Nach 41 Jahren ist Schluss: Otto Schnurr hört als Gemeinderat auf. | Foto: Michael Moos

Kommunalpolitiker

Otto Schnurr: „Wir mussten jeden Cent zweimal umdrehen“

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Am 21. Mai 1975 startete im Gemeinderat von Ottenhöfen die kommunalpolitische Karriere von Otto Schnurr. Kaum ein anderer landauf, landab hat so viele Jahre im Gemeinderat mitgearbeitet wie der heute 71-Jährige. Nun will er kürzer treten und steht am Sonntag nicht mehr zur Wahl. Im Gespräch mit ABB-Redakteur Michael Moos zieht Otto Schnurr Bilanz.

1975 waren Sie 28 Jahre alt. Was hat Sie bewegt, für den Gemeinderat zu kandieren?

Schnurr: Ich stand bereits 1971 zur Wahl, habe damals aber nicht genug Stimmen bekommen. Meine großen Vorbilder waren die Gemeinderäte Oswald Eichelberger und Berthold Bohnert. Rektor Eichelberger war mein Sportlehrer; er hat den Handball nach Ottenhöfen geholt. Und Berthold Bohnert, Jahrgang 1898, hat 1953 zusammen mit Siegfried Leppert in Ottenhöfen die Freien Wähler gegründet. Bohnert war mein Mentor – er hat 1975 auf eine erneute Kandidatur für den Gemeinderat verzichtet.

Erinnern Sie sich noch an Ihre damaligen Ziele?

Schnurr: Eigentlich wollte ich zusammen mit Gerhard Dolipski eine eigene Partei gründen, um frischen Wind in das damals von Bürgermeister Johann Käshammer geführte Rathaus zu bringen. Es gab keine Halle und einen unmöglichen Sportplatz. Dass Dolipski später für die CDU kandidierte und ich für die Freien Wähler, war kein Beinbruch. Tatsächlich ging es dann bereits 1975 um den Bau der Halle, die dann drei Jahre später auf dem bisherigen Gelände des Sportplatzes eingeweiht wurde. Mit internationalen Handball-Maßen und einer Bühne hat die Schwarzwaldhalle der Gemeinde in kultureller und sportlicher Hinsicht einen großen Schub gegeben. Für mich persönlich war sie das erste kommunalpolitische Glanzlicht.

Sie haben in Ihrer langen Amtszeit – 39 Jahre lang Sprecher der Freien Wähler im Gemeinderat – viele weitere solche Glanzlichter erlebt. Gab es vielleicht auch Fehlentscheidungen?

Schnurr: Eigentlich nein. Das heißt aber nicht, dass man aus heutiger Sicht das Eine oder das Andere hätte anders machen können. Aber es war richtig, die Villa Thiele und das Forsthaus zu erwerben, um hier Räume für das Bürgerhaus beziehungsweise die Gemeindeverwaltung zu schaffen. Ebenso richtig war die Entscheidung für den Umbau des Freibads zum Naturerlebnisbad. Hier hätte ich allerdings eine große Lösung zusammen mit den anderen Gemeinden im Achertal favorisiert: Ein gemeinsames Freibad zwischen Kappelrodeck und Furschenbach – am besten in Kombination mit einem Hallenbad. Doch dafür waren die jeweiligen Kirchtürme einfach zu groß.

Sie haben mit Johann Käshammer, Dieter Klotz und nun Hans-Jürgen Decker drei Bürgermeister erlebt. Was war ihnen gemeinsam?

Schnurr: Wir hatten nie viel Geld in Ottenhöfen und mussten deshalb jeden Cent zweimal umdrehen. Man kann dennoch nicht sagen, dass nichts gelaufen ist in Ottenhöfen. Im Gegenteil – wir haben nicht nur große Projekte gestemmt, sondern auch in die Wasserversorgung und die Abwasserbeseitigung Millionen investiert – das sieht niemand. Als ehemaliger Mitarbeiter der Gemeindeprüfungsanstalt war Dieter Klotz ein As darin, immer wieder Zuschussmittel nach Ottenhöfen zu lenken. Das tat der Gemeinde gut.

Und doch gibt es noch unvollendete Aufgaben – die Ortsdurchfahrt beispielsweise bietet ein für eine Tourismusgemeinde wenig erfreuliches Bild.

Schnurr: Richtig – Bilder für die Tourismuswerbung müssen wir eher in unseren Seitentälern machen. Die Zieselbergtrasse haben wir aus dem Regionalplan gestrichen; die Tunnellösung ist eine Utopie, deren Verwirklichung wir nicht mehr erleben werden. Und leider bringen weder das Tempo-40-Limit noch das Nachtfahrverbot für Lastwagen viel – es wird einfach zu wenig kontrolliert. Aber die Probleme mit dem Verkehr haben andere auch.

Apropos Tourismus: Wie sehen Sie die künftige Entwicklung?

Schnurr: In den 90er Jahren hatten wir 135 000 Übernachtungen pro Jahr. Aufgrund meiner Initiativen und dem ausgezeichneten Zusammenwirken mit Bürgermeister Dieter Klotz und dem Gemeinderat konnten wir gleich mehrere Fernsehsendungen herholen. Im ZDF hatten wir zum Beispiel mit der Musiksendung mit Marianne und Michael eine Einschaltquote von 6,58 Millionen Zuschauern. Im SWR waren wir gleich mit mehreren Hörfunk- und Fernsehsendungen präsent. Diese überregionale Medienpräsenz brachte Ottenhöfen in Sachen Tourismus deutlich vorwärts. Der historische Umzug anlässlich der 525-Jahrfeier der urkundlichen Erst-erwähnung von Ottenhöfen im Jahre 2004, den ich für die Gemeinde organisierte, wurde im SWR live übertragen. 1,15 Millionen Fernsehzuschauer verfolgten das Spektakel bundesweit. Es tut weh, wenn die Übernachtungszahlen auf die Hälfte zurückgegangen sind. Allerdings hatten wir damals 1 000 Betten. Heute sind es noch um die 400. Ich glaube, dass unsere Region trotz des Nationalparks noch schläft: Wir verkaufen den Schwarzwald als weltweit bekannte Marke zu billig und sind offenbar nicht in der Lage, die sich in der Region Straßburg bietenden Potenziale für uns zu erschließen. Beispielsweise durch durchgängige Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr. Hierfür brauchen wir auch die Hilfe der Politik.

Wie würden Sie Ihre Arbeit im Gemeinderat beschreiben?

Schnurr: Ich habe stets meine innerliche Unabhängigkeit bewahrt. Nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Gemeinderat. Auf mich hat man zählen können, auch in harten Zeiten. Aber ich war nicht allein unterwegs: Wir waren stets eine kreative Gemeinschaft im Gemeinderat.

71 Jahre ist eigentlich kein Alter. Warum wollen Sie aufhören?

Schnurr: Ich habe viele tolle Jahre gehabt, und dabei immer mit Volldampf gearbeitet. Nun merke ich, dass ich dünnhäutiger werde, und auch der Körper spielt nicht mehr so mit. Deshalb möchte ich bewusst kürzer treten, Rücksicht auf die Familie nehmen und nur noch das machen, was mir Spaß macht: Reisen, Musik und Kultur erleben.

Was legen Sie den künftigen Gemeinderäten ans Herz?

Schnurr: Ottenhöfen muss die Abwanderung stoppen. Das geht nur mit der Erschließung neuer Baugebiete. Da ist die Gemeinde auf dem richtigen Weg. Nicht vernachlässigen dürfen wir auch die Jugendarbeit in den Vereinen. Sonst haben wir ein totes Dorf. Also muss die Gemeinde bei der Vereinsförderung so human bleiben wie bisher. Am Ball bleiben muss man auch mit Blick auf den Tourismus und den kulturellen Bereich – Stichwort Freilichtspiele. Und: Die jungen Leute sollen ein Gefühl dafür bekommen, dass es sich rentiert, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.