Lehrlinge gesucht: In vielen Branchen in der Ortenau wird der Nachwuchs knapp | Foto: Kalaene

Arbeitsmarkt im Wandel

Mehr Lehrstellen, weniger Bewerber: Betriebe in der Ortenau vor Problemen

Anzeige

Von Christine Storck
Wenige Bewerber treffen auf eine Vielzahl an Lehrstellen – dieser Trend der vergangenen Jahre verfestigt sich: Ende Juni standen laut Offenburger Arbeitsagentur in der Ortenau 1443 offenen Lehrstellen 741 Bewerber gegenüber. Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer raten Betrieben deshalb dringend, in Aktivitäten zu investieren, um auf sich aufmerksam zu machen. „Die Frage nach der Versorgung mit Fachkräften ist inzwischen Standortfaktor Nummer eins“, sagte Simon Kaiser, Leiter der Aus- und Weiterbildung bei der IHK Südlicher Oberrhein.

Druck steigt spürbar

Der Druck steige spürbar und führe in vielen Branchen bereits dazu, dass Aufträge aus Kapazitätsgründen abgelehnt werden müssen und dadurch Umsätze verloren gehen. Betriebe gingen mittlerweile sogar dazu über, auf eigene Kosten Mitarbeiter von Kunden zu qualifizieren, damit es zum Beispiel bei der Montage der Produkte nicht zu Engpässen kommt. „Solche Trends werden sich verschärfen“, so Kaiser.
Für die Handwerkskammer Freiburg geht es um die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen. „Wenn die Suche nach passenden Azubis langfristig keine Erfolge bringt, überlegt sich der eine oder andere Betrieb natürlich, ob er die Suche eventuell ganz einstellt“, sagt Kammersprecher Martin Düpper. Und fügt hinzu: „Viele haben bereits resigniert und bilden nicht mehr aus. Unsere Fachkräfte müssen aber irgendwo ausgebildet werden.“ Diese dann fertig für sich zu gewinnen, sei nämlich auch nicht so einfach. Die Betroffenheit der Branchen und der Berufsbilder sei jedoch unterschiedlich.

Handwerker sind nur schwer zu bekommen

Viele Betriebe finden zudem keine Nachfolger und finden sich damit ab, eines Tages ihre Türen ein letztes Mal abzuschließen. Die Frage laute daher auch, wie sehr die Gesellschaft leiden werde. „Das Angebot an handwerklicher Dienstleistung in bewährter Qualität verknappt sich weiter“, stellte Düpper fest. Schon jetzt sei für viele Privatkunden spürbar, wie schwierig es ist, zeitnah einen Handwerker zu finden.
Wie die Zukunft aussieht, lasse sich allerdings schwer prophezeien. „Da sich die Innovationszyklen weiter beschleunigen, kann niemand wissen, wie sich die Unternehmen bei Produkten und Dienstleistungen in zehn Jahren aufstellen müssen. Davon wiederum hängt aber das Angebot an Ausbildungsplätzen maßgeblich ab“, erklärte Simon Kaiser. Der Trend gehe allerdings zu immer kleinteiligeren Wertschöpfungsketten, Digitalisierung oder E-Mobilität und begünstige Berufe in Logistik, IT oder Elektrotechnik. „Unter dem Stichwort Wirtschaft 4.0 wird sich auch im Handwerk einiges verändern“, ergänzt Düpper.

Bundesweite Imagekampagne

Das Handwerk arbeite bereits seit 2010 mit einer bundesweiten Imagekampagne gegen die allgemeine Entwicklung, laut Kammer haben sich viele Betriebe neuen Zielgruppen aus dem In- und Ausland geöffnet. Etliche technische Berufe seien auch extrem interessant für junge Leute mit Hochschulreife. „Hier haben wir in den vergangenen Jahren stark wachsende Zahlen“, berichtete der Kammersprecher. Das liege daran, dass berufliche und akademische Bildung zunehmend als gleichwertig angesehen würden. Ein Aspekt, der jahrelang vernachlässigt worden sei. Eines sei jedoch klar: Das Handwerk müsse sämtliche Potenziale ausschöpfen, um auch in zehn Jahren gut aufgestellt zu sein. „Betriebe können verstärkt Probepraktika anbieten und auch vermeintlich Schwächeren eine Chance geben“, sagte Gunnar Schröter, Berater für akademische Berufe bei der Offenburger Arbeitsagentur.

„Weiche“ Faktoren werden immer wichtiger

Gepunktet werden könne bei Jugendlichen auch mit Qualitäten jenseits der reinen Ausbildungsinhalte. „Viele Bewerber suchen neben einer abwechslungsreichen Tätigkeit vor allem Sicherheit und eine familiäre Einbindung“, so Schröter.

 

Die Tendenz zum Bewerbermarkt gibt es laut Offenburger Arbeitsagentur in der Ortenau seit Jahren. 2015/16 standen Ende Juni 1582 unbesetzten Ausbildungsstellen 730 unversorgte Bewerber gegenüber, 2014/15 waren es Ende Juni 1411 offene Lehrstellen und 890 Bewerber ohne Vertrag in der Tasche. Jobs gibt es aktuell in allen Bereichen – die meisten bei den Kaufleuten im Einzelhandel (115) und im Verkauf (71). Ferner werden Köche (46), Industriemechaniker (40) und Restaurantfachleute (39) gesucht. Auch für Abiturienten sind 36 Stellen für die Ausbildung zum Handelsfachwirt noch frei.