Als „Mischung aus Schrottplatz und Mülldeponie“ bezeichnet Tierschützer Karlheinz Meier den völlig verdreckten Stall eines Linxer Anwesens, wo Tiere wie diese Ziege ihrem Schicksal überlassen wurden. | Foto: Tierhilfs- und Rettungsorganisation

Vorwürfe an Veterinäramt

Mehrere verwahrloste Tiere in Rheinau-Linx befreit

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Es muss wohl ein grässlicher Anblick gewesen sein, der sich den Beamten des Polizeireviers Kehl und der Tierhilfs- und Rettungsorganisation auf einem verlassenen landwirtschaftlichen Anwesen in Linx bot. Nach einem Zeugenhinweis entdeckten sie in einer Scheune Unrat und bereits verendete Tiere. Dazwischen liefen völlig verwahrloste Ziegen, Schafe und Hühner umher. Der Halter soll weggezogen sein und die Lebewesen ihrem Schicksal überlassen haben.

Karlheinz Meier von der Tierhilfs- und Rettungsorganisation Ichenheim war vergangenen Samstag mit Polizisten in dem Hof, die er nach einem Zeugenhinweis alarmierte. Und er erhebt gegenüber dem Veterinäramt schwere Vorwürfe. Bereits vor zwei Wochen hätten ihn verschiedene Personen über den Zustand auf dem Anwesen informiert, er habe daraufhin das Veterinäramt eingeschaltet und dieses sei in der Zwischenzeit vor Ort gewesen. „Es hat angeblich dort kontrolliert und daraufhin Entwarnung gegeben, dass alles in Ordnung sei. Doch welche Zustände ich dort an diesem Samstag gesehen habe, können nicht innerhalb von 14 Tagen passiert sein“, meint Meier im Gespräch mit dem Acher- und Bühler Boten sowie bnn.de.

Tiere in „Matsche aus Kot und Urin“

Konkret: „Zuerst entdeckte ich ein totes Huhn, ein Hahn und zwei andere Hühner, die noch lebten, liefen herum. In einer Voliere lag ein toter Vogel. Da er bereits dermaßen verwest war, konnten wir seine Art nicht mehr bestimmen“, schildert Meier die Szenerie, die sich ihm am Samstag auf dem Hof bot. Weiter im Stall fand Meier eine tote Ziege. „Sie wurde bereits von Ratten angefressen und muss wohl länger als zwei Wochen dort gelegen haben.“ Den Stall bezeichnete Meier als eine Mischung aus „Mülldeponie und Schrottplatz“. Eine kleine lebende Ziege konnte immer wieder durch ein kleines Loch ins Freie gelangen, dabei musste sie ein langes scharfes verrostetes Sägeblatt überwinden. Die Tiere hatten weder Stroh und Heu und quälten sich durch eine „reine Matsche aus Kot und Urin“.

Drei tote Ziegen

In dem „Pferch“ entdeckte Meier nach eigenen Angaben neun Ziegen und ein Schaf, allesamt lebend und drei tote Ziegen. Vertreter des Veterinäramts kamen auf das Anwesen. Meier bot an, die Tiere sicher unterzubringen. Er hätte einen sauberen Stall gefunden. Doch das Veterinäramt, das in diesen Fällen die Entscheidungshoheit hat, entschied, dass die Lebewesen woanders untergebracht werden. Mittlerweile befinden sie sich in Sicherheit, „in guten Händen“, wie es das Polizeipräsidium Offenburg in einer Pressemitteilung formuliert.

Waren Kontrollen zu lasch?

Solche Szenen wie in Linx habe Meier bislang selten erlebt. Nach seiner Einschätzung habe das Dorf bereits seit Wochen gewusst, dass es in dem Anwesen nicht mit rechten Dingen zugehe. Von der Straße sei kein Fäkalien- und Verwesungsgeruch wahrnehmbar gewesen. „Doch das Schreien der Tiere war zu hören. Nachbarn haben sie immer wieder von außen auch gefüttert“, so Meier. „Einige Leute haben mir bestätigt, dass die Polizei mal hereingeschaut hat und wieder abzog.“ Meier kann es nicht verstehen, dass die Tiere trotzdem noch weiterhin leiden mussten. Beamte des Fachbereichs Gewerbe/Umwelt ermitteln gegen den Mieter des Anwesens, der nach bisherigen Erkenntnissen für die erschütternden Szenen auf dem Hof verantwortlich sein dürfte. Gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz eingeleitet, wie es weiter heißt.

Veterinäramt weist Vorwürfe zurück

Das Veterinäramt weist die Vorwürfe von Tierschützern zurück, dass es bei der ersten Kontrolle des Anwesens zu behördlichen Versäumnissen gekommen sei. Wie der Sprecher des Landratsamts, Kai Hockenjos, auf Anfrage dieser Zeitung klarstellt, habe das Veterinärsamt am 25. April das Anwesen in Linx unangekündigt kontrolliert. Dort habe die Amtstierärztin die Tiere in „unterschiedlichen, aber nicht besorgniserregenden Zuständen“ angetroffen. So sei Wasser vorhanden gewesen, „der Boden des Stalls war frisch gestreut“, so Hockenjos und ergänzt: „Der Tierhalter wurde aufgefordert, sofort neues Heu zu besorgen.“

„Keine vorbildliche Haltung“

Eine Nachkontrolle sei für nächste oder übernächste Woche angekündigt gewesen. Aus Sicht des Veterinäramts war die Tierhaltung bei der unangekündigten Kontrolle nicht vorbildlich gewesen. Es habe seinerzeit jedoch keine Anhaltspunkte gegeben, dass sich der Tierhalter nach der Kontrolle seiner Verantwortung entzieht und die Tiere ihrem Schicksal überlässt. Am vergangenen Samstag sei dann aufgrund des Wochenenddienstes eine andere Amtstierärztin im Einsatz gewesen, die nach einem Zeugenhinweis von der Polizei alarmiert wurde. In dem Linxer Anwesen stellte sie fest, dass  kein tiergerechtes Futter vorhanden war, ebenso entdeckte sie mehrere Kadaver.

Sofortiges Betreuungsverbot ausgesprochen

Das Tierhygienische Institut Freiburg ermittelt derzeit die genaue Todesursache der verendeten Tiere. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor. Von den lebenden, aber geschwächten Tieren sei nach der Rettungsaktion ein Schaf verendet. „Die anderen Tiere erholen sich in einer artgerechten Unterkunft und werden entwurmt“, so Hockenjos. Das Veterinäramt sprach gegen den Halter ein sofortiges Betreuungsverbot aus. Dass einige Tiere nach der unangekündigten Kontrolle starben, begründet das Veterinäramt damit, dass sich der Halter seiner Verantwortung entzog. Er hatte auch eine bei der Kontrolle angeordnete Reinigung des Stalls danach nicht mehr unternommen.