Nicht nur die Bienen sterben. Laut der "Krefelder Studie" hat die Biomasse der Fluginsekten seit 1989 um mehr als 75 Prozent abgenommen.
Nicht nur die Bienen sterben. Laut der "Krefelder Studie" hat die Biomasse der Fluginsekten seit 1989 um mehr als 75 Prozent abgenommen. | Foto: Frank Rumpenhorst

Volksbegehren Artenschutz

Phänomen Insektensterben

Anzeige

Gibt es überhaupt ein Insektensterben? Volker Späth, Leiter des Institutes für Landschaftsökologie und Naturschutz in Bühl ist sicher: „Es gibt einen wahnsinnigen Niedergang von Insekten“.

Das sei nicht nur im Hinblick auf die verschiedenen Arten zu bemerken, sondern auch in der Masse der Tiere. Er verweist auf die „Krefelder Studie“, bei der Entomologen über 27 Jahre hinweg Monitoring von Insektengruppen betrieben hatten. Ihr Ergebnis: Von 1989 bis 2015 nahm die Biomasse der Fluginsekten um mehr als 75 Prozent ab.

Bienensterben am Oberrhein

Als eine Ursache dieses Phänomens sieht Späth die Industrialisierung der Landwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg und den dadurch bedingten vermehrten Einsatz von Chemie. „Pestizid-Einsätze lassen sich nicht immer auf die Äcker eingrenzen“, erklärt er und nennt als Beispiel sogenannte Neonicotinoide. Speziell spricht er von „Clothianidin“, das im Jahr 2008 für Bienensterben am Oberrhein sorgte.

Neonicotinoide als Verursacher

Das Mittel sollte verhindern, dass Mais-Saatkörner in der Erde von Insekten angebohrt werden. Der Stoff verteilte sich jedoch in der ganzen Pflanze und war damit später auch in den Blüten enthalten. Auch über vom Wind aufgewirbelte Erde hätten die Bienen das Clothianidin aufgenommen. Schon geringste Konzentrationen davon machten die Tiere orientierungslos und ließen sie nicht mehr in ihren Bienenstock zurück finden. Darüber hinaus unterdrücken Neonicotinoide bei Bienen das Immunsystem, was zum Ausbruch tödlicher Viruserkrankungen führt.

Ressourcen- und Raumproblem

Laut Späth gibt es gerade in der Oberrhein-Ebene viel landwirtschaftliche Flächen und viel Verkehr. „Das bedeutet viele Mortalitäts- und nur wenige Reproduktionsfaktoren für die Insekten“, zeigt er auf. Die Rückzugsflächen für Insekten seien zu klein, es gebe mehr und mehr Bau- und Gewerbegebiete. „Wundern müssen wir uns ja eigentlich nicht“, sagt Späth. „Wir haben nicht nur ein Ressourcen- sondern auch ein Raumproblem. Die Natur hat immer weniger Platz.“ Das wirke sich auf das komplexe System aus.

Schuld liegt nicht individuell bei Bauern

Außerdem gehe es überall nur noch um den ökonomischen Aspekt, bedauert Späth. Der Einsatz von Spritzmitteln sei oft einfach günstiger und zeitsparender als zum Beispiel das Pflügen eines Ackers. „Man kann das dem Bauern individuell gar nicht vorwerfen“, meint er. „Natürlich können wir den Kapitalismus nicht abschaffen, aber wir müssen ihn so modifizieren, dass alle Lebensgrundlagen erhalten bleiben.“