DA TRÜGT DIE IDYLLE NICHT: In vielen Schwarzwaldtälern dürfen die Kühe noch auf kräuterreichen Wiesen weiden. 1 050 meist familiengeführte Höfe liefern an die Schwarzwaldmilch GmbH, die ihnen indirekt als Genossenschaftsmitglieder gehört. Der Milchauszahlungspreis liegt seit Jahren über dem Branchendurchschnitt. | Foto: SM-Gruppe

Schwarzwaldmilch-Gruppe

„Ohne uns wäre der Schwarzwald schwarz“

Der Milchlaster kämpft mit dem zweiten Gang die steile Serpentinenstraße nach oben. Den Anhänger hat der Fahrer längst abgekoppelt; sonst käme er auf dieser Piste auch nicht weiter. Zwei Wanderer winken ihm zu. Touristen lieben eine solche Schwarzwald-Idylle: Der Nebel steigt in dem Tal auf, die Kühe weiden auf sattgrünen Wiesen. Die bäuerlichen Familienbetriebe arbeiten noch viel per Hand. Noch eine Kurve, dann ist der Laster am Ziel, auf knapp 1 400 Höhenmetern. Dort wird er gleich Nachschub für die Freiburger Molkerei der Schwarzwaldmilch-Gruppe in seinen Tank pumpen.

Schwarzwaldmilch behauptet sich mit Spezialitäten, Qualitätsanspruch und viel Heimatliebe

„Wir holen teilweise auch nur 150 Liter von den Höfen ab. Das ist Genossenschaft“, sagt Andreas Schneider, der Chef der Molkerei. 1 050 meist familiengeführte Höfe stehen hinter der Genossenschaft Milcherzeugervereinigung Schwarzwaldmilch, der 100 Prozent der Schwarzwaldmilch GmbH Freiburg gehören. Die Bauern haben jeweils im Schnitt gerade einmal 37 Milchkühe. Man zahle mit die höchsten Milchauszahlungspreise in der Branche, betont Schneider stolz. 41,32 Cent je Kilo waren es im vergangenen Jahr im Durchschnitt für konventionelle Milch. Und das bei einem knallharten Wettbewerb: Der globale Markt ist voll mit Milch bei stagnierender Nachfrage. Der Preisdruck ist entsprechend groß. „Hier in Baden hängen wir am Weltmarkt genauso dran wie in Neuseeland“, betont Schneider und klickt im kleinen Besprechungsraum die nächste Seite seiner Powerpoint-Präsentation an.

DAS FRISCHE-WERK: In Freiburg werden täglich 660 000 Liter Milch verarbeitet. Die Schwarzwaldmilch GmbH wächst auch kräftig außerhalb Baden-Württembergs. | Foto: Schwarzwaldmilch

Die Ehrmanns und Müllers können, weil sie eine ganz andere Gesellschafterstruktur haben, viel günstiger Milch einkaufen. Und gegen den deutschen Branchenprimus – den Deutschen Milchkontor-Konzern mit einem Umsatz von 5,1 Milliarden Euro – ist die Schwarzwaldmilch-Gruppe mit ihren 2017 rund 180 Millionen Euro eine Mini-Molkerei. Die produziert obendrein auch noch kleinteilig.

 

Strammen Schrittes marschiert Schneider über den Steg in einer der Abfüllhallen. Warm ist es hier. Hinten, wo gerade Edelstahltanks gereinigt werden, zischt es. Heißer Dampf steigt auf. Schneider ist in Eile. „Hier die Tiefziehanlage“, zeigt er nach unten, wo bis zu 10 000 Kunststoffbecher pro Stunde mit Quark gefüllt werden. Nur ein paar Meter weiter auf dem Steg, dann deutet sein Zeigefinger auf die Flaschenmilch-Abfüllung. Kurz darauf werden Eimer für die Gastronomie befüllt. Es zischt und klackt. Eine Becherfüllmaschine folgt, schließlich die Apparatur für Weichpackungen, die der Laie pauschal als Tetra Pak bezeichnet. Die Molkerei-Multis haben einzelne eigene große Werke nur für ein Produkt.

 

Wie schaffen es die Freiburger also, sich in dem Markt zu behaupten, und das bei kräftigen Investitionen, ohne die Banken anpumpen zu müssen? Zumal auch bei dieser kleinen Molkerei – mit dennoch 200 Produkten – alles fix ablaufen muss. Innerhalb von zwei Tagen sei die frisch angelieferte Ware zu verarbeiten, sagt Schneider und zeigt auf die zwölf Edelstahltanks mit teils bis zu 120 000 Liter Fassungsvermögen. Das Gros der Lebensmitteleinzelhändler will 14 Tage später die Ware haben – wegen des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Die Blondine Anna ist omnipräsent

Um dem Erfolgsgeheimnis von Schwarzwaldmilch auf die Spur zu kommen, hilft Anna. Anna ist omnipräsent: auf den Fassaden der Werke in Freiburg und Offenburg, auf den Lastern, auf Werbevideos. Die adrette Blondine ist die Tochter eines Schwarzwaldmilchbauern. In ihrer Tracht wirkt sie traditionell und ist mit ihrem Agrarwissenschaftsstudium zugleich modern. Sie ist die Werbebotschafterin der Freiburger. „Anna kann auch Milch melken und Trecker fahren, ist also authentisch“, betont Schneider.

 

Anna hilft, dem Verbraucher zu vermitteln: In Freiburg verarbeitete Milch kommt zu 100 Prozent aus Baden-Württemberg, vor allem aus dem Schwarzwald. Die Qualität der vier Marken ist top und innovativ. So sind die Freiburger mit ihrer Marke „LAC“ 2001 bundesweit mit voran geprescht. Da lassen sich sukzessive Schwestermarken wie „Bio“ oder „Weidemilch“ national nachschieben, um den Umsatzanteil zu erhöhen – noch werden 66 Prozent der Erlöse im Südwesten erzielt, wo Millionen Schulkinder mit „Schoki“ und „Jogi“ als Pausengetränke groß geworden sind.

 

Regionalität und Qualität ziehen bekanntlich beim Konsumenten, das kommt der Schwarzwaldmilch GmbH zupass. Käufer können aber nicht nur wegen des fairen Milchabgabepreises ein gutes Gewissen haben. Sie tragen laut Schneider zudem mit dazu bei, dass die Landschaft dank der Milchbauern offen bleibt. „Ohne uns wäre der Schwarzwald schwarz“, sagt er plakativ. Dieses Mittelgebirge sei ohnehin längst wieder hip – deshalb ziert die Dachmarke auch der Bollenhut. Zu den Billiganbietern gehöre das genossenschaftlich getragene Unternehmen nicht, es verzichte auch fast komplett auf Aktionspreise.

So sympathisch Anna mit ihrer Botschaft auch sein mag – sie allein reicht nicht. Es braucht ein modernes und konsequentes Management. Dem branchenerfahrenen Diplomkaufmann Schneider (54) und seiner Marketingchefin Caroline von Ehrenstein, die beide aus NRW stammen, fehlt zwar der badische Zungenschlag. Aber sie haben die DNA der Schwarzwaldmilch verinnerlicht und nutzen die damit verbundenen Marktchancen. Von Ehrenstein spielt die komplette Marketing-Klaviatur, bis hin zum Guerilla-Marketing. Das bringt Mausklicks, hält die Marke jung und im Gespräch. Als Hauptsponsor des SC Freiburg setzt sie auf den heimischen Sympathie-Erstligisten.

Schneider ist der Stratege: Hochqualitative Frischeprodukte werden im Werk Freiburg aus täglich 660 000 Litern Milch verarbeitet. Das Schwesterwerk in Offenburg mit 75 Mitarbeitern stellt sogenannte Ingredients her, ebenfalls spezialisiert. Das sind Flüssigkeiten wie Milch, die qualitätsschonend getrocknet und so kostengünstig bis nach Neuseeland verschifft werden können. Unzählige namhafte Schokoladenhersteller, aber auch Pharmakonzerne – etwa für Tablettenfüllstoffe – bekommen aus Offenburg Zutaten.

MOLKEREI-MANAGER: „Wir holen teilweise auch nur 150 Liter von den Höfen ab. Das ist Genossenschaft“, sagt Andreas Schneider, der Chef der Schwarzwaldmilch GmbH. | Foto: Hora

Noch in diesem Jahr will Schneider verraten, wo die dritte Säule in der Schwarzwaldmilch-Strategie entstehen wird: eine Käserei im Schwarzwald samt Gastronomie und Führungen für Besucher aus aller Welt. Die soll zwei Effekte haben: Der Käse-Markt ist vergleichsweise lukrativ und wachsend – und die Heimat als Markenkern der Schwarzwaldmilch GmbH lässt sich einmal mehr leben. Details gibt der Molkerei-Manager noch nicht preis. So wie er bei der Betriebsbesichtigung in Freiburg auch überwiegend nur Abfüllanlagen, Lager und Kommissionierungshallen zeigt – Schneider will Know-how schützen.

KOSTPROBE IM LABOR: Hochwertiges Pulver, hergestellt im Werk Offenburg. | Foto: Hora

Er zieht den weißen Kittel, die Haube und Spezialschuhe aus, steigt in seinen Firmenwagen und fährt dann für eine gute halbe Stunde auf die Autobahn. Im Werk Offenburg wartet bereits Matthias Köppen. Auch dort stehen Laster vor riesigen Edelstahlsilos, auch dort muss der Besucher seine Hände desinfizieren und mit Spezialschuhen über eine Bürsten-Station. Vieles ist modern in dem Tradtionswerk; ein Relikt aus alten Zeiten ist das Glasbild mit einem Schwarzwald-Mädel. In Offenburg konzentriert man sich seit 2005 ausschließlich auf Ingredients, die unter anderem in der Backwaren-, Süßwaren-, Gewürz- und Pharmaindustrie sowie für Sportlernahrung eine wichtige Rolle spielen. „Mit Joghurt- und Quarkpulver sind wir einer der Großen in Europa“, erklärt Köppen.

AUS OFFENBURG IN DIE WELT: Was hier im Werk getrocknet wird, liefert Schwarzwaldmilch bis nach Neuseeland. | Foto: Hora

Die Besichtigung beschränkt sich neben dem Labor auf die Sprühtürme: drei High-Tech-Kolosse, im größten verdampfen zwei Tonnen Wasser pro Stunde. Pumpen und Ventilatoren rauschen. Charakteristisch ist aber ein immer wiederkehrendes heftiges Klopfen. „Das sind unsere Klopfer“, erklärt Köppen und zeigt auf die Mechanik an den Außenwänden der Edelstahltürme. Flüssigkeit wie Milch wird oben in die Türme gesprüht, erhitzt, damit das Wasser verdunstet und unten im Keller das Pulver heraus rieselt. Lagert sich etwas an den Behältern ab, dann hämmern es die Klopfer wieder mechanisch weg.

 

Das hört sich für den Laien simpel an, zumal er das Innenleben in den Türmen nicht sehen kann. Aber die Technik ist hochkomplex. Deswegen setzten selbst Abnehmer in einem milchreichen Land wie Neuseeland auf die Könner aus Baden. „Namhafte Hersteller sind unsere Auftraggeber. Die kommen zu uns, wenn es kompliziert wird“, sagt Köppen. Und so ist die Schwarzwaldmilch-Gruppe beides: der Frische-Spezialist, der kleine Höfe in den Schwarzwaldhöhen für seine Endkunden-Spezialitäten anfährt, und der Lieferant für Weltkonzerne.

 

„Strich-Jogi“ als Studentenfutter

Andere nennen es Factory Outlet, bei Schwarzwaldmilch in Freiburg heißt der Fabrikverkauf auf gut Badisch „Milchlädle“. Und dort findet sich noch eine Spezialität: „Strich-Jogi“. Das sind die bekannten Joghurt-Becher, deren Deckel aber durchgestrichen ist und die besonders günstig zu bekommen sind. „Das ist ein Überraschungs-Ei“, sagt Andreas Schneider. Statt die Produktionsanlage aufwendig zu reinigen, damit sofort sortenrein der nächste Joghurt mit anderer Frucht hergestellt werden kann, wird überlappend produziert. „Das ist bei Studenten besonders beliebt“, so der Manager.