Gleichberechtigung
NOCH IMMER UNTERREPRÄSENTIERT sind die Frauen in der Politik in der Ortenau, belegt die ZDF-Deutschlandstudie. | Foto: Brakemeier

Deutschland-Studie des ZDF

Ortenaukreis: Frauen in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert

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In der Ortenau lässt sich’s gut leben – das spiegelt sich auch in einer aktuellen Studie wider. Im Auftrag des ZDF hat das Wirtschaftsforschungsinstitut „Prognos“ 401 Kreise und Städte unter der Fragestellung „Wo lebt es sich am besten?“ untersucht.

Der Ortenaukreis findet sich unter den Top 50 – im deutschlandweiten Ranking belegt er Platz 47. Alles im grünen Bereich, scheinen die Zahlen zu vermitteln. In der Kategorie „Arbeiten & Wohnen“ gerät dieser Eindruck jedoch ins Wanken. 2012 bis 2016 lag der Anteil von Frauen an den Mandaten bei nur 16,1 Prozent, was für den Kreis Rang 364 zur Folge hat – er gehört damit zu den Schlusslichtern in Deutschland.

Mangel an Selbstbewusstsein

„Frauen übernehmen immer noch einen Großteil der Familienarbeit. Dadurch bleibt deutlich weniger Zeit für andere Dinge“ unternimmt Pascale Simon-Studer einen Erklärungsversuch. Die hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte des Ortenaukreises ist zudem davon überzeugt, dass der Mangel an Selbstbewusstsein ebenfalls eine Rolle spielt – viele Frauen trauten sich ein politisches Amt schlichtweg nicht zu.

Ländliche Prägung des Ortenaukreises spielt eine Rolle

Gleichzeitig sei die Bereitschaft, Frauen zu wählen, nicht allzu hoch. „Der Ortenaukreis ist eher ländlich geprägt. Hier greift man gerne auf das alt Bewährte zurück.“
Der Gleichstellungsbeauftragten zufolge spiegle sich das auch bei Kommunalwahlen wider. „Für Frauen ist es schwierig, da hineinzukommen. Es werden immer wieder die Gleichen gewählt.“ Die Erfahrung von langjährigen Mandatsinhabern sei wichtig, betont Simon-Studer. Genauso wichtig sei es allerdings, Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Ortenaukreises Pascale Simon-Studer

„Vor politischer Macht schrecken Frauen häufig zurück, dabei geht es um Gestaltungsmacht – Frauen haben andere Interessen und Schwerpunkte als Männer. Politisches Engagement bietet ihnen die Möglichkeit ihre Umwelt mitzugestalten“, führt die Gleichstellungsbeauftragte aus und wirft einen Blick nach Frankreich. Hier wurde im Jahr 2000 ein Paritätsgesetz verabschiedet. Dieses sieht vor, Wahllisten mit jeweils 50 Prozent Männern und Frauen zu besetzen.

„Die politische Landschaft ist dadurch lebendiger geworden“ zeigt sich Simon-Studer angetan. Frankreich sei damit viel näher an der Realität – „Frauen machen schließlich die Hälfte unserer Bevölkerung aus, das sollte sich auch in politischen Ämtern widerspiegeln“, ist sie überzeugt.

Seminarreihe soll Frauen motivieren

„Wir haben sehr viel aufzuholen“, gibt Simon-Studer zu und setzt sich dafür ein, dass es im Ortenaukreis vorangeht. In Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Offenburg und der Landeszentrale für politische Bildung hat sie die Seminarreihe „Den Alltag gestalten: Frauen engagieren sich in der Kommune“ ins Leben gerufen. „Wir wollen den Frauen die Berührungsangst mit der Politik nehmen“, erklärt sie. In zehn Sitzungen werden die angemeldeten Frauen unter anderem an einer Gemeinderatssitzung der Stadt Offenburg teilnehmen, in ihrer Rhetorik geschult und über die Funktionsweise eines kommunalen Haushaltes informiert.

„Die Dinge bewegen sich langsam“

Für die Zukunft möchte die Gleichstellungsbeauftragte keine Prognose abgeben. „Es wäre schön, wenn ich in eine Kristallkugel blicken könnte“, lacht sie und merkt an: „Die Dinge bewegen sich langsam. 2019 feiern wir 100 Jahre Frauenwahlrecht. Die erste Kreisrätin im Ortenaukreis wurde erst 16 Jahre nach dem Frauenwahlrecht gewählt.“

2019 stehen die nächsten Kommunalwahlen im Ortenaukreis an. Ob die bisherige Seminarreihe erste Früchte trägt, wird spätestens dann zu sehen sein.

Ziel der Studie des ZDF war es, die Lebensumstände in Deutschland möglichst umfassend zu messen. Jeder der 401 bewerteten Kreise und Städte wurde in Hinblick auf die Kategorien „Arbeit & Wohnen“, „Gesundheit & Sicherheit“ sowie „Freizeit und Natur“ untersucht.
Übergewichtige je 100 Einwohner: Mit 47,5 Übergewichtigen im Jahr 2013 je 100 Einwohner belegte der Ortenaukreis Rang 32. Als übergewichtig gelten in der Studie Menschen mit einem Body-Mass-Index von mehr als 25.
Feinstaub-Jahresmittelwerte: Mit 14,9 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft lag der Feinstaub-Jahresmittelwert 2016 im Ortenaukreis deutlich unter dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Der Kreis belegt damit Rang 31.
Gewaltverbrechen: 2016 gab es 17 Gewaltverbrechen je 10 000 Einwohner, der Landkreis belegt Rang 194.
Wohnungseinbruchdiebstähle: 12,3 im Jahr 2016 je 10 000 Einwohner. Rang 206.
Erreichbarkeit von Krankenhäusern: 2015 betrug die durchschnittliche PKW-Fahrzeit zum nächsten Krankenhaus elf Minuten, womit sich der Landkreis auf Rang 219 platziert.
Bar- und Restaurantdichte: Mit 29,2 Schankbetrieben, Gaststätten, Restaurants und Cafés je 10 000 Einwohner belegt der Ortenaukreis Rang 37
Anteil der Erholungsfläche je Einwohner: Unbebaute Flächen und Grünanlagen wie Parks oder Schrebergärten standen im Jahr 2015 nur zu 23,6 Quadratmetern je Einwohner zur Verfügung, was dem Ortenaukreis Rang 371 beschert.
Schulden öffentlicher Haushalte: 359 Euro Schuldenstand der Kernhaushalte der Gemeinden und Gemeindeverbände. Rang 23