Luftig und licht erscheint die Wagenhalle von 1913 dank des Stahlbeton-Skeletts. | Foto: Jörg Seiler

Tramdepot in Karlsruhe

Die Wagenhalle in der Tullastraße ist ein markanter Zeuge des frühen Bauens mit Beton

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Die Wagenhalle von 1913 auf dem Gelände der Verkehrsbetriebe in der Tullastraße in Karlsruhe steht für das frühe Bauen mit Stahlbeton. Die Skelettkonstruktion ist von hoher Qualität, noch immer ist das Tramdepot in Betrieb. Es ist Teil eines städtebaulichen Ensembles in der Oststadt mit Gebäuden vom Historismus über den Jugendstil bis zur frühen Moderne.

Das historische Tramdepot in der Tullastraße, der Gebäudekomplex des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und der Hauptbahnhof haben nicht nur Karlsruhe als Standort gemeinsam. Die  Wagenhalle (Karl Friedrich Leopold Beichel, 1913), die ehemalige Waffen- und Munitionsfabrik (Philipp Jakob Manz, 1915-1918) und das Empfangsgebäude (August Stürzenacker, eröffnet 1913) eint auch der Baustoff: Es ist Stahlbeton.

Die Gebäude firmieren daher als markante Zeugen einer Epoche, in der das Bauen mit Beton, vor allem die Stahlbetonskelett-Konstruktion, für die Architekten interessant wurde und einen gewaltigen Aufschwung erlebte. Selbst für Kirchen nutzen die Planer den Beton, wie das Beispiel der Pauluskirche in Ulm/Donau (Theodor Fischer, 1908-1910) zeigt.

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Ein Name, der in dieser Zeit immer wieder im Zusammenhang mit Betonbau auftaucht ist der der Firma Dyckerhoff und Widmann. Die hat Karlsruher Wurzeln und zählt zu den Pionieren in diesem Metier.

Stahlbeton ermöglicht neue Hallen-Dimensionen

Heinrich Julius Spangenberg, 1906 zu Dykerhoff und Widmann nach Karlsruhe bekommen und von 1907 an dort Technischer Direktor, referierte am 25. Februar 1910 beim „Deutschen Betonverein“ über das moderne Bauen mit Beton.

Seinen Vortrag druckte die „Deutsche Bauzeitung“ vom 26. März 1910 ab, und Spangenberg würdigt darin nicht nur die Garnisonskirche in Ulm. Gerade bei Hallenbauten ermöglichten die Stahlbeton-Skelettkonstruktionen völlig neue Dimensionen.

Der Karlsruher Hauptbahnhof weist nach Aussage des Ingenieurs zwar nicht die Abmessungen des Ulmer Sakralgebäudes, übertreffe sie jedoch – wie auch die Ausstellungshalle in München – „durch die Kühnheit des Aufbaus und durch eigenartige Gliederung der Konstruktionen, die durch die schwierigen Verhältnisse für die Führung der Binder in der Längsrichtung der Halle bedingt war.“

Tramdepot steht als früher Bau in prominenter Reihe

Interessantes Detail: Laut Spangenberg war der Hauptbahnhof, zu dem es bekanntlich einen sehr interessanten Wettbewerb gab, von Anfang an als Stahlbetonkonstruktion vorgesehen. Damit lässt sich ermessen, auf welcher Bedeutungsebene das alte Tramdepot steht, des genau in dieser Zeit der bautechnischen Umwälzungen einen frühen Platz einnimmt.

Ausgezeichnete Arbeit leistete die bauausführende Firma. | Foto: Jörg Seiler

Die historische Wagenhalle (Bauausführung ebenfalls Dyckerhoff und Widmann) auf dem Gelände der Karlsruher Verkehrsbetriebe in der Tullastraße gibt ihre Qualitäten beim flüchtigen Betrachten von außen nicht preis. Bauliche Veränderungen samt Eternitschindel-Fassade aus dem Jahr 1980 „verbrämen“ die Konstruktion.

Betritt man das Gebäude, so überrascht zuerst einmal der luftig und licht erscheinende Raum. Auf den zweiten Blick fasziniert der im Inneren weitgehend originale Erhaltungszustand, schließlich die hohe Qualität der Skelettkonstruktion.

Die Halle hat zwei Weltkriege überlebt und ist auch heute noch voll betriebsfähig!

„Die Wagenhalle hat zwei Weltkriege überlebt und ist auch heute noch voll betriebsfähig“, berichtet Jochen Zefferer vom Treffpunkt Schienennahverkehr Karlsruhe (TSNV). Die Trambahnfreunde unterhalten in dem Gebäude eine umfangreiche wie stadtgeschichtlich wertvolle Fahrzeugsammlung.

Zu dieser gesellen sich einige Arbeitswagen der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), die nach wie vor ihren Dienst versehen. Zudem „wohnte“ in der Halle noch die berühmte „Holzklasse“ (Gelenktriebwagen der Waggon Union Berlin), bis sie außer Dienst gestellt wurde.

Selbst alte Beschriftungen sind noch vorhanden. Hier wurden die Zielschilder deponiert. | Foto: Jörg Seiler

Kultursoziologisch betrachtet also eine sehr interessante Kombination: Kein isolierter Museumsbau mit Exponaten, sondern ein in Betrieb befindliches Depot mit Anschluss zum Schienennetz von Straßen- und Stadtbahn, den der TSNV natürlich für seine Sonderfahrten mit den Straßenbahn-Oldtimern nutzt.

Darüber hinaus bildet die Halle mit dem gesamten, alten Baubestand aus der Zeit um 1900 ein städtebauliches Ensemble.

Quartier als städtebauliches Ensemble

Zum Depot gesellen sich das Verwaltungsgebäude (im Kern von 1899), und – in räumlicher Nähe – zahlreiche Wohnhäuser aus der Zeit des Historismus und des Jugendstils, die markante Lutherkirche (Robert Curjel/Karl Moser, 1905-1907) sowie der ehemalige Schlachthof (1885-1887).

„Hier endete früher die Oststadt. Richtung Durlach kam dann nur noch die Radrennbahn“, so Zefferer, der sich mit der Geschichte des Quartiers bestens auskennt. Das Gebäude an sich und seine Lage innerhalb der noch historischen Oststadt-Bebauung sei einzigartig, betont Zefferer.

Im Stadtviertel rund um den 1899 eröffneten Betriebshof Tullastraße wohnten früher zudem viele Straßenbahner.

Die Empfangshalle des Karlsruher Hauptbahnhofs ist ebenfalls ein prominenter Betonbau aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. | Foto: Jörg Seiler

Der Bau der Wagenhalle hat zwei Gründe: Einmal das stetige Wachstum des Karlsruher Straßenbahnbetriebs. Wenige Jahre nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert reichten die Kapazitäten für die Fahrzeugabstellung und -wartung bei weitem nicht mehr aus. Dazu kam der marode Zustand der bestehenden Anlagen.

Investitionsstau bei Übernahme

Die AEG, der der Straßenbahn-Betrieb vor der Stadt Karlsruhe gehörte, hatte nur sehr zurückhaltend investiert. Die für einen ordentlichen Betriebsablauf dringend notwendig gewordene Halle II wurde südlich der bestehenden Halle I errichtet – im Gegensatz zu den Vorgängerbauten als komplette Beton-Konstruktion.

Das Funktionsgebäude erhielt acht Gleise, ein Teil davon mit sogenannten Wartungsgruben. Da zeigt sich die nächste Einzigartigkeit des Depots: Auch für diesen Bereich nutzten die Planer die Vorzüge des neuen Bauens. Die Wartungsgleise sind mit Betonstützen aufgeständert, salopp gesagt gibt es unter der Halle eine weitere.

Schienen noch von der Pferdestraßenbahn

Und nicht zuletzt wissen die Experten um ein Detail, das ebenfalls nicht gleich ins Auge springt. „Die Schienen im Depot datieren auf das Jahr 1886 und stammen noch von der Pferdestraßenbahn“, berichtet Zefferer.

Als die „Elektrische“ in der Fächerstadt ihren Einzug hielt, wurden in der Kaiserstraße im Jahr 1910 die Gleise auf einen zeitgemäßen Standard gebracht. Die alten Schienen wurden entfernt, in die Wagenhalle II eingebaut und liegen dort seither unverändert.

Wollen das Depot auf jeden Fall erhalten und weiter der Öffentlichkeit zugänglich machen!

Die Karlsruher haben längst den Gefallen am historischen und „lebendigen“ Depot gefunden. „Bei unseren sechs Öffnungstagen 2019 kamen mehr als 2000 Besucher“, so Zefferer, „und deshalb setzen wir alles daran, dieses einzigartige Gebäude in seiner Funktion als Straßenbahndepot zu erhalten und auch künftig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“.

Denn die Zukunft der Wagenhalle in Stahlbeton-Skelettbauweise ist trotz ihrer Bedeutung für die Baugeschichte und auch die Historie der Stadt Karlsruhe unsicher. Es gibt verschiedene Szenarien wie es auf dem Gelände weiter gehen könnte, und inzwischen wächst an der Durlacher Allee/Ecke Tullastraße bereits ein mächtiger Büro-Komplex empor.

Zum letzten Mal in dieser Saison öffnet das „Historische Depot 1913“ am kommenden Sonntag, 13. Oktober 2019 seine Pforten. Von 13 bis 18 Uhr können die Besucher eine Zeitreise durch die Karlsruher Nahverkehrsgeschichte unternehmen.