Volles Haus war bei der Rastatter Kreisversammlung in Lautenbach.
Volles Haus war bei der Rastatter Kreisversammlung in Lautenbach. | Foto: Collet

Rastatt und Bühl/Achern

Rotes Kreuz steht vor Scherbenhaufen

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Mit gedrückter Stimmung haben die 191 Delegierten die Versammlung des Kreisverbands Rastatt im Deutschen Roten Kreuz verlassen. Die Fusion mit dem Kreisverband Bühl/Achern war im Bürgerhaus Lautenbach geplatzt, obwohl eine deutliche Mehrheit von 126 Delegierten dafürgestimmt hatte. Allerdings wurde das Quorum von 75 Prozent nicht erreicht. Die zeitgleich tagende Versammlung des Kreisverbands Bühl/Achern hatte der Fusion mit 95 Prozent zugestimmt.

Zukunft in Rastatt ungewiss

Mit diesem Ergebnis ist die Zukunft des Rastatter Kreisverbands ungewisser denn je. „Wir müssen jetzt schauen, wie wir das Schiff Kreisverband so flott bekommen, dass es weiter bestehen kann“, erklärte ein sichtlich enttäuschter Aufsichtsratschef Michael Pfeiffer. Ein anderes Aufsichtsratsmitglied konnte es nicht fassen: „Jetzt haben sie den Kreisverband kaputt gemacht.“

Ortsvereine wollen austreten

Einzelne Ortsvereinschefs machten nach der Versammlung ihrem Ärger Luft und erkundigten sich bei Birgit Wiloth-Sacherer vom Landesverband, welche Schritte sie unternehmen müssten, damit sie aus dem Kreisverband austreten können. Pfeiffer äußerte sich zu seiner persönlichen Zukunft im BNN-Gespräch noch nicht. Im Vorfeld hatte er deutlich gemacht, dass man finanziell „mit dem Rücken an der Wand“ stehe. Ob man den Rettungsdienst weiterführen könne, sei nicht sicher. Mit anderen Worten: Das Rote Kreuz in Rastatt steht vor einem Scherbenhaufen.

Ortsverein Rastatt als starker Kritiker

Die Abstimmung war geheim. Allerdings hatte der mitgliederstärkste Ortsverein Rastatt, der für seine Delegierten einen Bus für die Versammlung gechartert hatte, im Vorfeld seine Ablehnung bekundet. Er fürchtete für seine Arbeit bei einer Fusion Nachteile. Falls die 34 Delegierten aus Rastatt tatsächlich alle mit Nein gestimmt haben, müssten weitere 31 Nein-Stimmen aus anderen Ortsvereinen dazugekommen sein.
Der Aufsichtsrat muss jetzt einen neuen Vorstand als Geschäftsführer finden, da Felix Brenneisen nur noch bis 31. August im Amt ist. Brenneisen führte die Verbände Bühl/Achern und Rastatt gemeinsam, nach der Fusion wäre er Chef des großen Verbands Mittelbaden gewesen. „Vielleicht können wir die Lösung noch einige Wochen verlängern, aber ewig geht das nicht mehr“, so Michael Pfeiffer. Der Aufsichtsrat werde sich nun über seine Zukunft mit dem Landesverband abstimmen.

Große Abhängigkeit vom Rettungsdienst

Das Hauptproblem des Kreisverbands Rastatt ist die große Abhängigkeit vom Rettungsdienst, dessen Ergebnisse sehr schwankend sind. Sollte Rastatt die Arbeit nicht mehr tragen können, würde der Landesverband einspringen und einen Kreisverband suchen, der den Rettungsdienst übernimmt.

Kommentar: Tiefer Riss
Für den Kreisverband Rastatt des Roten Kreuzes war es die letzte Chance. Die Fusion mit dem stabilen Verband Bühl/Achern hätte die Arbeit auf ein sicheres finanzielles Fundament gestellt. Ortsvereine hätten Unterstützung angesichts neuer gesetzlicher Regelungen, die ehrenamtlich nicht zu leisten sind, bekommen. Der Rettungsdienst hätte Gewicht gehabt in den Verhandlungen gegenüber den Kostenträgern. Und die Menschen hätten von den gemeinsamen sozialen Angeboten beider Verbände profitiert.
Nach der Blockade von 65 Delegierten und damit der gescheiterten Fusion ist ein tiefer Riss entstanden. Fatal ist, dass ja eine Mehrheit von zwei Dritteln diese Fusion in Rastatt wollte. Diese Mehrheit muss nun miterleben, wie sich ein selbstbewusster Kreisverband selbst zerlegt. Die ersten Austrittswünsche von Ortsvereinen sind angekündigt, der Rettungsdienst steht auf der Kippe – und eineinhalb Jahre intensive und teure Vorarbeit war für die Tonne. Die nachfolgenden Generationen, die sich dem Gedanken von Henry Dunant verpflichtet fühlen, werden einst staunend rückwärts sehen.
Der Kreisverband Bühl/Achern wird diesen Wimpernschlag der Geschichte problemlos wegstecken. Er hatte sich nach seinem missglückten Hotelabenteuer konsequent neu aufgestellt und weist heute eine Sozialarbeit in der Breite auf, die man als Puffer für den finanziell launischen Rettungsdienst haben muss. In Bühl können die Strategen in Ruhe sondieren, ob etwa eine Zusammenarbeit mit Offenburg sinnvoll wäre. Oder auch nicht.
Vorwerfen lassen müssen sich die Bühler jedenfalls nichts – Rastatt hatte um ihre Hand angehalten und ihnen nicht nur den Verbandssitz in der Barockstadt abgerungen, sondern auch die niedrigere Kreisumlage für die Ortsvereine. Trotz dieser Zugeständnisse waren die Bühler nahezu einstimmig mit dabei, während auf der anderen Seite vor allem der mächtige Ortsverein Rastatt auf dem Standpunkt verharrte: Wir brauchen die Bühler nicht, wir sind alleine lebensfähig. Den meisten anderen Ortsvereinen im Kreisverband Rastatt geht es hingegen nicht so gut, sie wären auf mehr Unterstützung angewiesen. Nur ein starker Ortsverein kann sich einen schwachen Kreisverband leisten.
Wenn er aber so schwach wird, dass er am Ende des Jahres pleite ist, werden das auch die Starken merken. Denn dann werden nicht mehr – wie bei der Fusionsvorbereitung – die besten Bedingungen ausgehandelt, sondern dann diktieren Sanierer das Mögliche. Man kann nur hoffen, dass es nicht so weit kommt.