Stefan Meier war einer von sieben Winzern, die in Affental die Weinlese eröffnet haben. | Foto: Lienhard

„Neuer“ fürs Zwetschgenfest

Guter Jahrgang erwartet: Weinlese startet in Affental

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Traditionell beginnt bei der Affentaler Winzer eG in der Woche vor dem Zwetschgenfest die Weinlese. Und genau so traditionell ist es, dass Kellermeister Leo Klär aus diesem Anlass über den Vegetationsverlauf und die Erwartungen an den Jahrgang berichtet.

Seit 1997 ist Leo Klär Kellermeister in Affental. Es habe in dieser Zeit vielleicht ein oder zwei nicht so gute Jahrgänge geben, sagt er. Am anderen Ende der Qualitätstabelle dagegen herrsche dichtes Gedränge: „Von den letzten zehn Jahren war nicht eines schlecht“, sagt der 59-Jährige. „Das war eine Aneinanderreihung bester Jahrgänge“. Und der 2019er knüpfe voraussichtlich nahtlos daran an. Mit Fug und Recht könne er sagen: „Wir dürfen einen sehr guten Jahrgang erwarten. Ich wüsste nicht, warum es kein sehr guter Jahrgang werden sollte. Alles andere wäre eine Untertreibung.“

Neuer Wein fürs Zwetschgenfest

Am Montag schwärmten sieben Winzer mit ihren Helfern aus, um auf einer Fläche von 1,5 Hektar die ersten Trauben der Sorten Müller-Thurgau und Findling in den Keller zu holen. Stefan Meier, der WG-Vorsitzende, ist mit einem Dutzend Helfer aktiv und kann von einem schönen und gesunden Lesegut berichten.

Daraus entsteht der neue Wein, der beim Bühler Zwetschgenfest genossen werden kann. Aber nicht nur dort: Am Freitag beginne auch in Affental der Verkauf, und ab Montag würden Gastronomie und andere Kunden beliefert, sagt Klär. Die zu erwartenden 12 000 Liter reichten aus, um die Zeit bis zum regulären Lesebeginn abzudecken.

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Es gab auch bange Momente

Die Situation ist vergleichsweise entspannt. Das war sie in den vergangenen Wochen aber nicht immer. Es habe bange Momente gegeben und der Jahrgang im Sommer kurzzeitig auf Messers Schneide gestanden.

Zwar sei die Vegetationsphase anders als im außergewöhnlichen Vorjahr ausgeglichen verlaufen, aber Ende Juli habe die Trockenheit große Sorgen bereitet, die gesamten Weinberge und nicht nur die eh trockeneren Standorte hätten gefährdet werden können, zumal das trockene Vorjahr eine ordentliche Hypothek bedeutete. Es blieb beim Konjunktiv: Der Niederschlag sei gerade noch rechtzeitig und auch in ausreichender Menge gekommen, so Klär. So könnten sich die Winzer, die den Wassermangel in der Landwirtschaft als Letztes spürten, über sehr schöne Bestände freuen.

Für Kellermeister Leo Klär ist der Klimawandel Fakt. Wie aber wirkt er sich auf den Weinbau in Mittelbaden aus? Derzeit sieht Klär in den sich verändernden Bedingungen eher einen Vor- als einen Nachteil: „Der Klimawandel schadet uns sicher nicht.“ Es sei mittlerweile beispielsweise möglich, hier auch mediterrane Sorten wie Merlot, Syrah oder Cabernet Sauvignon anzubauen, „ohne gleich als Hasardeur zu gelten“. Diese Sorten seien im Keller auch deutlich unproblematischer als die „Primadonna Spätburgunder“.
Doch jede Medaille habe zwei Seiten. Das Auftreten von hier zuvor unbekannten Schädlingen wie der Kirschessigfliege sei auch auf den Klimawandel zurückzuführen. Und die Weine könnten alkoholischer werden, was speziell beim Riesling problematisch sein könnte. Auf Trockenheit und Wärme reagierten die Winzer zumindest bei Neuanlagen mit Tröpfchenbewässerung. Vielleicht werde man künftig auch die Laubwand nicht so hoch werden lassen, um den Zuckergehalt geringer zu halten. Aktuell komme man mit den traditionellen Standorten gut hin, ob man aber vielleicht irgendwann weiter hoch rücken müsse, werde sich zeigen. Der Effekt ist für Klär eindeutig: „Die Bühlertäler Winzer sind mit der Lese immer deutlich später dran. „Man glaubt nicht, was 150 Meter ausmachen.“

 

Mehltau war eine Herausforderung

Allerdings war dafür auch einige Arbeit zu leisten. Eine Herausforderung sei der Mehltau (Oidium) gewesen. Der liebe es trocken und warm, dazu gelegentlichen Morgentau. Die Pilzkrankheit habe in diesem Jahr die Arbeitsphasen im Weinberg bestimmt. „Wir haben regelmäßig darauf hingewiesen“, sagt Klär. „Die meisten haben es gut gemeistert. Wo man es nicht ganz so genau genommen hat, sieht man es jetzt am Stock.“

Die Kirschessigfliege sei bislang noch kein großes Thema gewesen, je nach Witterung (unter 30 Grad und mäßiger Niederschlag) könne sie aber noch Ärger machen. Allerdings seien ihre bevorzugten Sorten hier nur im geringen Umfang vertreten, „und sie werden auch als erste gelesen“. Beim Sonnenbrand schließlich (der ABB berichtete) könne es, wo die Laubarbeiten unglücklich terminiert gewesen seien, zu einem Ernteminus von bis zu 30 Prozent kommen.

Bei der Lese können die Winzer auf zahlreiche Helfer bauen – hier Tara Dalacker in Eisental. Foto: Lienhard

Spätburgunder braucht noch Zeit

Doch waren die Hürden insgesamt nicht so hoch, als dass man sie auf dem Weg zu einem weiteren sehr guten Jahrgang nicht hätte überspringen können. Die Trauben seien gut entwickelt und gesund, die Mengenerwartung ist ausreichend groß und unproblematisch. Die Mostgewichte lägen über alle Sorten aktuell bei etwa 75 Grad Öchsle, ein zu hoher Alkoholgehalt sei nicht zu befürchten. Mit dem Beginn der Hauptlese rechnet Klär für die zweite Septemberhälfte.

Nach dem Zwetschgenfest könnten frühe Sorten wie Müller-Thurgau, Regent oder Dornfelder in den Blick genommen werden. Der Spätburgunder brauche noch etwas Zeit, und das ist Klär auch willkommen: „Wir sind immer daran interessiert, nicht zu früh zu beginnen.“ Generell sei zwar ein Trend zu immer früherem Lesebeginn zu beobachten, dennoch höre die Lese so spät auf wie eh und je, stellt der Kellermeister fast schon amüsiert fest. Seinen Grund hat das im Wunsch, das Sortiment mit edelsüßen Weinen abzurunden, und vor dem 20. Oktober gehe da nichts, wie Klär aus seiner langjährigen Erfahrung weiß: „Kellermeister“, fügt er schelmisch hinzu, „werden auch jedes Jahr besser.“

Auch nach 110 Jahren gibt es noch Premieren: „Wir herbsten dieses Jahr zum ersten Mal als fusionierter Betrieb“, sagt Kellermeister Leo Klär. Fusionen gab es in der 1909 begonnenen Affentaler Genossenschaftsgeschichte schon einige, nach dem Zusammenschluss mit der Baden-Badener Winzergenossenschaft in Neuweier ist allerdings von ehemals zehn Winzergenossenschaften zwischen Baden-Baden und Bühl nur noch eine übrig geblieben: die Affentaler Winzer eG. Seit November ist die Fusion rechtskräftig, sodass nun der erste gemeinsame Herbst ansteht.
Die bewirtschaftete Fläche beträgt 370 Hektar. Zum größten Teil wird in der Zentrale in Affental angeliefert werden, komplett betrifft das laut Klär die kleineren Sorten. In Spitzenzeiten, wenn etwa Spätburgunder und Riesling anstehen, soll aber auch die Neuweierer Anlage genutzt werden. Gerade beim Spätburgunder ist Klär froh, auch die dortigen Gärmöglichkeiten nutzen zu können. Grundsätzlich werde, was in Neuweier angeliefert wird, auch dort vergoren, spätestens im Frühjahr solle der Wein dann nach Affental umgelagert werden.
Im ersten gemeinsamen Jahr werde man genau beobachten, wie die Traubenannahme läuft. Bei einer eingehenden Analyse sollen etwaige Optimierungsmöglichkeiten ausgemacht werden. Es werde aber etwas Geduld brauchen, sagt Kellermeister Klär: „Die Dinge müssen sich erst einspielen.“