Glasfaser für die Ortenau soll es weiter geben – doch der Ortenaukreis hat seine bisherigen Pläne komplett umgekrempelt. | Foto: Gabbert

Unternehmen in der Pflicht

Glasfaser: Der Ortenaukreis reißt das Steuer herum

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Der Ortenaukreis legt bei seinen Plänen für ein kreisweites Glasfasernetz eine Powerwende aufs Parkett: Eine Vollbremsung bei rasanter Fahrt mit anschließender Richtungsänderung. Am Mittwoch hat Landrat Frank Scherer gemeinsam mit Breitband-Geschäftsführer Peter Lassahn die wenige Stunden zuvor vom Aufsichtsrat abgesegneten Pläne der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie sollen nicht nur dem Steuerzahler eine Menge Geld sparen, sondern auch deutlich schneller umzusetzen sein. Der Haken des bundesweit mutmaßlich einmaligen Vorstoßes: Ohne einen Partner aus der freien Wirtschaft wird er nicht funktionieren

Immer weniger Haushalte unversorgt

Hintergrund für die grundlegende Neuorientierung der Breitband Ortenau GmbH: Seit die Telekom und andere Anbieter spitzgekriegt haben, dass der Ortenaukreis an seinem eigenen Netz arbeitet, wird nach Kräften investiert. So hat sich die Zahl der in der Ortenau als unterversorgt geltenden Haushalte seit Mai vergangenen Jahres von 40 000 auf nur noch rund 25 000 nahezu halbiert. Und es wird weiter gebaut, was dem Ortenaukreis mit seinem Glasfaser-Backbone die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen droht. Deshalb hat er nach einer Alternative gesucht.

Unternehmen müssen Netz mitbringen

Bei Lichte betrachtet hat sich der Kreis mit seiner Neuorientierung von der Idee verabschiedet, selbst ein kreisweites Glasfaser-Netz zu bauen. Vielmehr will man die Ausschreibung, die in den kommenden vier bis sechs Wochen erfolgen soll, an eine rigide Bedingung knüpfen: Wer sich um Bau und Betrieb des Netzes bewirbt, willigt gleichzeitig ein, seine vorhandene Infrastruktur in des kreisweite Netz einzubringen – und zwar unabhängig davon, ob er am Ende den Zuschlag erhält oder nicht. Das Modell könnte für beide Seiten attraktiv sein. Die Netzbetreiber sparen sich teure Doppelstrukturen und haben den direkten Zugang zum Kunden, der Kreis kann, wenn alles läuft wie erhofft, auf den Bau von bis zu 400 Kilometern Glasfaser verzichten.

Bis zu 40 Millionen Euro gespart?

Das schont die öffentlichen Kassen. Landrat Frank Scherer rechnet mit einer Einsparung von bis zu 24 Millionen Euro bei den Landeszuschüssen und weiteren 16 Millionen beim Kreis direkt: „Das wären mehr als drei Prozent Kreisumlage“, sagte er in einem Pressegespräch im Offenburger Landratsamt. Scherer machte kein Hehl daraus, dass man damit nicht zuletzt dem magentafarbenen Platzhirsch die Türe öffnet: „Die Telekom hat ein vollständiges Backbone, da muss sie niemand drauflassen“. Aus dieser Situation seien Planungen entstanden, die zu Doppelstrukturen führen. Will die Telekom nun, oder ein anderer Bewerber, das Netz in der Ortenau betreiben, muss er seine eigene Infrastruktur zur Verfügung stellen. „Als Eintrittskarte für die Ausschreibung“, so der Landrat.

Ausschreibung ist „technikneutral“

Mit dem Paradigmenwechsel verabschiedet sich der Kreis auch von der Vorstellung, selbst über die technische Gestaltung zu entscheiden: „Wir schreiben kein Netz aus, das wir vollständig selbst bauen, sondern wir schreiben das Ziel aus, die Haushalte mit einem Breitbandabdeckung von weniger als 30 MBit zu versorgen“. Wie dies geschehe, sei Sache des Betreibers, der Kreis fordere aber eine Geschwindigkeit von mindestens 100 MBit. Das kann zwar, sagt Scherer auf Nachfrage, auch das derzeit betriebene Vectoring der Telekom leisten, doch man setzt hier wohl auf die Kräfte des Marktes. „Wir schreiben“, so Scherer und Lassahn, technikneutral aus, „wenn 100 MBit pro Sekunde nicht mehr reichen, dann switcht das automatisch zu Glasfaser“. Kehrseite für die Endkunden: Je nach Situation und Vertragsgestaltung werden weiter beträchtliche Beträge für die letzten Meter bis zum Übergabepunkt am Haus fällig.

Kommunen geraten unter Zeitdruck

Schnell, nämlich spätestens bis zum Jahresende, will der Kreis einen Netzbetreiber gefunden haben, der Bau und Betrieb übernimmt. Für manche Kommune könnte das angeschlagene Tempo allerdings ein wenig hoch sein, wie der Landrat einräumte: „Bürgermeister und Gemeinderäte haben jetzt ein gewisses Problem“. Denn der Ausbau der Ortsnetze koste natürlich auch Geld, das die Kommunen in die Hand nehmen müssen – und das geht nur, wenn die Investitionen auch in den Haushalten eingestellt sind. Deshalb werde man den Städten und Gemeinden bei der Frage, wann sie jeweils investieren, Spielraum geben.

„Können uns entspannt zurücklehnen“

Für den Kreis sei die jetzt gefundene Lösung optimal, weil sich die Wirtschaftlichkeit des Netzes nicht von Investition zu Investition der Konkurrenz reduziere, sagt der Landrat: „Wir können uns bei dieser Ausschreibungsmethode entspannt zurücklehnen“.