FRÜHE LESE UND GERINGE SÄUREWERTE: Der Klimawandel ist im Weinbau angekommen, die Rahmenbedingungen für die Erzeuger ändern sich, macht der langjährige Weinbauberater im Kreis, Winfried Köninger, deutlich. | Foto: dpa

Weinbau in der Ortenau

Rekordjagd bei Öchslegraden verliert an Bedeutung

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Früh wie selten hat 2018, auch in den Reben rings um Offenburg, die Weinlese eingesetzt – untrügliches Zeichen dafür, dass der Klimawandel den Weinbau längst erreicht hat. Noch etwas ist typisch für das Weinjahr: Die Öchslegrade, über Jahrzehnte hinweg Gradmesser für Qualität, sind hoch wie selten. Auch die Menge liegt deutlich über dem Schnitt der Vorjahre. Der ABB sprach mit Winfried Köninger, einem der anerkannten Weinexperten in der Region. Winfried Köninger stammt aus Kappelrodeck und ist inzwischen in Ortenberg zu Hause. Der 71-Jährige war Weinbauberater des Ortenaukreises und Chef des Weinguts Schloss Ortenberg.

Mehr als 100 Öchsle sind 2018 schon fast normal: Haben Sie jemals ein Weinjahr mit höheren Durchschnittswerten erlebt?

Köninger: Ich kann auf 62 Weinjahrgänge zurückblicken. Von 1956 bis 2018 kann ich so ziemlich jeden Jahrgang analysieren beziehungsweise dessen Eigenschaften beschreiben. Das Frappierende dabei: 1956 und 2018 sind die zwei Extremjahre. 1956 ist alles erfroren, nicht nur die Jahresernte, sondern auch komplett Rebbestände, Stock, Wurzeln, ganze Anlagen. Im Nachhinein war der 56er der schlimmste Jahrgang in der Nachkriegszeit, zugleich aber auch ein Segen: Denn aufgrund der erfrorenen Bestände wurden die notwendigen Rebflurbereinigungen in Angriff genommen. Die Winzer mussten ohnehin die ganzen Bestände roden, damit konnten die ganzen Gewanne neu angelegt werden.

Und 2018 als Gegenpol?

Köninger: Mir ist nicht in Erinnerung, dass es seit dem Krieg eine Ernte gegeben hat, in der alles so optimal gestimmt hat: der Gesundheitszustand der Trauben, die Qualität und die Menge. Ein tolles Jahr war gewiss auch 1959, allerdings waren die Erträge deutlich geringer.

Es ist noch gar nicht so lange her, da schworen die Winzer nur auf Öchsle, Öchsle, Öchsle. Hauptsache, viel Mostgewicht. Haben die Öchsle immer noch eine überragende Bedeutung?

Köninger: Nein. Gute Mostgewichte sind zwar immer noch mit Voraussetzung für einen guten Tropfen, aber sie sind in den Spitzenbereichen, wie sie zum Teil vorkamen und erstrebenswert waren, nicht mehr erforderlich. Heutiges Produktionsziel sind Trauben aus Rebstöcken, die normale Erträge haben, mit nicht allzu hohen Öchslewerten. Dinge wie Terroir, also der Einfluss von Boden, Klima und Umgebung, Stockbelastung, gutes Süße-Säure-Verhältnis haben heute einen ganz anderen Stellenwert.

Winfried Köninger. Foto: pr

Gute Öchslegrade sind also mit die Voraussetzung für gute Weine. Doch droht, falls sie zu hoch sind, nicht die Gefahr, dass Alkoholbomben entstehen?

Köninger: Doch. Das ist ein Stück weit das Ergebnis des Klimawandels. Wir haben warme und trockene Sommer und dadurch mehr Assimilationsleistung der Reben: Es wird mehr Zucker in den Beeren gebildet. Je höher der Zuckergehalt, desto höher der Alkohol im fertigen Wein.

Kann der Kellermeister im Zweifelsfall noch was retten?

Köninger: Die Kellermeister hatten oder haben in diesem Jahr mit drei Problemen zu kämpfen: Sie mussten an den Lesetagen in kurzer Zeit mit großen Liefermengen fertig werden, eine sehr große Herausforderung. Dann war nicht selten, gerade mittags und nachmittags, das angelieferte Lesegut zu warm. Der Kellermeister musste mit hohem Energieaufwand den Most in den Durchlaufkühler schicken und ihn von 30 auf 15 Grad herunterkühlen, um eine normale Gärung einzuleiten. Hätte er das nicht getan, wäre die Gefahr der Essigbildung und einer zu schnellen Gärung entstanden, womit Aromaverluste einhergegangen wären. Da hatte der Einsatz des Vollherbsters Vorteile: Die Maschine kann auch nachts und frühmorgens eingesetzt werden, wenn es noch kühler ist.

Weiteres Problem, mit dem der Kellermeister fertig werden musste?

Köninger: Wir hatten 2003 ein ähnlich heißes Jahr mit ähnlichen Mostgewichten, mitunter noch höher. Damals wurde die Lese oft viel zu weit hinausgezögert – klar, hohe Mostgewichte waren noch das Ziel. Die Weine bekamen zu viel Alkohol.

Das Risiko besteht doch auch 2018?

Köninger: Bestand! Man hat nämlich aus 2003 die Lehre gezogen und die Lese früher eingeleitet. In diesem Herbst wurden teilweise sogar die Burgunder vor dem Müller-Thurgau geherbstet, weil bei denen die Gefahr zu hoher Mostgewichte und also zu hoher Alkoholgehalte zu hoch war. Man wird also im Weißweinbereich keine Alkoholbomben befürchten müssen. Im Rotweinbereich spielt das ohnehin keine Rolle.

Der Kellermeister drittes Problem?

Köninger: Zu geringe Säurewerte. In diesem Jahr gibt es in Deutschland eine Ausnahmegenehmigung: Die Kellermeister dürfen natürliche Weinsäure zusetzen, wie es in Frankreich, Griechenland, Spanien ohnehin üblich ist.

1976, 1983, 1990 und seit der Millenniumswende immer häufiger war vom Jahrhundertjahrgang die Rede. Hat der Begriff überhaupt noch Gültigkeit?

Köninger: Der Jahrhundertjahrgang war früher willkommen, weil er zwar auch seit dem Krieg ein paar Mal, aber doch selten vorkam. Ich möchte auch noch 1947, 1959 und 1971 nennen. Doch heute? Nein, der Begriff hat ausgedient, es gibt heute ja fast jährlich Top-Weine.

Die Weinlesen beginnen immer früher: Wird ein Lesebeginn Mitte August bald normal sein?

Köninger: Wenn die Entwicklung des Klimas so weitergeht, dann ja. Denn dann haben wir Verhältnisse wie im Mittelmeerraum, in Griechenland wie in Nordafrika.