Gründer und Leiter der Illenau: Christian Roller Mitte) mit den Ärzten Heinrich Schüle dahinter) und Karl Hergt links) sowie weiteren Mitarbeitern im Kreis seiner Familie. | Foto: Stadtarchiv Achern

Roller und Hergt in der Illenau

„Psychiatrische Utopie konsequent verwirklicht“

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Christian Roller, Gründer und langjähriger Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern, verstarb am 4. Januar 1878. „Ungezählte Menschen, ihnen voran Großherzog Friedrich, begleiteten den zur Ruhe gelangten Unermüdlichen zum winterlichen Friedhof Illenau“, schreibt der Acherner Historiker Gerhard Lötsch.

Wie Luther und Melanchton

Mit der hohen Bedeutung der Seelsorge durch den evangelischen wie den katholischen Geistlichen unter der Hoheit der Ärzte kämpfte Christian Roller bis zuletzt für eine Wissenschaft, „welche mehr Sache des Herzens als des Verstandes ist.“ Denn, so Christian Roller, „auch in dem am tiefsten Gesunkenen muss der Mensch noch geachtet werden.“ Hans Trenkle, letzter evangelischer Anstaltspfarrer in den 1930er Jahren, beschreibt das Miteinander von Roller und dem ersten Illenauer Geistlichen, Ernst Fink: „Roller und Fink, der Arzt und der Seelsorger, haben 20 Jahre lang in einem Geist gewirkt. Man könnte sie mit Luther und Melanchthon vergleichen: Roller, der temperamentvolle und tatkräftige Kämpfer … und Fink, die stillere und besinnlichere Natur … Der von Roller und Fink gepflegte ,Illenauer Geist‘ hat reiche Früchte getragen.“

„Reiche Früchte“ trug die Zusammenarbeit Christian Rollers mit dem evangelischen Geistlichen Ernst Fink in der Illenau.

Mit Christian Rollers Todesdatum lässt sich heute auch die Frage nach dem in seiner Zeit Erreichten stellen. Wolfgang Gerke (1996) und Marga Burckhardt (2003) legten unter anderem zu dieser Frage ihre Doktorarbeiten vor. „Die neuen Anstalten … starteten mit einer Aufbruchsstimmung, in der sie fast allen Patienten und Patientinnen Heilbarkeit versprach. Mit Rollers Konzept, die ,Irrenversorgung‘ durch Aufnahmeverfahren und Nachsorge über die Anstalt hinaus zu organisieren, zeigte sich … schon damals ein sozialpsychiatrisches Element, das später im Rahmen der Mammutanstalten wieder verloren ging“, lobt Marga Burckhardt die Erfolge.

Gesamtlösung auf der grünen Wiese

Wolfgang Gerke sieht in der Illenau der ersten Jahrzehnte „eine psychiatrische Utopie … konsequent verwirklicht, von Anfang an“. Christian Roller habe „auf grüner Wiese“ eine Gesamtlösung verwirklicht, die dauerhaft und grundlegend das Irrenproblem lösen sollte. Rollers „tiefe Überzeugung“ sei gewesen, dass „die allermeisten Irren … heilbar“ sind, dass „Heilung … die humanste und wirtschaftlichste Lösung“ sei. Insgesamt habe Roller mit der Heil- und Pflegeanstalt „das Paradigma der Irrenanstalt als Heilstätte durchgesetzt“, sieht Gerke den wohl größten Erfolg, der enormen Einsatz gefordert habe und zu dem insbesondere die verbesserte Kooperation mit den Bezirksärzten und die frühzeitigeren Einweisungen beigetragen hatten.

Ehemalige Patienten lassen sich im nahen Achern nieder

Zur Öffentlichkeitsarbeit habe Roller selbst konsequent, wie etwa in einem Artikel im Jahr 1874, beigetragen: „In freundlicher Weise öffnen frühere Pfleglinge, welche in dem nahen Achern sich niedergelassen haben, ihre gastlichen Häuser, und unterhalten mit ihren Leidensgenossen einen lebhaften, höchst wohltuenden Verkehr. Sie statten Besuche in der Anstalt ab und werden besucht. … Alle 14 Tage ist in den Herren-Salons ein Kränzchen, in welchem Billard, Schach, Whist gespielt und Bier gereicht wird … An demselben nehmen nicht nur die Kranken sondern auch die Angestellten Antheil …“ Gleichwohl, so Wolfgang Gerke, habe Christian Roller doch auch auf staatliche Vorschriften gesetzt, damit Kranke frühzeitiger, in einem noch heilbaren Zustand in seine Heil- und Pflegeanstalt kamen. Auf alle Fälle habe bei den beruflich mit seelisch Kranken Befassten, wie bei der Bevölkerung insgesamt in diesen drei Jahrzehnten eine wichtige Änderung der Einstellung stattgefunden.

Realität zeichnet anderes Bild

Wolfgang Gerke erkennt jedoch kritisch, dass die Illenau nicht die Einrichtung blieb, als die sie entworfen worden war. „Die Realität ihres Betriebs entsprach nur mit Einschränkungen dem Bild, das in der Öffentlichkeit bis heute vorherrscht.“ Die ständig wachsende Zahl der Neuaufnahmen, so Gerke, „führte zu einer erheblichen Vergrößerung und Beschleunigung des Anstaltsbetriebs“. Während im Jahr 1843 noch 440 Kranke verpflegt wurden, waren es im Jahre 1864 bereits 784. Sowohl der familiäre Geist, wie die Möglichkeiten der „psychischen Cur“ oder des Arbeitens hätten unter dem starken Andrang gelitten. Zumindest teilweise habe man versucht, mit Verlagerungen von schwerkranken Patienten in die „Siechenanstalt“, die 1846 in Pforzheim wieder eröffnet wurde, Verbesserung zu schaffen. Schon 1854 wurden 91 Patienten nach Pforzheim verlagert, schreibt Gerke, und fasst zusammen, dass „der einzig wirklich triftige Grund … ganz offensichtlich“ die faktische Überfüllung der Illenau gewesen sei.

Resignation und therapeutischen Nihilismus

Marga Burckhardt erkennt, dass die 1860er und 70er Jahre den „Optimismus in Sachen Heilbarkeit“ habe zurückgehen lassen, teilweise hätte es gar eine Art „Resignation und therapeutischen Nihilismus“ gegeben. „Die ehemals als humanitäre Einrichtungen gefeierten Anstalten verkamen zu großen, geschlossenen und undifferenzierten Institutionen, deren Bestreben es war, sozial untolerierbare Abweichungen durch Segregation von der Gesellschaft fernzuhalten“, schreibt Marga Burckhardt über Folgen der Veränderungen. „Schließlich kennzeichnete die Psychiatrie eine künstliche Subkultur, die durch teilweise erbärmliche Lebensbedingungen der Langzeitpatienten, durch bürokratische Reglementierung und ein hohes Maß an offener und versteckter Gewalt gegen die Kranken geprägt war.“

Stigmatisierung als Folge

Ergebnis des „Anstaltsaufenthalts“, so setzt Burkhardt sehr kritisch fort, „war oftmals eine bleibende Störung der sozialen Funktionstüchtigkeit der Patienten“. Durch diese Isolation der Kranken von den Gesunden bildete sich in der Gesellschaft ein rigider Dualismus zwischen „normal“ und „pathologisch“ heraus, der vielfache Ängste vor Geisteskranken hervorrief. In der Folge entstanden Redeweisen wie „Der ist in der Illenau gewesen“ oder „Jene gehört in die Illenau“, die auch heute noch unter der Verwendung des Namens der jeweils nächstgelegenen psychiatrischen Anstalt zur Stigmatisierung von anormal angesehenen Verhalten benutzt werden.

Klarer Adlerblick

Wesentlich positiver sieht Heinrich Schüle, als Illenau-Direktor Nachfolger von Christian Roller und dessen direktem Nachfolger Karl Hergt, 1890 die Entwicklungen der ersten 50 Illenau-Jahre. „Dass die junge Anstalt zu dieser Höhe sich erhob, dass neben der im großen Stile entworfenen und fest gegründeten Organisation auch ein Innenleben sich entfaltete, das mit den reichen Hilfsquellen eines familialen Heims für alle Stände zugleich die heilende Atmosphäre erzeugte – das ist in erster Linie dem kongenialen Zusammenwirken von Roller und Hergt zu verdanken. Dem klaren Adlerblick verband sich das Gemüt voller Menschenliebe und selbstloser Hingabe.“