Windmühlen bis zum Horizont gibt es in Nordrhein-Westfalen. In Mittelbaden sind diese Anlagen extrem umstritten. | Foto: Ulrich Coenen

Energiewende in der Region

Regionaldirektor Gerd Hager: „Wir werden auch am Oberrhein große Windanlagen sehen“

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Windenergie ist in Mittelbaden ein absolutes Reizthema. Der neue Windatlas für Baden-Württemberg hat im vergangenen Jahr mehr als 220.000 Hektar als zusätzliche Flächen für Windenergie ausgewiesen, vor allem am Oberrhein. Das hat viele Kommunalpolitiker und Bürger in Mittelbaden beunruhigt.

Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen hat mit Gerd Hager, dem Direktor des Regionalverbandes Mittlerer Oberrhein, über die Zukunft der umstrittenen Windkraft und Alternativen gesprochen.

In der nördlichen Hälfte der Bundesrepublik drehen sich bereits tausende Windräder. In Mittelbaden fürchten die Menschen aber eine Verspargelung der Landschaft und eine Verschandelung des Schwarzwalds. Was sagen sie denen?

Gerd Hager: Ich war Mitglied in dem Beirat, der den neuen Windatlas Baden-Württemberg 2019 begleitet hat und kann ihn deshalb gut einschätzen. Festgelegt wurden dort reine Potenzialflächen, also das, was theoretisch denkbar ist. Es handelt sich ausdrücklich nicht um real zur Verfügung stehende Grundstücke, weil beispielsweise Artenschutz, Naturschutz und Denkmalschutz nicht berücksichtigt sind. Unterwegs wird noch sehr viel liegen bleiben.

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Gibt es in Zukunft in Mittelbaden nun mehr Windräder oder nicht?

Hager: Eines ist Fakt: Wir haben deutlich mehr und größere Gebiete, weil eine neue Generation von Windanlagen schwachwindtauglich ist. Der Windatlas 2019 brachte viele Flächen, an die früher niemand gedacht hat. Ihre Windernte war zu gering. Diese Potenziale sind jetzt interessant geworden. Die beinahe tektonischen Veränderungen wird gerade unsere Region spüren. Der Oberrhein ist der Teil von Baden-Württemberg, der am meisten hinzubekommen hat. Tatsächlich sind es fast nur Schwachwindstandorte, aber die kann man heute wirtschaftlich nutzen.

Verbandsdirektor Gerd Hager | Foto: Artis

Der Widerstand der Kommunalpolitiker und der Bürger in Mittelbaden gegen diese immer höher werdenden Anlagen bleibt aber sehr groß.

Alles andere wäre zu teuer.

Hager: Die Energiewende kann realistischerweise nur mit Solar- und Windenergie gelingen. Alles andere wäre zu teuer. Bei der Biomasse und bei der Wasserkraft sind die Möglichkeiten bereits weitgehend ausgeschöpft. Die Geothermie ist gerade im Oberrheingraben eine Zukunftstechnologie, aber noch in einem frühen Stadium – und sehr teuer. Außerdem gibt es Akzeptanzprobleme.

Kann die Energiewende am Oberrhein auch ohne Windkraft gelingen oder ist diese auch in Mittelbaden unverzichtbar?

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Hager: Der Oberrhein besitzt eine besondere Begabung für Solar, die Sonne scheint lange und intensiv. Dagegen weht der Wind im Bundesvergleich eher schwach. Die Region setzt vor allem auf Solar. Gleichwohl kann man aufgrund der modernen Windtechnologie inzwischen auch hier wirtschaftlich arbeiten. Meine Prognose lautet: In den nächsten Jahren sehen wir am Oberrhein einige große Windkraftanlagen.

Wird das im neuen Regionalplan, an dem der Regionalverband aktuell arbeitet, Berücksichtigung finden?

Wenn wir verlieren, müssen wir ran.

Hager: Mal sehen. Der Verband hat bereits einen Teilregionalplan Wind vorgelegt, den allerdings Baden-Baden, Forbach, Ettlingen und Malsch beklagen. Noch für dieses Jahr hat der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim ein Urteil in Aussicht gestellt. Wenn der Regionalverband gewinnt, wird am Plan nichts geändert, der Verband konzentriert sich auf die Siedlungsentwicklung. Wenn wir verlieren, müssen wir ran. Vor diesem Hintergrund überrascht mich die Klage der vier Kommunen. Sie sind ja nicht der Meinung, dass wir zu wenig Windenergie in Mittelbaden hätten, sondern, dass es zu viele Standorte gibt. Eine Planung auf Grundlage des neuen Windatlasses Baden-Württemberg wird deutlich mehr Standorte bringen.

Wenn in Mittelbaden neue Windkraftanlagen gebaut werden, wird es aber vor Ort erheblichen Widerstand geben.

Hager: Meiner Meinung nach kann regenerative Energie nicht ohne Akzeptanz der Bürger leben. Deshalb ist es wichtig, dass wir über Abstände reden. Eine Mindestdistanz von 1000 Metern halte ich bei Anlagen von 250 Metern Höhe für notwendig. Bei den bisherigen Anlagen mit einer Höhe 150 Metern waren 700 Meter Abstand für Viele akzeptabel. Das gilt nicht im gleichen Maße, wenn die Anlagen um 100 Meter wachsen. Dann sollte die Entfernung zu den Betroffenen mitwachsen.

Wird der neue Regionalplan sich auch mit Solarenergie beschäftigen und wird es dabei mehr um große Freiflächen oder Anlagen auf den Dächern gehen?

Hager: Der Regionalverband hat bereits 2006 als Pionier im Südweststaat eine Solarplanung beschlossen. Eine zweite folgte 2019. Sie identifiziert die großen Freiflächen. Unabhängig davon sollten Solaranlagen auf alle Dächer, insbesondere bei Neubauten. Solarenergie bedeutet nicht nur Stromerzeugung, sie liefert auch Wärme. Wir benötigen zusätzlich Nahwärme- und Speicherkonzepte. Es ist nicht damit getan, eine Anlage aufs Dach zu nageln. Diese Aktion ist Voraussetzung für die Energiewende, sie allein genügt aber nicht.

Werden Solaranlagen auf den Dächern in Zukunft also eine wichtigere Rolle spielen?

Was im Gesetz steht, muss nicht noch einmal im Regionalplan stehen.

Hager: Über die CO2-freie Bauleitplanung führt die Region mit den Gemeinden seit Jahren einen intensiven Dialog. Solaranlagen gehören auf Wohn- und Gewerbegebäude, aber auch Parkplätze bieten ein großes Reservoir. Selbst Baggerseen und Klärbecken eröffnen Möglichkeiten. Der Gesetzgeber hat sich in Sachen Klimaschutz vorgenommen, für neue Gewerbebauten eine Solarpflicht einzuführen. Was im Gesetz steht, muss nicht noch einmal im Regionalplan stehen.

Nun sind Solaranlagen auf den Dächern von Bestands-Wohngebäuden gestalterisch meist unbefriedigend?

Hager: Wir betreiben dieses Thema nicht mit Schaum vor dem Mund. Gestalterische Fragen kann das Tandem Architekt/Bauherr gut lösen. Im Bestand würde ich denkmalgeschützte Gebäude und ihre prägende Umgebung ausklammern. Bei allen anderen Vorhaben liegt die Verantwortung bei den Eigentümern. Bei vorhandenen Bauwerken wollen wir motivieren, nicht regulieren.