Tiere im Nationalpark und die Hitze
In den Schatten zieht sich unter anderem das Wild im Nationalpark zurück, wenn die Temperaturen besonders hoch steigen. | Foto: Patrick Pleul

Nationalparktiere und die Hitze

„Manche Arten werden auf der Strecke bleiben“

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Ganz Deutschland stöhnt momentan unter der Hitze, und auch in den höheren Lagen im Schwarzwald zeigt das Thermometer nur ein paar Grad weniger als in der Ebene. Wie es den Bewohnern des Nationalparks damit geht, darüber sprach  Marc Förschler, Leiter des Fachbereichs Ökologisches Monitoring, Forschung und Artenschutz, im Interview.

Ist es den Tieren im Nationalpark im Moment auch zu heiß?

Marc Förschler: Es gibt auch bei uns einige Organismen, die mit der Hitze Probleme haben. Sie entwickeln Strategien, um damit umzugehen. Zum Beispiel weichen Regenwürmer in tiefere, noch feuchte Schichten aus, Ameisen verlegen ihre Nester tiefer in den Boden. Vögel halten sich lieber in schattigen Bereichen im Wald auf und bewegen sich relativ wenig. Jetzt ist auch das Brutgeschäft vorbei, sodass sie sich eh zurückziehen, aber durch die Hitze sind sie noch weniger aktiv als sonst. Sie sind dann eher in den frühen Morgenstunden und den späten Abendstunden unterwegs, weil sich tagsüber auch ihre Nahrung zurückzieht. Auch große Tiere, etwa das Wild, ziehen sich in den Schatten zurück und verhalten sich ruhig. Wichtig ist, dass sie Gewässer zum Trinken haben.

Brauchen sie dabei Unterstützung?

Förschler: Im eigenen Garten sind Tränken mit frischem Wasser gut, damit kann man den Vögeln helfen – wenn nicht gerade die Hauskatze danebensitzt. Auch Wespen, Schwebfliegen oder andere Insekten kommen gern zum Trinken ans Wasser. Im Nationalpark gilt dagegen die freie Entwicklung. Der Wald ist aber so gut gepuffert, dass die Tiere kühle Stellen finden – in diesen Rückzugsbereichen sollte aber Ruhe herrschen, sodass sie sich kaum bewegen müssen. Dann halten sie so eine Hitzewelle eigentlich gut aus.

Das heißt: Wenn es dann doch zu heiß wird, gilt das Nationalpark-Motto „Natur Natur sein lassen“.

Förschler: Ja. Manche Arten können relativ breite Temperaturschwankungen vertragen, andere nur geringe. Wenn es aus diesem Fenster herausgeht, verschwindet die Art. Besonders dramatisch ist das in der Arktis, weil dort die Differenzen zwischen Normalwetter und Extremtemperaturen in letzter Zeit stark zugenommen haben. Es gibt auch viele Arten, die eher an ein kälteres Gebirgsklima angepasst sind und deshalb in Mittelgebirgen wie dem Schwarzwald aussterben können, wenn die Temperaturen dort zu hoch werden.

Marc Förschler Nationalpark Schwarzwald
Die Ringdrossel, deren Modell Marc Förschler zeigt, könnte sich aus dem Schwarzwald zurückziehen. | Foto: Stefanie Prinz

Welche Arten im Nordschwarzwald sind betroffen?

Förschler: Ein Beispiel ist die Ringdrossel: Der Vogel kommt nur oberhalb von 900 Metern vor. Wenn die Temperaturen in den nächsten Jahren immer mehr steigen, wird er sich aus dem Schwarzwald zurückziehen und wahrscheinlich nur noch in den Alpen leben können. Auch der Zitronenzeisig kommt sonst nur noch in den Alpen und den Pyrenäen vor, dort ist es hoch genug für ihn. Die Population im Nordschwarzwald ist schon ausgestorben; am Feldberg gibt es den Vogel zwar noch, aber auch dort ist absehbar, dass er in den nächsten Jahren verschwinden wird.

Ist das eine neuere Entwicklung?

Förschler: Es hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt, dass wir hier besonders heiße Sommer und sehr früh, im April und Mai, schon sehr warme Temperaturen haben. Das führt dazu, dass die Nahrungsverfügbarkeit und die Brutzeit mancher Tiere nicht mehr zusammenpassen. Durch den dann fehlenden Nachwuchs kann die Art in wenigen Jahren ganz verschwinden. Auch extreme Niederschläge sind schwierig für viele Arten: Oft werden dabei beispielsweise Nester von Vögeln heruntergerissen. Beides ist ein Effekt des Klimawandels. Solche Veränderungen wollen wir im Nationalpark über die nächsten Jahrzehnte dokumentieren.

Eine spannende Zeit an einem Arbeitsplatz wie Ihrem…

Förschler: Spannend, aber auch dramatisch, weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt und wie schnell es geht. Das unterschätzt man – jetzt schon sieht man diese ungewöhnliche Trockenheit. Wenn das zunimmt, kann man möglicherweise ganze Sprünge im Klima erleben. Wir merken auch, dass sich nach und nach manche Arten aus dem Mittelmeerraum bei uns in der Region etablieren, gerade im Rheintal. Dazu gehört zum Beispiel der Bienenfresser, der stark an warmes Klima angepasst ist. Für Arten, denen es im Rheintal dann zu heiß wird, könnte der Nationalpark ein Auffangbecken sein. Vieles verschiebt sich, aber manche Arten werden bei diesen Veränderungen leider auf der Strecke bleiben.

Können sich die Tiere an diesen Wandel im Laufe der Zeit anpassen?

Förschler: Grundsätzlich können sich alle Arten über einen gewissen Zeitraum anpassen, aber wenn die Entwicklung schneller ist als die Anpassung, die über die Genetik mehrere Generationen braucht, dann funktioniert das nicht. Es gibt Generalisten, die vom Mittelmeer bis Nordeuropa vorkommen: Die Amsel zum Beispiel hat bereits eine breite Anpassungsfähigkeit. Arten, die nur auf kleine Nischen spezialisiert sind, werden es von ihrer Biologie her dagegen schwer haben.

Welche Tiere fühlen sich bei den aktuellen Temperaturen im Gegenteil besonders wohl?

Förschler: Einige Arten kommen mit Hitze gut zurecht, zum Beispiel Heuschrecken. Das sind an Trockenheit angepasste Tiere, die mit wenig Wasser auskommen. Auch Echsen können sich über eine relativ breite Temperaturspanne anpassen. Im Moment sieht man auch viele Schmetterlinge bei den Disteln, die durch die Wärme gut gewachsen sind. Es gibt immer Gewinner und Verlierer bei solchen Veränderungen.