Das Eschentriebsterben, hier ein Beispiel aus Willstätt, sorgt auch in der Rheinebene für radikale Veränderungen in der Waldwirtschaft. | Foto: red

Tauziehen um Holzvermarktung

Nicht nur der Klimawandel setzt dem Wald in der Ortenau zu

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Die Spätfolgen des Orkans Lother, der Borkenkäfer, das Eschentriebsterben, der Klimawandel mit seinen Folgen und schließlich noch die Politik – wie es mit dem Wald in der Region weitergeht, das bestimmen viele Faktoren. Doch Veränderungen dauern, auch wenn sie heute angestoßen werden. Wie sieht der Wald in einigen Jahrzehnten aus? Der neue Dezernent für den Ländlichen Raum und Leiter des Amts für Waldwirtschaft im Ortenaukreis, Holger Schütz, hat mit ABB-Redakteur Frank Löhnig über die Zukunft der Forstwirtschaft gesprochen – und darüber, was das Kartellamt damit zu tun hat.

Der jahrelange Streit um die Neuordnung der Holzvermarktung ist bis zum Bundesgerichtshof gegangen. Die Vereinbarung zwischen der Landesforstverwaltung und den kommunalen Landesverbänden zur Holzvermarktung kann jetzt umgesetzt werden. Worum ging es?

Holger Schütz: Das Kartellamt hat sich an der gemeinsamen Vermarktung von Holz aus dem Staatswald sowie aus kommunalen und privaten Wäldern gestört. Bald stand dann aber auch die Frage im Raum, welche Leistungen die Forstämter vor Ort erbringen dürfen, beispielsweise die Hilfe bei der Auswahl der zu fällenden Bäume oder die Erstellung der Holzliste für die Vermarktung. Das fand ich dann schon ein wenig übertrieben. Letzteres hat der BGH nun kassiert – wegen eines Verfahrensfehlers. Das Land will aber, zur Sicherheit, seine Leistungen im Wald nun dennoch umstrukturieren.

Mit welchen Folgen?

Schütz: Das Land verlangt jetzt mehr Geld für die Betreuung, um dem EU-Beihilferecht zu genügen. Auf der anderen Seite wird die Förderung der Waldbesitzer angehoben – ich hoffe, dass wir da ein sehr schlankes Verfahren finden werden. Doch auch die Strukturen werden sich ändern. Früher waren die Forstreviere so aufgeteilt, wie dies zweckmäßig erschien – egal, ob der Wald nun dem Staat, den Kommunen oder Privatleuten gehörte. Jetzt gibt es eigene Reviere für den Staatswald, der aber nur etwa zehn Prozent der 90.000 Hektar Wald in der Ortenau ausmacht.

Der Wald wird sich verändern, sagt Holger Schütz, Dezernent für den ländlichen Raum im Offenburger Landratsamt. | Foto: red

Was bedeutet das für den Wald?

Schütz: Die Privatwaldbesitzer können jetzt entscheiden, ob sie von 2020 an weiter vom Kreis betreut werden wollen oder aber von privaten Dienstleistern. Das macht dann möglicherweise schon einen Unterschied – die Unternehmen, die ich kennengelernt habe, kommen alle aus dem Holzeinschlag, und die müssen Geld verdienen. Da wird im Zweifel dann halt ein bisschen mehr eingeschlagen. Das könnte dazu führen, dass nicht mehr waldbauliche Erfordernisse im Vordergrund stehen, sondern die Ertragslage.

Kann ein Waldbesitzer dann nicht die Notbremse ziehen?

Schütz: Wir haben in der Ortenau vorratsreiche und sehr gut gepflegte Wälder. Da erkennt man Eingriffe, die über die waldbauliche Notwendigkeit hinausgehen, erst nach Jahren.

Müssen wir fürchten, dass in der Ortenau nun Holzplantagen entstehen?

Schütz: Das gibt es noch nicht in unserem Wald, aber es wäre schon machbar. Das hieße dann Kahlschlagwirtschaft, alles wird abgeholzt, neu gepflanzt und dann geerntet, wenn es die größten Erträge gibt, nach etwa 70 Jahren bei 30 Zentimetern Stammdurchmesser.

Allerdings haben nach Lothar, der so große Schäden auch wegen der vielen empfindlichen Monokulturen angerichtet hat, alle Fachleute Besserung gelobt und auf robuste Mischwälder gesetzt. Wurde das Versprechen eingehalten?

Schütz: Ja, es hat tatsächlich funktioniert, stabilere Wälder mit geringerem Risiko aufzubauen, mit drei bis vier Baumarten auf einer Fläche, angepasst an die Standorte und das Klima. Auch hier ging es letztlich um die Frage, wie die Betreuung und die Beratung aussieht. Ich könnte mir schon vorstellen, dass bei externen Dienstleistern der Wald über kurz oder lang wieder nadelholzlastiger wird, denn das ist derzeit als dringend nachgefragtes Bauholz die betriebswirtschaftliche Stütze für praktisch jeden Wald. Doch der Eigentümer wäre nicht gut beraten, nur auf Fichte oder Douglasie zu setzen, ohne auf die Stabilität der Wälder und die Klimarisiken Rücksicht zu nehmen.

Wie wichtig Mischwälder sind, zeigt sich ja auch in der Rheinebene. Das Eschentriebsterben hat zu hässlichen Kahlschlägen geführt. Wie reagiert man dort?

Schütz: In vielen Bereichen ist ein guter Neuanfang geglückt, man hat gesehen, dass eine Baumart, wenn sie sehr dominierend ist, bei einem Ausfall auch massive Schäden nach sich zieht. Ziel ist jetzt, dass keine Baumart mehr als 30 bis 40 Prozent der Fläche einnimmt, auf den einstigen Kahlflächen stehen nun Eichen, Flatterulmen, Erlen, Ahorn, Linden, Hainbuchen, aber auch ausländische Baumarten wie der Tulpenbaum, Hickory oder die Hybridnuss. Ein vernünftiges Risikomanagement ist in der Forstwirtschaft inzwischen angesagt.

Der Sommer hat gezeigt, dass der Wald auch längere Trockenperioden durchstehen können muss. Was folgt daraus?

Schütz: Das ist eine große Aufgabe, Wetterlagen wie in diesem Sommer werden wir gewiss öfter erleben. Wir müssen unsere Wälder im Blick auf solche Ereignisse stabil machen, aber auch wegen eingeschleppter Schädlinge wie dem asiatischen Laubholzbock.

Werden Baumarten verschwinden?

Schütz: Es wird wärmer werden, wenn wir Glück haben nur um zwei Grad. Das wäre dann Mittelmeerklima. Wir werden also Bäume einbringen müssen, die an diese Temperatur und Niederschlagsmengen angepasst sind. Die Fichte zum Beispiel wird in den Lagen unter 700 oder 800 Metern kaum noch stehen, im Achertal zum Beispiel dürfte sie durch die Douglasie ersetzt werden. Die Tanne kommt mit der Wärme gut zurecht. Insgesamt wird der Wald laubholzreicher, die Buche zum Beispiel wächst bis in hohe Schwarzwaldlagen. Eine Option wäre auch die Kastanie, doch da gibt es eine breite Schädlingspalette.