Fast elf Minuten lang schwebt die 63 Meter lange Fußgänger- und Radwegbrücke am Mittwochvormittag über den Rhein. Nach etwas Feinjustierung ist es geschafft. Das Bauwerk schließt über dem Becken des Wasserkraftwerks die letzte Lücke für den neuen, für Fußgänger und Fahrradfahrer sicheren Rheinübergang zwischen Freistett und Gambsheim. | Foto: Karen Christeleit

Übergang Gambsheim/Freistett

Längste Alubrücke Europas eingebaut

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In einer spektakulären Aktion haben französische Ingenieure eine 63 Meter lange Alubrücke an einem Wasserkraftwerks am Rheinübergang Gambsheim-Freistett eingesetzt. Das Bauwerk schließt die Lücke des grenzüberschreitenden Fußgänger- und Radwegs. Nach mehr als zwölf Jahren Planungs- und Bauzeit geht für die beiden Gemeinden am Rhein ein Wunsch in Erfüllung.

Von Bärbel Nückles

Für genau elf Minuten schwebt die Aluminiumkonstruktion über dem Rhein. An einem Koloss von einem 500 Tonnen schweren Hebekran hängt die Brücke wie ein federleichtes Spielzeug aus silbrig glänzenden Streben. Dabei bringt sie immerhin 34 Tonnen auf die Waage. An dem Richtung Deutschland zuneigenden Ende haben die Arbeiter vor Beginn der Prozedur eine deutsche Flagge montiert. Dort haben sie auch ein Seil fixiert, damit sich die Alubrücke, während sich der Kran Stück für Stück voran tastet, sicher ins Ziel leiten können: Das frisch betonierte Widerlager auf der Rheininsel bei Gambsheim, eine Stelle die vielen vom Besucherzentrum der Fischtreppe bekannt sein dürfte. Dort, wo das andere Ende auf französischem Boden eingesetzt wird, flattert die Trikolore. Und über allem schwirrt ein technisches Insekt, eine Drohne.

Wind verzögert Einsetzen

Mit einer Stunde Rückstand zur Planung hat das Einsetzen der neuen Brücke für Fußgänger und Radfahrer am Rheinübergang zwischen Freistett und Gambsheim an diesem Mittwoch kurz vor 9 Uhr begonnen. Ein wenig Wind hat am Morgen den Start verzögert. In der Nacht hat es noch kräftige Regengüsse gegeben. Zuvor hatte der Schwertransport vom Betriebsgelände der Schlosserei Sieffert in Gambsheim, keinen Kilometer vom Standort der Brücke entfernt, zwischen 23 Uhr und 1 Uhr am Morgen, die Brücke am französischen Ufer abgesetzt.

Bauwerk kostet 1,1 Millionen Euro

Aber jetzt ist es gelungen. Die Brücke sitzt – fast passgenau. „Zwei Betonblöcke auf französischer Seite werden noch zurechtgeschliffen werden müssen“, stellt Éric Friedrich fest, technischer Leiter der zuständigen Abteilung in der Départementsverwaltung Bas-Rhin in Straßburg. Aber das sei eine ganz normale Justierung. Die Aluminiumbrücke für 1,1 Millionen Euro ist das Schlussstück des komplett sanierten Rheinübergangs an der Staustufe und dem von EDF und EnBW gemeinsam betriebenen Wasserkraftwerk. Nach dem Neubau der Straßenbrücken 2018 mit einer Komplettsperrung für drei Monate im Sommer fehlte nur noch der Steg vor dem Kraftwerk.

Längste Brücke ihrer Art in Europa

Mit einer Länge von 63 Metern handelt es sich um die derzeit längste Brücke Europas dieser Bauart. Sie kommt ohne Pfeiler aus. So kann sie bei notwendigen Reparaturen am Kraftwerk wieder mit einem Kran zur Seite gehoben werden. Allein auf dem Hafengelände im korsischen Ajaccio gebe es eine Brücke, die anscheinend zwei Meter länger sei, sagt Éric Friedrich. Er habe das recherchiert. Doch die korsische Brücke zählt nicht, weil sie nur für die Hafenarbeiter zugänglich ist, eine Brücke zu Wartungszwecken. Bei dem neuen Werkstück, das sich seit Mittwochmorgen nun über den Rheinabschnitt bei der Fischtreppe spannt, handelt es sich um eine Brücke für Radfahrer und Fußgänger. Sie ist auch ein Nachbarschaftsobjekt, das von jedermann in der Grenzregion genutzt werden kann. Auch der Radweg vorbei an der Fischtreppe wird gerade neu gemacht.

Alubrücke bereits eine Woche vor Einbau fertig

Eine Woche vor dem Einbau steht die Brücke bereits fix und fertig zusammengebaut auf dem Hof der Schlosserei Sieffert, aufgebockt auf 1,5 Meter hohen Betonklötzen. Farblich abgesetzt wurden das Geländer in Dunkelgrau, die Reling in leuchtendem Rot. Sonst glänzt das Alu im Originalzustand in der Sonne.
Hält sie den künftigen Belastungen stand? Die Fristen seien eng gewesen, erläutert Friedrich. „Wir haben aber keine Zweifel, dass sie hält“, fügt er schmunzelnd hinzu, geht unter ihr hindurch und schaut prüfend in die Verstrebungen. Einen Test braucht es dennoch, schließlich gibt es ja Vorschriften. Zu starke Schwingungen könnten die Nutzer verunsichern.

Belastungstest mit 40 Studenten

Deshalb marschiert jetzt der Bürgermeister von Gambsheim in den Sieffertschen Werkshof, 40 angehende Ingenieurinnen und Ingenieure der Hochschule für Wasserbautechnik aus Straßburg im Schlepptau. Für den Schwingungstest braucht es menschliche Masse. An sechs Messpunkten zu beiden Seiten der Brücke hat Julien Menier Sensoren verdrahtet. Im Schatten nebenan sitzen er und sein Kollege mit Laptop, beide arbeiten für ein französisches Ingenieurbüro. Eine Waage steht bereit, jeder, der für den Test auf die Brücke darf, muss zur Gewichtskontrolle. Auf die Messungen allein komme es nicht an, erklärt Éric Friedrich unterdessen. Entscheidend sei, ob es sich sicher anfühle, wenn viele Menschen über die Brücke gehen.
„Als erstes gehen wir nur in einer Gruppe von zehn Leuten auf die Brücke und dann bis ans Ende“, beginnt Julien Menier den Testgehern ihre Aufgabe zu erklären. „Dann warten wir kurz ab, auf mein Kommando springen wir zeitgleich hoch und warten 30 Sekunden ab, bis sich die Struktur beruhigt hat.“ Gesagt getan. Die Gruppe marschiert bis ans Ende. Dort sieht man sie zum Sprung ansetzen. In der Mitte der Brücke wiederholen sie die Übung.

Deutsch-französische Kooperation

Für die zweite Testhälfte teilt Menier die Anwesenden in Zehnergruppen ein. Auch die Ingenieure dürfen jetzt mitlaufen. Die Gruppen sollen sich über die gesamte Lauffläche verteilen. Später organisiert er ein zügiges Auf- und Abgehen in beiden Richtungen. Ganz zum Schluss dürfen alle frei schlendern. Zusätzliche Federn, für die man in der Mitte demontierbare Bereiche gelassen hatte, sind, wie sich zeigen wird, nicht vonnöten. Schlussendlich stehen alle stolz beisammen, stolz über diese deutsch-französische Zusammenarbeit. Lucien Sieffert, dessen „Atelier“ auf solche Aluminiumstege spezialisiert ist, Ulrich Rittner und Guy Contrand, die Planer der Brücke, und die Leute aus der Verwaltung.

Offizielle Eröffnung am 23. Juni

Lucien Sieffert begeht als einer der ersten die eingesetzte Brücke. Noch ist sie nicht freigegeben. In den kommenden Tagen schieben sie eine 20 Zentimeter dicke Neoprenschicht zum Abpuffern zwischen Aluminiumkonstruktion und Widerlager. Damit alles bereit ist bis zum 22. und 23. Juni, wenn die Brücke bei der großen Jumelagefeier von Rheinau und Gambsheim, dem Rendez-vous am Rhein, ihrer öffentlichen Bestimmung übergeben wird.