In der Redezeit erörterten die Diskussionsteilnehmer, darunter Acherns Oberbürgermeister Klaus Muttach (vorne links), die Wirtschaftlichkeit eines kleineren Krankenhausbetriebs. | Foto: Karen Christeleit

Debatte um Notfallstandorte

Ortenauer Klinikreform: Absage an „rollenden Intensivkrankenwagen“

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Auch nach der Kreistagsabstimmung im Juli, in der die Kreisräte zu Lasten der kleinen Krankenhäuser in der Peripherie für ein Zentralklinikum in Offenburg entschieden hatte, sorgt die Strukturreform der Ortenauer Krankenhäuser, die Agenda 2030, für Gesprächsbedarf. In der von den Rheinauer Gemeinderäten Annette Fritsch-Acar, Doris Bless, Doris Hertweck, Heiko Bach, Birgit Martens und Annette Sänger sowie der Seniorenrätin Hildegard Aßmus initiierten „Redezeit 2.0“ auf dem Sängerhof in Linx standen Kreisräte wie Acherns Oberbürgermeister Klaus Muttach und der Leutesheimer Ortsvorsteher Heinz Faulhaber den zahlreich erschienen Bürgern Rede und Antwort.

„Was ist ein Gesundheitszentrum und was bedeutet das für unsere medizinische Versorgung“, diese Fragen treiben Bürger in der Ortenau um. „Die Entscheidung war rein betriebswirtschaftlich und an den Menschen vorbei und politisch das falsche Signal“, bedauerte Robert Gantert aus Oberkirch. Der ehemalige Kehler Sparkassenchef Joachim Parthon bemängelte: „Da werden alte Fehler gemacht, um die Probleme der Gegenwart zu lösen.“ Die Menschlichkeit bliebe auf der Strecke, alte Menschen bräuchten die kleinen Häuser zur Grundversorgung und die Babys sollten nicht in Gebärfabriken zur Weltkommen müssen.

Lange Anfahrtswege in der Kritik

Außerdem wurde die lückenhafte ÖPNV-Anbindung kritisiert. „Um von Linx nach Offenburg zu kommen, ist man nicht nur zwischen 55 bis 80 Minuten unterwegs, sondern durchfährt auch sechs Tarifzonen“, recherchierte Wolfgang Britz, Vorsitzender des Fördervereins des Kehler Krankenhauses. Aßmus, die darüber hinaus auch die Sicherung des Katastrophenschutzes im Auge hat, bestätigte: „Nach Achern ist man gar zweieinhalb Stunden unterwegs und das neu installierte Ruftaxi hilft da auch nicht viel.“ „Die Notfallarztstandorte in der Ortenau sind essenziell, nach dem Rettungsdienstgesetz sind die Krankenhausträger verpflichtet, Notärzte zu stellen und dabei müssen wir die vorgeschriebenen Hilfsfristen von 15 Minuten einhalten“, betonte der Notarzt und Anästhesist im Kehler Krankenhaus, Rolf Ermeling. „Bereits heute haben wir in Oberkirch und Ettenheim Probleme, dort müssen niedergelassene Ärzte oder gar die Notarztbörse die Lücken abdecken.“ Er bezweifelte, dass dieser Dienst durch niedergelassene Ärzte, die schon heute überlastet wären, abgedeckt werden kann. Ein Notfallarztstandort könne nur effektiv sein, wenn ein Krankenhaus dahinterstehe. Da seien auch die von Moderatorin Annette Fritsch-Acar angeführten „rollenden Intensivkrankenwagen“ keine Alternative. Diese wären da, um den Patiententransport zwischen Offenburg und Lahr zu gewährleisten und belasten sogar den Primärtransport.

Werden kleine Kliniken zu Ärztezentren?

Ermeling setzt da wie Faulhaber auf die weitere Diskussion und die zugesicherte Überprüfungsklausel in fünf Jahren. „Wir wollen die bestmögliche Versorgung mit so viel Zentralisierung wie nötig und so viel Dezentralisierung wie möglich“, hielt Muttach dagegen. „Mit dem jetzt verabschiedeten Gesamtpaket haben wir vom Land eine finanzielle Unterstützung zugesichert bekommen.“ Wichtig sei ihm, dass das Ortenauklinikum in öffentlicher Hand bleibt. „Ein Drittel der Hausärzte sind über 60 Jahre alt und viele Sitze sind schon unbesetzt“, bedauerte er den Ärztemangel in der Region und betonte: „Ziel ist es auch, an den dann geschlossenen Klinikstandorten zu investieren und weiterhin präsent zu sein.“ Um die flächendeckende Versorgung im ländlichen Raum der Ortenau sicherzustellen, setzt er auf die „Kommunale Gesundheitskonferenz“ und verwies auf die Mitwirkung der Bürger bei der aktuell laufenden Bürgerbefragung im Internet.

Von Karen Christeleit