Die Nachricht schockt Vereine und Kommunen. Haben sie mit Kunstrasen vielleicht aufs falsche Pferd gesetzt? Ein Teil der mit diesem Material bestückten Sportplätze ist eine offenbar bedeutende Quelle für den Ausstoß von Mikroplastik in Deutschland. | Foto: Polytan

Kunstrasen und Mikroplastik

Warnung vor „blindem Aktionismus“

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Die Nachricht schockt Vereine und Kommunen. Haben sie mit Kunstrasen vielleicht aufs falsche Pferd gesetzt? Ein Teil der mit diesem Material bestückten Sportplätze ist eine offenbar bedeutende Quelle für den Ausstoß von Mikroplastik in Deutschland. Der ABB hat sich bei Städten und Gemeinden im Verbreitungsgebiet umgehört, wie sie mit diesem Thema umgehen wollen.

Kunstrasenplätze sind ins Gerede gekommen, nachdem es Verwirrung um eine Forderung nach einem angeblich europaweit geltendes Verbot für den Einsatz von „bewusst zugesetztem“ Mikroplastik gab. Darunter würde auch das Kunststoffgranulat für Kunstrasenspielfelder fallen. Verbot hin oder her – auch die Politik hat das Thema erkannt: „Kunststoffgranulate sind positiv für die Bespielbarkeit des Platzes, aber negativ für die Natur“, sagte die für den Sport zuständige Landesministerin kürzlich bei der Mitgliederversammlung des Landessportverbands in Mannheim. „Wind und Regen verteilen das Granulat in der Umwelt, die Spieler tragen es an den Sportschuhen und in der Kleidung nach Hause. Am Ende landet es in der Nahrungskette. Das kann niemand länger wollen“, so Eisenmann. Das Land werde Kunstrasenspielfelder, die mit Mikroplastik verfüllt werden, künftig nicht mehr fördern.

Frist für Sanierungen

Die Ministerin forderte im Übrigen „eine angemessene Frist“ für Sanierungsmaßnahmen. Sollte es tatsächlich zu einem EU-weiten Verbot bereits im Jahr 2021 kommen, bestehe die Gefahr, dass Plätze stillgelegt werden müssen, weil sie nicht rechtzeitig saniert werden können: „Eine Sanierung aller betroffenen Plätze in Baden-Württemberg und Deutschland in so kurzer Zeit ist schlicht nicht zu schaffen.“ Laut Ministerin Eisenmann hätte das dramatische Konsequenzen für viele Sport- und Bewegungsangebote.

Unverfülllter Kunstrasen in Fautenbach nicht betroffen

In der Großen Kreisstadt Achern gibt es aktuell vier Kunstrasenspielfelder. Dabei handelt es sich in Oberachern und Fautenbach um größere Spielfelder, welche für einen Punktspielbetrieb im Seniorenbereich genutzt werden können. In den anderen Flächen geht es sich um ein sogenanntes DFB Minispielfeld sowie ein Kleinspielfeld. Diese befinden sich beide in Önsbach und sind von den Abmessungen deutlich kleiner. Das Kunstrasen-Spielfeld in Fautenbach ist mit einem unverfüllten Kunstrasen ausgestattet. Diese Bauart kommt ohne Plastikgranulat aus und wäre nach derzeitigem Stand vom angedachten Verbot nicht betroffen, so die Stadtverwaltung auf Anfrage. Die drei anderen Spielfelder sind mit Kunststoffgranulat verfüllt. Hierfür sei zunächst gemeinsam mit den jeweiligen Vereinen zu prüfen, in welchem Zustand sich die Felder befinden und welche Sanierungsmethoden für das jeweilige Spielfeld in Frage kommen.

Aktuell bestehen keine Überlegungen, ein neues Kunstrasenspielfeld zu bauen

Maßnahmen gegen Granulataustrag zu prüfen

Bis zu einer abschließenden Entscheidung über das „ob“ und das „wie“ möglicher Sanierungen sei auch zu prüfen, inwieweit es Möglichkeiten gibt, den Austrag des umweltschädlichen Granulates durch organisatorische oder bauliche Gegenmaßnahmen möglichst gering zu halten, so die Stadtverwaltung weiter. Sie ergänzt: „Aktuell bestehen keine Überlegungen, ein neues Kunstrasenspielfeld zu bauen beziehungsweise ein bestehendes Spielfeld in ein solches umzuwandeln.“

In Renchen kein Thema, in Rheinau kein Konzept

In Renchen stellt sich das Thema überhaupt nicht – hier gibt es gar keinen Kunstrasenplatz. Andere Kommunen sehen das Problem durchaus, haben aber noch kein Konzept. Wie die Stadt Rheinau, die sich mit ihrer Stellungnahme auf die Anfrage des ABB vergleichsweise viel Zeit ließ, sich dann aber nur in aller Kürze äußerte. „Beim Bau des Kunstrasenplatzes des SV Freistett wurde ein granulatverfüllter Sandsportrasen verwendet. Da das Thema sehr komplex ist, kann zum derzeitigen Zeitpunkt über weitere notwendige Maßnahmen noch keine abschließende Stellungnahme abgegeben werden“, hieß es aus dem Rathaus in Freistett.

Die Initiative gegen Mikroplastik ist generell zu begrüßen, jedoch darf das Ganze nicht in blinden Aktionismus führen

Noch viele offene Fragen

Sehr viel deutlicher wird der Bürgermeister von Ottenhöfen, Hans-Jürgen Decker: „Die Initiative gegen Mikroplastik ist generell zu begrüßen, jedoch darf das Ganze nicht in blinden Aktionismus führen.“ Im Mühlendorf wurde der Fußballplatz im Hasenwaldstadion bereits vor 13 Jahren zum 60-jährigen Bestehen des FCO vom Tennenplatz zum Kunstrasenplatz umgebaut. Laut Decker müssten funktionierende Alternativen aufgezeigt werden, bevor man darüber entscheiden könne, welche Füllung zukünftig verwendet wird beziehungsweise verwendet werden darf. Außerdem müsste die Entsorgung des bisherigen Granulats geregelt werden, dies könne keinesfalls allein den Fußballvereinen oder den Kommunen angelastet werden. „Insofern gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch zu viele offene Fragen, um eine letztendliche Entscheidung zu treffen.“

Mittelfristig wollen wir weg von dem Kunststoffgranulat und prüfen bereits Alternativen

Sasbach „proaktiv“

Auch in der Gemeinde Sasbach gibt es einen Platz, der als Kunstrasenplatz mit Mikroplastik verfüllt ist – der in Obersasbach. „Somit wären auch wir von der Richtlinie zur Vermeidung von Mikroplastik der Europäischen Union betroffen“, so Bürgermeister Gregor Bühler. Unabhängig von der übergeordneten Gesetzgebung stehe die Gemeinde Sasbach bereits seit 2018 in Gesprächen mit den Sportbund. „Mittelfristig wollen wir weg von dem Kunststoffgranulat und prüfen bereits Alternativen. Insofern nehmen wir die aktuelle Diskussion nicht nur ernst, sondern beschreiten diesen Weg proaktiv.“ Ziel sei es, so Bühler, mittelfristig das bisher in Kunstrasenfelder verfüllte und biologisch nicht abbaubare Kunststoffgranulat durch ökologisch unbedenkliche Alternativen zu ersetzen.

Suche nach natürlichem Ersatz

Derzeit sei es aber sehr schwierig einen Naturstoff zu finden, der die gleichen Eigenschaften wie Gummigranulat hat. Bühler: „Beispielsweise weist Kork nicht dieselben Spieleigenschaften wie Gummi auf und ist außerdem deutlich teurer.“ Auch ein Hybridrasen aus Kunst- und Naturrasen sei denkbar. Nach Informationen der Gemeinde Sasbach könnte dieser im Winter jedoch einfrieren. Die ganzjährige Bespielbarkeit jedoch sei der größte Vorteil eines Kunstrasenplatzes. Auch eine Auffüllung mit Sand habe man bereits diskutiert – hier bestehe jedoch eine höhere Verletzungsgefahr. Bühler: „Eine abschließende Bewertung kann bis heute leider noch nicht vorgenommen werden, da die Industrie hier noch keine vergleichbaren Lösungen anbietet.“