Markanter Auspuff: Tuner stecken oft viel Geld in ihre Fahrzeuge. Allerdings hat die Polizei ein waches Auge drauf, ob alles Rechtens ist. | Foto: dpa

Lärm-Belästigung in Bühl

Raser sorgen in der Bühler Innenstadt für Ärger

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Wenn die Bühler Innenstadt zum Motodrom wird: Poser mit mehr oder minder getunten Autos, die auf jeden Fall akustisch auffallen, reißen Nachts die Anwohner aus den Schlaf. Langsam formiert sich der Widerstand und auch die Polizei erhöht den Kontrolldruck.

Die Stille des frühen Samstagabends wird jäh unterbrochen, als ein Quadfahrer durch die Eisenbahnstraße brettert. Der lautstarke Auftritt wiederholt sich ein paarmal, mal in Richtung Bahn, mal in Richtung Kirche. Es ist offenkundig, dass hier ein Poser – also jemand, der andere auf eine spezielle Art beeindrucken will – seinen großen Auftritt sucht. Manchem Anwohner zerrt das gewaltig an den Nerven.

Doch nicht nur der Quadfahrer scheint hier von der bleifuß-lastigen Kinofilm-Reihe „The Fast And The Furios“ inspiriert. Auch so manches Auto fällt in der Bühler City oder in den Stadtteilen auf – einige optisch, eigentlich alle akustisch.

Langsam formiert sich der Widerstand, ein betroffener Anwohner hat eine Facebook-Gruppe gegründet mit dem Titel „Raserei in Bühl stoppen! Für mehr Verkehrssicherheit und Disziplin“, in der das Phänomen thematisiert wird. Die Gruppe ist derzeit für Nicht-Mitglieder nicht sichtbar. Beim kommunalen Ordnungsamt wie bei der Polizei weiß man um die Vorgänge.

Anwohner gründet Facebookgruppe gegen Poser

Dass es sich um eine sogenannte Poser- oder gar um eine Renn-Szene handelt, will die Verkehrspolizeiinspektion Baden-Baden so nicht unterschreiben. Dass es „Poser-Bewegungen“ gibt und die Polizei an der Sache dran ist, berichtet der Revierleiter, Erster Polizeihauptkommissar Rolf Fritz.

Wir haben hier oben generell problematische Verkehrsverhältnisse.

Carmen Prudlik, Anwohnerin in Neusatzeck

Carmen Prudlik wurde in Neusatzeck mehrfach aus dem Schlaf gerissen. Sie wohnt an der Omerskopfstraße und hegt den Verdacht, dass deren Abgelegenheit Autofahrer mit nervösem Gasfuß zum Drauftreten verleitet. Samstags und sonntags, meist zwischen 23 und 2 Uhr, werde es immer wieder mal „überaus laut“.

Das hätten ihr andere Anwohner bestätigt. Autos würden mit hoher Geschwindigkeit vorbeifahren, die Marke sei auch wegen der Dunkelheit nicht immer zu erkennen. Für Prudlik ist klar: „Wir haben hier oben generell problematische Verkehrsverhältnisse“, deswegen wurden bereits Polizei und Ordnungsamt informiert.

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Mit Blick auf den Nationalpark befürchten die Betroffenen noch mehr Verkehr. Die Lösung? Am besten ein „fester Blitzer“, so die Meinung der lärmgeplagten Neusatzecker, „dann wäre das Problem der Raserei wahrscheinlich behoben“.

Martin Bürkle, der Fachbereichsleiter Bürgerservice-Recht-Zentrale Dienste, kennt das Thema mit dem deutlich zu hohen Tempo in der Omerskopfstraße. Bislang galten die Motorradfahrer als Hauptverursacher. Die Stadt sei deswegen auch der Landesinitiative zum Lärmschutz beigetreten. Mit den Autos erhält das Problem eine weitere Dimension.

Ordnungsamt kündigt verstärkte Kontrollen an

Bürkle kündigte verstärkte Geschwindigkeitskontrollen mit einem temporären Messgerät an. Er machte aber auch deutlich, dass das zuständige Ordnungsamt wegen der Corona-Pandemie stark in Anspruch genommen sei. „Es ist aber unbestritten, dass sowohl auf der Omerskopfstraße als auch im Bereich Frankenbach sehr hohe Geschwindigkeiten erreicht werden, sowohl ortsein- als auch ortsauswärts. Das ist definitiv ein Thema.“

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Polizeioberkommissarin Janina Huber berichtet von zwei Beschwerden von Anwohnern der Hauptstraße und der Eisenbahnstraße. Als erste Hinweise aus der Bevölkerung eingegangenen seien, seien die Streifen aufgefordert worden, „lageorientiert entsprechende Kontrollen vorzunehmen“, berichtet die stellvertretende Leiterin des Polizeireviers Bühl.

Das geschehe stichprobenartig: „Wir können nicht ständig an derselben Stelle stehen.“ Die Polizei habe auch den Octomedia-Parkplatz als Treffpunkt für Jugendliche und Autofans im Blick. „Eine Ruhestörung ist von dort in diesem Zusammenhang aber noch nicht gemeldet worden.“

Röhrender Auspuff
Der röhrende Auspuff – für manche Faszination, für andere Ärgernis. | Foto: dpa

Die Polizei macht zudem Lasermessungen, seit Neuestem sind die Beamten dabei in Zivil. Das dient der Prävention. Die Polizei sei bei ihrer Arbeit auf präzise Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, am besten zeitnah und nicht erst am nächsten Tag. Das Revier stehe zudem in diese Sache in engem Kontakt mit der Verkehrspolizei, und die Stadtverwaltung sei informiert.

Dazu fahre die Polizei sehr viele Präsenz- und Zivilstreifen in der Innenstadt. Etwas scheine die Raserei abgenommen zu haben – ob nun wegen der Corona-Pandemie oder wegen der stärkeren Polizeipräsenz müsse offenbleiben, so Huber.

Drei oder vier getunte Autos sind noch keine Poser-Szene

Christian Bähr, Verkehrspolizeiinspektion Baden-Baden

Polizeihauptkommissar Christian Bähr von der Führungsgruppe der Verkehrspolizeiinspektion Baden-Baden mahnt zu einer differenzierten Betrachtungsweise: „Drei oder vier getunte Autos sind noch keine Poser-Szene.“ Es gebe überall unterschiedliche Gruppen, die sich treffen, Motorrad- oder Autofahrer. Und ein Teil davon richtet die Fahrzeuge her. „Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden.“

Er wohne selbst in Bühl und wisse, dass Einzelne gerne mal in einem Kreisel die Reifen quietschen lassen. „Das sind aber Momentaufnahmen.“ Poser wollten sich darstellen, oft mit billigsten Maßnahmen; Tuner dagegen investierten viel Zeit und Geld in ihr Fahrzeug, erklärt der kundige Beamte und relativiert dann auch: „So ein richtiges Poser-Problem wie in Mannheim gibt es in Mittelbaden nicht, auch nicht in Baden-Baden.“

Nicht eingetragene Umbauten können zur Stilllegung führen

Natürlich habe die Polizei die Möglichkeit, Auffälligkeiten zu ahnden: Wer mit über 100 Dezibel dreimal an der Eisdiele vorbeiröhrt, um aufzufallen, könne zu einem Bußgeld zwischen zehn und 35 Euro verdonnert werden. Nicht genehmigte Veränderungen können derweil zur Stilllegung des Fahrzeugs führen. Der Bühler Revierchef Rolf Fritz spricht davon, dass der Polizei erste „Poser-Bewegungen“ in der Bühler Innenstadt bekannt geworden seien.

Junge Fahrer mit PS-starken Autos

Es handle sich um junge Fahrer mit PS-starken Fahrzeugen, die diese „sehr sportlich und damit unsicher bewegen“. Laut Fritz sind es gerade die Schaltvorgänge der sportlichen Automatikgetriebe, die eine auffällige Lautstärke entwickeln. Der Streifendienst sei an diesen auffälligen Fahrern dran, so der Revierleiter.

Polizeikontrolle.: Sind Umbauten am Fahrzeug nicht eingetragen, kann es zur Stilllegung kommen. | Foto: dpa

Für Ingo Beese war es buchstäblich ein Erweckungs-Erlebnis: Kaum in Bühl angekommen, wurde er in seinem neuen Domizil schon in der ersten Nacht von markanten Motorgeräuschen aufgeschreckt. „Wenn man neu irgendwo hingezogen ist, gibt es auch neue Geräusche“, sagt der Vertriebler.

Doch diejenigen, die der 44-Jährige und seine Partnerin vernahmen, lagen deutlich über dem, was zum normalen Maß einer Kleinstadt gehört. „Und da ist uns das dann regelmäßig aufgefallen.“  Beese spricht von „Rasern“, die in der Bühler Innenstadt ihre Runden drehen. Während des Weihnachtsmarkts wurde der Neubürger dann eines dieser Fahrzeuge ansichtig. Es handelte sich um einen BMW, der flott seine Spur zog. „Es war immer das gleiche Fahrzeug.“

Beese informierte Ordnungsamtschef Andreas Bohnert. Die Antwort mit dem Vermerk, dieses Phänomen sei bekannt, „war sehr allgemein gehalten.“ Es sei „immer verrückter“ geworden. Der lärmgeplagte Neubühler kontaktierte die Polizei. „Es handelt sich um eine Einschränkung der Lebensqualität. Ich bin ja nicht der, der sich aufregt, um sich aufzuregen.“

Doch deren Antwort konnte Beese ebenfalls nicht befriedigen. Die Beamten des Bühler Reviers forderten zudem Beweise: Zeiten, Fahrzeuge und anderes mehr. Der 44-Jährige lieferte ein Video von einem riskante Überholmanöver. Und Beese wurde auf Facebook aktiv, es könne ja nicht sein, dass diese Vorfälle niemand anders bemerke. Und in der Tat war es so. Es meldeten sich andere Bühler, die unter den sogenannten Posern bei deren Schau-Fahren litten. Beese, der aus seiner Karlsruher Zeit Straßen-Radau sehr gut kennt, gründete daraufhin seine eigene Gruppe auf der digitalen Kommunikationsplattform für alle Lärmgeplagten. Die Resonanz sei ausbaufähig: „Ich hatte mir mehr gewünscht“.