Wolfgang Schneider aus Sinzheim leidet an der seltenen Entzündungskrankheit Morbus Bechterew. | Foto: Bühler

Mann aus Sinzheim berichtet

Krankheit Morbus Bechterew: „Es hilft nur Bewegung, Bewegung, Bewegung“

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Wolfgang Schneider aus Sinzheim leidet an der seltenen Entzündungskrankheit Morbus Bechterew. Die Krankheit prägt sein Leben. Er arbeitet daran, Patienten zu informieren und untereinander zusammenzubringen. Für sein Engagement ist er jetzt gewürdigt worden.

Beim Kaffeeholen auf dem Weg zur Küche läuft Wolfgang Schneider mit umsichtigen Schritten leicht nach vorn gebeugt. Fast möchte man glauben, er habe einen Hexenschuss. „Ja. Meist wird eine rheumatische Krankheit vermutet. Das ist ja das große Problem.

Die Krankheit gibt es in vielerlei Ausprägungen, und es ist schwierig, die richtige Diagnose zu stellen. Oft dauert es Jahre, bis Patient und Arzt sicher Bescheid wissen, dass es sich um eine Form der Entzündungskrankheit Morbus Bechterew handelt. Je früher die Diagnose dieser Wirbelsäulen-Entzündung erfolgt, desto besser können die Vorgänge gebremst und einer drohenden Versteifung entgegengewirkt werden.“

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Wolfgang Schneider tut sich schwer, die ersten Anzeichen dieser tückischen Krankheit zu beschreiben. „Es ist wirklich sehr spezifisch. Aber meist fängt es quasi am Ende des Rückens im Beckenbereich an. Die Schmerzen beginnen bereits in jungen Jahren und das vor allem nachts in den frühen Morgenstunden“, blickt er auf seine ersten Symptome vor rund 50 Jahren zurück.

Es gibt nur ein wirkliches Rezept gegen die drohende irreparable Versteifung: Bewegung, Bewegung und nochmals Bewegung.

Wolfgang Schneider, Morbus-Bechterew-Patient

Die Krankheit Morbus Bechterew hat sein Leben bestimmt. Trotzdem arbeitete der heute 67-Jährige viele Jahre in den Reben um den Sinzheimer Ortsteil Winden. Beruflich schwenkte er nach der Werkzeugmacher-Lehre auf Konstukteur um. „Bei der Arbeit ständig stehen, wäre nicht drin gewesen. Trotz langer Krankheit geht es mir aber verhältnismäßig gut. Es gibt nur ein wirkliches Rezept gegen die drohende irreparable Versteifung: Bewegung, Bewegung und nochmals Bewegung.“

Unter der Bezeichnung Morbus Bechterew versteht man eine versteifende Wirbelentzündung sowie eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule betrifft. Mit der zunehmenden Verknöcherung geht auch eine schleichende Bewegungseinschränkung einher. Der Krankheitsverlauf kann bis zu einer vollständigen Versteifung der Wirbelsäule führen. Die Erkrankung erfolgt in der Regel schubweise und wird von teils starken Rückenschmerzen begleitet. Morbus Bechterew ist bislang nicht heilbar. Die Krankheit wird in der Fachliteratur als ein seit Tausenden von Jahren vorkommendes Leiden beschrieben, das schon Pharao Ramses II. in Ägypten geplagt haben soll.

Wolfgang Schneider sitzt in seinem sonnigen Anbau am Ortsrand von Winden und ordnet wie so oft Unterlagen. Es gibt viel zu sichten und einzureichen. Es sind die Rezepte seiner Mitpatienten in der von ihm Ende der 80er-Jahre mitgegründeten Therapiegruppe Baden-Baden, die Wolfgang Schneider verwaltet und mit den jeweiligen Krankenkassen abrechnet. Etliche Stunden sitzt der 67-Jährige über den Unterlagen, zudem engagiert er sich beim Landesverband der Vereinigung Morbus Bechterew.

Engagement seit den 80er Jahren

Sein Engagement für seine Mitpatienten reicht bis Anfang der 80er-Jahre zurück und ist mittlerweile ein Netzwerk zur Selbsthilfe, damit Bechterew-Patienten mit ihrer Krankheit besser klarkommen mit gezielter Unterstützung im Alltag, mit Austausch und sozialem Rückhalt.

„Die Gruppe hat eindeutig eine Betreuungsfunktion. Ich bin sozusagen der Kassenwart und rechne auch die regelmäßigen Trocken- und Badeübungen mit einer speziellen Therapeutin in der Baden-Badener Acura-Klink und im Rot-Kreuz-Zentrum mit den Krankenkassen ab“, führt er aus.

Da kommen viele Stunden freiwilliger Hilfe zusammen, für die Wolfgang Schneider nach Jahren nun auch öffentlich gewürdigt wurde: Beim Neujahrsempfang bekam der Windener aus den Händen von Sinzheims Bürgermeister Erik Ernst die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg überreicht.

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Ministerpräsident Winfried Kretschmann honorierte mit der hohen Auszeichnung das großartige bürgerliche Engagement des Sinzheimer Bürgers für seine Mitpatienten über Jahre hinweg. „Mir ist es wichtig, dass die Krankheit zwar als unvermeidbarer Bestandteil des Lebens akzeptiert wird, aber sie sollte für den Betroffenen nicht zum Lebensinhalt werden. Und dabei ist der Austausch mit Leidensgenossen ein ganz wichtiges Element, damit der Erkrankte sich trotz der Einschränkungen nicht in ein Schneckenhaus verkriecht.“

Wolfgang Schneider weiß, wovon er spricht. Ein aktives Leben mit viel Bewegung und Sport ermöglichen es auch ihm, dass die Schmerzen weniger wurden und der Körper beweglich bleibt „Ziel ist es, trotz Morbus Bechterew eine positive und selbstbewusste Lebenseinstellung zu erreichen“, sagt Schneider und macht sich bereits an die Planung der Zusammenkünfte und gemeinsamen Ausflüge der Selbshilfe-Gruppe für das bevorstehende Jahr.

Informationen und Ansprechpartner gibt es bei der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew, Landesverband Baden-Württemberg, Telefon (07 11) 71 01 02, E-Mail lv@dvmb-bw.de, und bei der Morbus-Bechterew-Ortsgruppe Baden-Baden, Wolfgang Schneider, Telefon (0 72 21) 8 33 26 sowie per E-Mail an baden-baden@dvmb-bw.de.