Als Vollstrecker der Euthanasie gilt Arthur Schreck.
Als Vollstrecker der Euthanasie gilt Arthur Schreck. | Foto: Stadtarchiv Achern

Abkehr von Humanität

„Rassenbiologisch minderwertige Glieder“

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Obgleich die Heil- und Pflegeanstalt Illenau vor 1933 sicher kein „Hort des Nationalsozialismus“ war, erschreckt im Rückblick, wie nach 1933 die völlige Abkehr von Grundsätzen der Humanität und Nächstenliebe erfolgte.

Vorahnung: Verlust der Humanität

Der katholische Anstaltsgeistliche Anton Grumann schreibt schon im September 1933 an den Erzbischof in Freiburg, wie sich die Behandlung geisteskranker Menschen ändern wird. „Da nun die Auffassung über Geisteskranke darauf hinausgeht, in diesen rassenbiologisch minderwertige Glieder am Organismus des Volkes zu sehen, wird man für die Irrenanstalten bewusst und absichtlich so wenig als möglich an Staatsmitteln aufwenden. Das Sterilisierungsgesetz weist klar darauf hin, dass Wege gesucht werden, die Geisteskranken auszumerzen. Die christlichen Auffassungen von dem Wert des Leidens an sich, von dem Werte für den Leidenden und für die Mitmenschen werden vollständig ausgeschaltet.“

Geistliche werden entlassen

1933 rechnet der Geistliche mit dem Ende der Arbeit eines Geistlichen in der Illenau und schon 1935 wird Anton Grumann wegen „Entgegenarbeiten gegen das Gesetz der Unfruchtbarmachung“ amtsenthoben. Der evangelische Pfarrer Hans Trenkle, so berichtet der Acherner Historiker Gerhard Lötsch, wird im Mai 1935 von der Gestapo verhört.

1936 wurden, wie der Historiker Hugo Schneider 1981 in einem Beitrag für „Die Ortenau“ schreibt, durch einen Erlass des Reichsstatthalters Robert Wagner die katholische Kirche Illenau und die evangelische Seelsorgestelle aufgehoben und beide Oberpfarrer in den Ruhestand versetzt.

Patienten kommen nach Rastatt

Im Juni 1934 wurde in Rastatt eine „besondere Verwahranstalt für dauernd anstaltsbedürftige Geisteskranke“ errichtet. Mit 117 Patienten aus Illenau wurden erfahrene Pflegerinnen und Pfleger nach Rastatt versetzt. Zuvor waren im Zuge der Sparmaßnahmen bereits Wärterinnen und Wärter entlassen worden.

Außer der Versorgung der Patienten hatten die verbleibenden Mitarbeiter auch an vielen Parteiveranstaltungen teilzunehmen, berichtet Hugo Schneider, wie die NSDAP die Illenau beeinflusste. „Die Bedingungen in Rastatt sprachen allen baulichen Fortschritten der Psychiatrie Hohn. Zimmer oder Tagsäle gab es nicht, nur gewölbte Kasematten mit winzigen Fenstern, in denen 16 bis 17 Betten standen“, beschreibt Heinz Faulstich die „Sparanstalt“ Rastatt.

Erster planmäßiger Massenmord.

Insgesamt werden bis Ende 1939 aus der Illenau 538 Patienten wegen attestierter „Erbkrankheit“ am Acherner Krankenhaus unfruchtbar gemacht. Heinz Faulstich nennt die Zwangssterilisationen den „ersten planmäßigen Massenmord des Nationalsozialismus.“ „Die Leute, besonders der besseren Abteilungen, entzogen sich dem Zugriff des Staates, indem sie nach Hause gingen. Unsere Durchschnittsbelegung war sonst 700 Kranke, jetzt nur 600“, führt Hans Trenkle Konsequenzen der Sterilisierungen an.

Mit den „grauen Bussen" wurden 254 Patienten der Illenau in die Gaskammer von Grafeneck gebracht.
Mit den „grauen Bussen“ wurden 254 Patienten der Illenau in die Gaskammer von Grafeneck gebracht. | Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Seelsorger zerstreuen Bedenken

Zur Rolle des Seelsorgers im Zusammenhang der Sterilisierungen schreibt Hans Trenkle: „Der Geistliche hat des öfteren Gelegenheit, aufklärend und beruhigend zu wirken und religiöse und sittliche Bedenken zu zerstreuen, indem er die Erzeugung eines erbgesunden Nachwuchses als gottgewollte Schöpfungsordnung erweist … Viele Patienten zeigen sich für solche Gedanken zugänglich und dankbar.“

Zur Sterilisation gezwungen

Zu den „Dankbaren“ gehörte sicher nicht der aus Önsbach stammende Ingenieur Artur Hildebrand, der von den Ärzten als „schizophren“ eingestuft worden war. Er leide an „unaufhaltsam .. fortschreitendem Persönlichkeitszerfall.“ 1937 wurde Hildebrand gegen seinen Widerstand zwangssterilisiert. Bis zu seinem Tod führte der hochintelligente und technisch äußerst begabte Artur Hildebrand einen Kampf um Rehabilitation. 2015 wurde in Önsbach eine Straße nach Artur Hildebrand benannt.

Roemer versucht Tötung zu verhindern

Am 5. Dezember 1939 wird Hans Roemer über Adolf Hitlers sogenannten „Euthanasie-Erlass“ vom 1. September 1939 informiert. „Ich lasse mich nicht zum Mörder der mir anvertrauten Patienten machen“, sagt Roemer eindeutig. Die Mitwirkung am Tötungsprogramm versuchte der Illenaudirektor durch Gespräche mit Verantwortlichen in Karlsruhe und Berlin, durch vorzeitige Entlassung von Patienten sowie durch wiederholte Krankmeldungen zu verhindern. Wie Hans Roemer, der am 8. Juli 1940 die Illenau verlässt, setzt sich auch die Ärztin Johanna von Liguori aus der Illenau ab.

In Grafeneck starben etwa 254 Illenauer Patienten. Heute ist der Ort eine Gedenkstätte für die Ermordeten. | Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Am 18. Mai 1940 waren 40 Männer und 35 Frauen aus der Illenau in die Tötungsanstalt Grafeneck abtransportiert worden. Ein „Euthanasie-Vollstrecker“ für Viele in der Illenau und in ganz Deutschland war Arthur Schreck, Direktor der 1934 gegründeten Anstalt Rastatt. Der in der NS-Zeit eindeutige Befürworter der „Euthanasie“ war von 1913 bis 1934 Arzt in der Illenau gewesen und kehrte im Juli 1940 an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Schreck gehörte bei der sogenannten „T 4-Aktion“ zu den berühmten „Kreuzlschreibern“, die als Gutachter in fleißiger Aktivität, teilweise abends im Gasthaus, wie in einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ aus dem Jahr 1961 steht, zahllose Menschen für die Ermordung in der Gaskammer von Grafeneck, später Hadamar vormerkten.

254 Patienten aus Illenau ermordet

Von zuletzt 671 Illenauer Patienten wurden, wie auch dank der Forschungen von Andrea Rumpf, Archivarin der Stadt Achern, bekannt ist, mindestens 254 in Grafeneck ermordet. Am 19. Dezember 1940 wurde die Acherner Illenau aus der Liste der badischen Heil- und Pflegeanstalten gestrichen.