Teuer ist die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge. Bei einem Misserfolg droht den jungen Menschen ein tiefer Fall. | Foto: Deck

276 „UMA“ im Ortenaukreis

Minderjährige Flüchtlinge leben in einem System mit Tücken

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Die Fallhöhe ist beträchtlich. Als die so genannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zu Tausenden in Deutschland ankamen, wurde für sie ein eigenes Betreuungssystem geschaffen – bemessen an den Regeln der Jugendhilfe und verbunden mit den entsprechenden Kosten. Bis zu 5 000 Euro, je nach Berechnungsmethode auch mehr, kostet den Steuerzahler die Betreuung eines einzelnen Jugendlichen im Monat, und es wird viel dafür getan, dass er seinen Weg in die deutsche Gesellschaft findet. Doch auf die, die aus dem System fallen weil sie die Anforderungen in den Wohnheimen nicht erfüllen können oder wollen, wartet eine harte Landung – in der Obdachlosigkeit. Auch in Achern sind drei Jugendliche aus dem 2016 eröffneten Heim ausgestiegen, laut Oberbürgermeister Klaus Muttach endete für zwei von ihnen der Weg in der städtischen Notunterkunft.

Kein Weg zurück ins Hilfesystem

Zurück in das Hilfesystem für Asylbewerber mit „vorläufiger“ Unterbringung, Anschlussunterbringung und kommunalem Integrationsmanager, das bestätigt auch Heiko Faller, Leiter des Jugendamtes im Offenburger Landratsamt, geht es nicht. „Da ist schlicht eine Regelungslücke“, sagt Faller, und Andreas Linse, Leiter des Bereichs Kommunale soziale Dienste beim Landratsamt, sekundiert. Das Problem sei, dass die Systeme hier nicht kompatibel sind. In den städtischen Notunterkünften aber treffen die jungen Menschen auf eine schwierige Situation und Mitbewohner mit einer oft eigenwilligen Vorstellung von sozialen Kontakten. Konflikte eingeschlossen.

Massive Zuwanderung 2015 und 2016

In hellen Scharen kamen die im Behördendeutsch UMA genannten jungen Männer vor allem 2015 und 2016 im Ortenaukreis an. Das liegt an der geografischen Lage des Kreises und an den guten Verkehrsverbindungen. In den Fernbussen saßen und sitzen sie, aber auch im ICE und lange in einem bestimmten Nachtzug, den es inzwischen nicht mehr gibt. Am Anfang war das vor allem ein finanzielles Problem, aber es wurde schnell auch zu einem organisatorischen: Der Ortenaukreis suchte mit Hochdruck nach Möglichkeiten der Unterbringung. Die hat er inzwischen gefunden, 2015 und 2016 wurden rund hundert Plätze geschaffen.

Kreis setzt auf dezentrale Lösungen

„Wir haben Träger gefunden und wir haben eine dezentrale Unterbringung erreicht, schön verteilt über die gesamte Ortenau“, sagt Linse. Er ist zufrieden mit dieser Lösung. Denn in großen Heimen, in denen alle Jugendlichen unter einem Dach leben müssen, gibt es doch schon öfter mal Knatsch und Grüppchenbildung. Nicht so in der Ortenau, wo man auch darauf achtet, die Nationalitäten zu mischen: „Die Jugendlichen sollen sich auf Deutsch unterhalten“, erklärt Romana Hess, UMA-Beauftragte im Jugendamt. Das Konzept, so sagt sie, hat Erfolg: „Die meisten können gut Deutsch sprechen, auch über komplexe Themen wie die Inhalte von Jugendhilfe-Plänen“, sagt sie.

Weiter Weg zur Integration

Damit freilich schon von einer Integration beispielsweise ins Berufsleben zu sprechen, wäre aber zu früh, warnt Jugendamts-Chef Faller: „Zum hehren Ziel, die Jugendlichen in Ausbildung zu bringen, gehört mehr als nur, sich zu verständigen“. Das dauere, und zwar mehr als ein oder zwei Jahre: „Das sind schon Zeiträume, wo man sagt, eigentlich müsste das doch schneller gehen“. 276 Jugendliche werden derzeit in 17 Heimen oder Einrichtungen im Kreis betreut, das sind fünf mehr als die landesweite Quote verlangt, die nach Protesten besonders betroffener Kreise wie des Ortenaukreises eingeführt worden war.

Viele Jugendliche verschwinden

Über sie, so sagt Faller, weiß man auch ziemlich genau Bescheid, über viele andere Jugendliche nicht. Ein Drittel bis die Hälfte nämlich verschwindet wieder aus der „vorläufigen Inobhutnahme“ durch das Jugendamt, oft zu Zielen irgendwo anders in Deutschland oder Europa, weil man da vielleicht einen Onkel hat, der hilft. Die verbleibenden will der Kreis in einen Beruf bringen, der Zukunftsaussichten hat, und nicht nur in einen Helferjob.

Nachhaltige Lösung nötig

Kein einfacher Anspruch: „Unser Ziel ist, den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie etwas Nachhaltiges brauchen“. Denn sonst würde sie bei der ersten Delle für die boomende Wirtschaft auf der Straße stehen. Da gebe es noch viel zu entwickeln: „Das System“, sagt Faller, „ist einfach noch nicht fertig“.