eine Gasanlagenprüfung Pflicht.