Die Murgtalbahn anno 1912: Die Postkarte zeigt den Blick auf Gausbach und die Murg. Der Zug hat gleich den Bahnhof Forbach erreicht. | Foto: Kreisarchiv Rastatt

150 Jahre Murgtalbahn

Mit den Schienen kam der wirtschaftliche Aufschwung

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Die Murgtalbahn gehört zu den schönsten Eisenbahnstrecken in Deutschland. Vor 150 Jahren hatten die Gleisbauer den ersten Streckenabschnitt zwischen Rastatt und Gernsbach vollendet. Und mit den Schienen kam der wirtschaftliche Aufschwung.

Sie führt als Gebirgsbahn durch eine atemberaubende Landschaft. Brücken leiten sie immer wieder über den wilden Fluss. Es gibt zehn Tunnel. Sie hat einen echten Steilstreckenteil, der die Dampflokpersonale herausforderte und es bei Nostalgiefahrten heute noch tut. Sie verbindet zwei ganz unterschiedliche Landstriche. Sie sorgte wegen Kleinstaaterei für Streit unter den Herrschenden im Großherzogtum Baden und im Königreich Württemberg.

Einst Wirtschaftsmotor im Murgtal

Der Schienenstrang ließ Fabrikanten in den Sparten Holz, Papier, Eisen, Glas und Stein wohlhabend werden. Sie stand vor dem Aus und dient heute als Beispiel, wie Öffentlicher Nahverkehr auf der Schiene idealerweise funktioniert – und, und, und. Es geht wohl deutlich schneller, das zu benennen, was die Murgtalbahn nicht ist. In diesem Jahr feiert sie, wie gesagt, Jubiläum.

59 Jahre Gesamtbauzeit

Beim Abschnitt von Rastatt nach Gernsbach handelt es sich um den technisch einfachsten Teil der Murgtalbahn. Die wirklichen Herausforderungen folgten erst im weiteren Verlauf. Nach 59 Jahren Gesamtbauzeit konnten die Züge dann endlich durchgängig die gut 58 Kilometer vom badischen Rastatt ins württembergische Freudenstadt fahren.

Holzbaron Casimir Rudolf Katz gehörte zu den Bahnpionieren

Bis der Bahnbau in die Gänge kam, mussten buchstäblich einige Steine aus dem Weg geräumt werden. Holzbaron Casimir Rudolf Katz und Gottlieb Klumpp, späterer Teilhaber der Katzschen Holzhandlung, stehen als Pioniere. Sie forderten vehement eine Eisenbahn und sprachen das aus, was die fortschrittlich denkenden Menschen im Murgtal wollten.

Es gab auch einige Skeptiker

Natürlich gab es einige Skeptiker, die das damals noch junge Fortbewegungsmittel ablehnten. Einige Gemeinden zögerten anfänglich, sich am Bahnbau zu beteiligen. Es waren in der Regel finanzielle Gründe, so Kreisarchivar Martin Walter. („Italienische Spuren im Landkreis Rastatt“, in der Reihe Sonderveröffentlichungen des Kreisarchivs, Band zwei).

Für Dampfnostalgie im Murgtal sorgen regelmäßig die Ulmer Eisenbahnfreunde. | Foto: Jörg Seiler

Dennoch: Erste Eingaben an die Regierung und den Landtag (in der Residenz Karlsruhe) erfolgten bereits 1858, schreibt Klaus Scherff in seinem 2003 im Verlag Regionalkultur erschienen Standardwerk „Die Murgtalbahn: Von den Anfängen bis heute“.

Idee einer Bahn bis zum Bodensee

Der Sinn stand den Befürwortern gar nach einer „Großen Murgtal-Schwarzwaldbahn.“ Die sollte über Gernsbach und Forbach nach Freudenstadt und über die badische Baar zum Bodensee führen. Es wäre wesentlich kürzer als der Weg durch das Rheintal gewesen und hätte der Kinzigtalbahn Konkurrenz gemacht, so Scherff. Das aber wollte der badische Staat definitiv nicht.

Murgtäler nahmen Heft des Handelns in die Hand

Die Murgtäler ließen dem Wunsch nach einem Schienenstrang schnell Taten folgen. Sie gründeten 1863 ein „Eisenbahn-Comité“. Am 12. Mai 1866 erließ die Regierung in Karlsruhe das Gesetz zum „Bau einer Eisenbahn von Rastatt nach Gernsbach“ als eingleisige Vollbahn, ab dem 2. März 1867 gab es dann die „Murgthal-Eisenbahngesellschaft“. Die erhielt nur wenige Wochen später ihre Konzession. Am 19. August 1867 erfolgte in Kuppenheim der erste Spatenstich.

Eröffnungszug fuhr am 31. Mai 1869

Am 31. Mai 1869 rollte der Eröffnungszug mit 16 Wagen, besetzt mit jeder Menge hoher Staatsbeamter und Militärs, von Karlsruhe über Rastatt nach Gernsbach. Wer sich weiter einlesen will, kann dies bei Klaus Scherff, aber auch in Klaus Bindewalds Publikation über die Murgtalbahn tun, viel Interessantes findet sich zudem in Martin Walters „Italienische Spuren.“ Die Spezialisten aus Italien, die sich mit Bahn-, Straßen- und Tunnelbau sehr gut auskannten, waren bei Infrastrukturprojekten im ganzen Schwarzwald gefragt.

1894 lag das Gleis bis Weisenbach

Der prognostizierte Aufschwung kam schnell, wie aus alten Berichten hervorgeht. Bereits 1894 führte die Bahn bis Weisenbach. Die Württemberger folgten 1901 mit dem Abschnitt von Freudenstadt nach Klosterreichenbach. Danach sollte es aber noch 17 Jahre dauern, bis der Schienenweg von Rastatt nach Freudenstadt komplett war.

Stadtbahn auf dem Weg nach Freudenstadt: Wagen 905 hat den Haltepunkt Gausbach verlassen, wird gleich in den Gausbacher Tunnel einfahren, um dann den Bahnhof Forbach zu erreichen. | Foto: Jörg Seiler

Und gäbe es nicht den Karlsruher Verkehrsverbund, wäre eine der schönsten Bahnstrecken Deutschlands vielleicht sogar schon Geschichte und (wie so oft) Radweg. Angesichts stark rückläufiger Fahrgastzahlen überlegte die damalige Bundesbahn, die Strecke aufzugeben.

Die Bahn war verlottert

Dieter Ludwig, langjähriger Chef von Albtal-Verkehrsgesellschaft (AVG), Karlsruher Verkehrsbetrieben und Verkehrsverbund sowie Vater des „Karlsruher Modells“ sagte im Beitrag „Kaltes Herz und heißer Dampf – die Murgtalbahn“ in der SWR-Kultreihe „Eisenbahn-Romantik“ über die Strecke: „Die Bahn war verlottert.“ 2001 pachtete die AVG die Trasse von der Deutschen Bahn, sanierte, modernisierte und elektrifizierte sie.

Mit der Stadtbahn kam der nächste Aufschwung

Ab da begann ein sagenhafter Aufschwung. Es ließe sich jetzt noch über Krieg und Frieden, über die diversen Betreiber, über Dampf- und Dieselloks, über Tourismus und vieles mehr berichten. Doch das sind andere Geschichten. Dampfbetrieb gibt es heute noch. Die Sektion Ettlingen der Ulmer Eisenbahnfreunde ist regelmäßig mit einem Nostalgiezug auf der Strecke. Das nächste Dampfspektakel ist für Sonntag, 21. Juli, geplant.